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Infrastruktur in Amerika : Einmal mehr zum Erliegen gebracht

Belastungstest: Ein umgekippter Baum auf einer Stromleitung Bild: dapd

Der Schneesturm im Nordosten der Vereinigten Staaten beleuchtet die gravierenden Mängel der amerikanischen Infrastruktur. Mehr Investitionen in das marode System sind nicht zu erwarten.

          3 Min.

          Es ist ein Jahr der Wetterkapriolen für die Menschen im Nordosten der Vereinigten Staaten. Erst im August fegte der Hurrikan „Irene“ an der Ostküste entlang und hinterließ schwere Verwüstungen, auch wenn die zunächst befürchtete ganz große Katastrophe in der Metropole New York ausblieb. Schwere Wirbelstürme wie „Irene“ sind in dieser Region des Landes eine Seltenheit. Am Wochenende wurden Amerikaner in New York und anderen Teilen des Nordostens von einem für die Jahreszeit völlig unüblichen Schneesturm überrascht. Es war überhaupt erst das vierte Mal seit Beginn von Messungen vor 135 Jahren, dass im New Yorker Central Park im Oktober nennenswerter Schneefall registriert worden ist. In manchen Regionen fiel mehr als ein halber Meter Schnee. Der Schneesturm brachte den Verkehr auf vielen Straßen und Schienen zum Erliegen, viele Flüge wurden gestrichen. Wie schon bei „Irene“ kam es zu Stromausfällen, unter anderem weil Bäume auf Stromleitungen fielen: Weit mehr als drei Millionen Haushalte hatten nach dem Sturm keinen Strom. Viele von ihnen müssen nach Angaben ihrer Versorgungsunternehmen noch auf Tage hinaus ohne Strom auskommen.

          Ablehnende Haltung

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Die weitreichenden Folgen des Schneefalls vom vergangenen Wochenende beleuchten einmal mehr die Anfälligkeit der amerikanischen Infrastruktur. Der beklagenswerte Zustand von Straßen, Brücken oder Stromnetzen macht sich in Vereinigten Staaten immer wieder bemerkbar, und das nicht nur im Zusammenhang mit Unwetter. Einer der spektakulärsten Fälle und eine Blamage für die Vereinigten Staaten war der Stromausfall im Jahr 2003, der die Lichter in New York ausgehen ließ und bei dem 45 Millionen Amerikaner keinen Strom hatten. Der alarmierende Zustand vieler Brücken wurde Amerikanern im Jahr 2007 vor Augen geführt: Beim Einsturz einer Brücke in Minneapolis kamen 13 Menschen ums Leben.

          Die miserable Verfassung der Infrastruktur wurde den Vereinigten Staaten kürzlich in einer Studie des World Economic Forum vor Augen geführt: Demnach ist Amerika bei der Qualität der Infrastruktur unter allen Ländern der Welt nur noch auf Rang 16 zu finden. Vor wenigen Jahren waren die Vereinigten Staaten noch auf dem sechsten Platz. Präsident Barack Obama ist sich dieser Schwäche wohl bewusst: „Amerika hatte einmal von allem immer das Beste: die besten Straßen, die besten Flughäfen, die besten Häfen. Wir fallen zurück, weil wir nicht investieren“, sagte er im August bei einer Rede. Infrastrukturprojekte sind daher auch Teil des zuletzt von ihm vorgeschlagenen Konjunkturpakets, das aber bislang an politischem Widerstand gescheitert ist. Das politische Umfeld für mehr Investitionen in die Infrastruktur ist in jüngster Zeit angesichts der Defizitsorgen und der ablehnenden Haltung der Republikaner gegenüber jeglichen Steuererhöhungen immer schwieriger geworden.

          In schlechtem Zustand

          Der Ingenieursverband American Society of Civil Engineers schlägt schon seit Jahren Alarm: Die Organisation bewertet in regelmäßigen Abständen die einzelnen Teile der amerikanischen Infrastruktur, darunter Straßen, Brücken, Eisenbahnen, Flughäfen, Staudämme, Stromnetz oder Wasserversorgung. Kein einziges Segment bekommt dabei gute Noten ausgestellt. So hätten zum Beispiel 26 Prozent der rund 600.000 Brücken in den Vereinigten Staaten Defekte in ihrer Struktur oder entsprächen in anderer Form nicht den Standards. Ein Drittel aller größeren Straßen in den Vereinigten Staaten sind nach Angaben des Verbandes in schlechtem oder mittelmäßigem Zustand, 36 Prozent der Hauptverkehrsstraßen in städtischen Gebieten seien überlastet. Mehr als 4000 Staudämme in Amerika hätten gravierende Sicherheitsmängel.

          Der Verband schätzt, dass in den nächsten fünf Jahren insgesamt 2,2 Billionen Dollar notwendig wären, um die Infrastruktur in den Vereinigten Staaten in einen passablen Zustand zu bringen. Der Investitionsbedarf ist umso höher, weil die Belastung der Infrastruktur wegen des Bevölkerungswachstums in Amerika ständig steigt. Die Summen stehen freilich nicht einmal annähernd zur Verfügung: Der Verband rechnet mit Investitionen von einer Billion Dollar in den nächsten fünf Jahren. Es gebe somit also eine Lücke von 1,2 Billionen Dollar.

          Wachsender Investitionsbedarf

          Tatsächlich liegen die Vereinigten Staaten mit ihren Ausgaben für Infrastrukturprojekte weit hinter vielen anderen Ländern der Welt: Nicht einmal 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden in Amerika für die Infrastruktur aufgewendet, der Prozentsatz ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. In vielen europäischen Ländern liegt der Anteil bei 5 Prozent, in China sind es sogar 9 Prozent.

          Die Investitionszurückhaltung in der Infrastruktur wird Amerika auf längere Sicht teuer zu stehen kommen: So werden nach Schätzungen des Ingenieursverbandes Transportkosten für Unternehmen wegen der mangelhaften Infrastruktur innerhalb des nächsten Jahrzehnts um 430 Milliarden Dollar ansteigen. Bis zum Jahr 2020 könne der Verfall der Transport-Infrastruktur 876.000 Arbeitsplätze kosten. Das Washingtoner Institut „New America Foundation“ warnt in einer gerade veröffentlichten Studie, dass der Investitionsbedarf immer weiter ausufert, je länger Mängel nicht behoben werden: „Ein Projekt, das heute in der Reparatur Kosten von 5 Millionen bis 6 Millionen Dollar verursacht, kann schon in zwei Jahren mit mehr als 30 Millionen Dollar zu Buche schlagen“.

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