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Keine Prognose : Ökonomen im Erklärungsnotstand

DIW-Chef Zimmermann veröffentlicht keine Prognose für 2010 Bild: AP

Eigentlich ist es die ureigenste Aufgabe der Ökonomen aus den Wirtschaftsforschungsinstituten, uns die Krise zu erklären - und Vorhersagen zu treffen, wie es weitergeht. Doch jetzt hat das erste Institut kapituliert: Das DIW wagt keine Prognose mehr für das Jahr 2010.

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          Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) macht ernst: Sein Institut werde keine Prognose für das kommende Jahr veröffentlichen, kündigte Klaus Zimmermann am Dienstag an. In der gegenwärtigen Situation außergewöhnlich großer Unsicherheiten sei eine quantitative Prognose für 2010 nicht sinnvoll.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          „Seit der Verschärfung der Finanzkrise laufen alle Vorhersagen der tatsächlichen Entwicklung drastisch hinterher“, sagte der DIW-Präsident. Sämtliche Prognostiker hätten die Dynamik der Krise unterschätzt. Das DIW war allerdings eines der letzten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute, das den Absturz in eine schwere Rezession eingestand. Selbstkritisch heißt es dazu vom DIW, die Konjunkturforschung verfüge noch nicht über geeignete Instrumente, um Wendepunkte und besonders beginnende Abschwünge zu erkennen. „Die Makroökonomik befindet sich einem Erklärungsnotstand“, urteilt Zimmermann.

          Zum Prognosestopp aufgefordert

          Schon im Dezember hatte der Ökonom seine Zunft zu einem Prognosestopp aufgefordert (siehe dazu auch: Ökonom Zimmermann schürt Debatte über Prognosestopp ). „Wir sollten langsam aufhören, immer neue Horrorprognosen zu produzieren.“ Damals hielten mehrere Institute ein Schrumpfen der deutschen Wirtschaft um 2 Prozent in diesem Jahr für möglich. Im Wirtschaftsministerium kursierte die interne Prognose von minus 3 Prozent.

          Doch inzwischen zeichnet sich ab, dass die Konjunktur viel schlechter ist. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft erwartet 3,7 Prozent Minus, das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle 4,8 Prozent Minus, die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) sogar 5,3 Prozent Minus. Die pessimistischste Prognose hat die Commerzbank veröffentlicht, die ein Schrumpfen der deutschen Wirtschaft von bis zu 7 Prozent erwartet. Tatsächlich treten diese Punktprognosen aber nur mit geringer Wahrscheinlichkeit ein, realistischer wäre es – gerade in Zeiten großer Unsicherheit –, eine Bandbreite für die Konjunkturentwicklung anzugeben.

          Modelle stoßen „an die Grenzen des Machbaren“

          Der DIW-Chef Zimmermann möchte sogar darauf verzichten. Mit den üblichen Methoden ließe sich die rasche Ausbreitung der derzeitigen Krise und ihre Tiefe nicht mehr nachvollziehen. „Strukturmodelle, die in normalen Zeiten verlässliche Prognosen liefern, stoßen bei historischen Wachstumseinbrüchen an die Grenzen des Machbaren.“

          Angesichts der Unsicherheit bestehe die Gefahr, dass die Ökonomen in Herdenverhalten fielen und im Gleichschritt immer tiefere Prognosen veröffentlichten. Daran wolle sich das DIW nicht mehr beteiligen. Die meisten Institute erwarten für 2010 nur eine schwache Erholung der Wirtschaft. Nach der OECD-Prognose wird es ein leichtes Plus von 0,2 Prozent sein.

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