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Venezuela : Nicht mal ein Dutzend Eier für den größten Geldschein

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Ein Präsident mit Geldsorgen: Nicolás Maduro ballt die Faust im venezuelanischen Caracas. Bild: AP

In Venezuela wächst die Gefahr einer Hyperinflation. Im Alltag sind die Folgen des Preisanstiegs nicht zu übersehen.

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          In Venezuela steigen die Preise immer schneller. Nach Schätzung regierungsunabhängiger Ökonomen hat sich die galoppierende Inflation im Mai auf eine Jahresrate von 108 Prozent beschleunigt. Das ergab eine Umfrage der Agentur Reuters unter Banken und Instituten. Offizielle Daten zur Preissteigerung und zur Wirtschaftsentwicklung hat die Regierung in diesem Jahr bislang nicht ausgewiesen. Vor den Parlamentswahlen im Dezember kann Staatspräsident Nicolás Maduro keine schlechte Nachrichten gebrauchen. Doch im Alltag sind die Folgen des Preisanstiegs nicht zu übersehen.

          Der größte Geldschein über 100 Bolívar reicht nicht einmal mehr für ein Dutzend Eier oder einen Schokoriegel. Auf dem Schwarzmarkt ist der Schein keine 20 Eurocents mehr wert. Banken klagen über steigende Kosten für den Geldtransport, weil sich die Geldautomaten immer schneller leeren. Der dringende Appell der Geldhäuser an die Regierung, endlich Banknoten mit höherem Wert zu drucken, blieb bislang ungehört. Auch Kreditkartenzahlungen und Überweisungen funktionieren häufig nicht mehr, weil Limits überschritten werden, berichten Experten des Lateinamerikavereins (LAV) in Hamburg. Ökonomen rechnen für das Gesamtjahr mit einer Inflationsrate von bis zu 200 Prozent.

          Inflationsrate von bis zu 200 Prozent

          Es bestehe gar „eine ernsthafte Gefahr, dass sich das Szenario zu einer Hyperinflation entwickeln könnte“, warnt der Venezuela-Experte Francisco Rodríguez von der Bank of America Merrill Lynch. Die Preisdynamik zeige die typischen Symptome beim Beginn einer solchen Entwicklung. Die Regierung finanziere ein Staatsdefizit von etwa 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in hohem Umfang durch die Notenpresse. Kaum ein anderes Land wird so stark wie Venezuela von Verfall der Erdölpreise getroffen. Der Ölexport erbringt 96 Prozent aller Exporterlöse und mehr als die Hälfte der Staatseinnahmen des Landes. Staatspräsident Nicolás Maduro wolle vor den Parlamentswahlen im Dezember offenbar keine unpopulären Maßnahmen wie eine offizielle Abwertung der Währung oder eine Erhöhung der extrem niedrigen Benzinpreise durchführen, glaubt die Bank of America. Schon jetzt stimmt nur noch einer von vier Venezolanern Maduros Amtsführung zu. Die Oppositionsparteien kämen laut Umfragen bei der Wahl derzeit auf fast doppelt so viele Stimmen wie die regierenden Sozialisten.

          Milch und Fleisch fehlen

          Zwar hat die Regierung den Mindestlohn innerhalb eines Jahres bereits fünf mal angehoben. Doch auch die jüngste Erhöhung um 45 Prozent reicht nicht, um den Schwund der Kaufkraft auszugleichen. Zum offiziellen Wechselkurs hätte der Mindestlohn von 7422 Bolívar mit umgerechnet fast 1000 Euro zwar das mit Abstand höchste Niveau in Lateinamerika. Zum Schwarzmarktkurs entspricht er hingegen gerade einmal 12 Euro monatlich. Viele Waren sind zu offiziellen Preisen kaum erhältlich. Milch und Fleisch fehlen ebenso wie Hygieneartikel oder Mineralwasser und wichtige Medikamente. Die Importe, von denen Venezuelas Industrie ebenso abhängt wie der Handel, sind aufgrund der Devisenknappheit gegenüber 2012 um die Hälfte eingebrochen. Venezuelas Bruttoinlandsprodukt wird 2015 um 7 Prozent sinken, erwartet der Internationale Währungsfonds, nachdem die Wirtschaft schon 2014 um 3,6 Prozent geschrumpft war.

          Volkswirte der Deutschen Bank warnen vor der Gefahr von Zahlungsausfällen. Das Geschäft deutscher Unternehmen mit Venezuela habe deutlich abgenommen oder sei ganz zum Erliegen gekommen, berichtet der LAV. Die Unternehmen müssten bis zu sechs Monate auf Zahlungen warten, einige Firmen lieferten darum nur noch gegen Vorkasse an das südamerikanische Land.

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