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Ifo-Index sinkt : Konjunkturelle Wende nicht in Sicht

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Als sich die Stimmung in der deutschen Wirtschaft im Januar ganz leicht verbesserte, hofften viele Fachleute auf eine weitere Belebung. Vergebens: Dem Münchener Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung zufolge geht es im Februar schon wieder abwärts. Doch auch von Hoffnung ist die Rede.

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          Das Klima der deutschen Wirtschaft hat angesichts der weltweiten Konjunktur- und Finanzkrise einen neuen Tiefpunkt erreicht. Wie das Münchner Ifo-Institut am Dienstag mitteilte, sank der Geschäftsklimaindex im Februar um 0,4 Zähler gegenüber dem Vormonat auf 82,6 Punkte. Demnach sorgte für den Rückgang vor allem die verschlechterte Einschätzung der derzeitigen Lage durch die Unternehmen. Deutlich gestiegen seien hingegen die Erwartungen der Firmen an die Geschäfte in den kommenden sechs Monaten. „Dennoch bleiben die Erwartungen der Unternehmen vorwiegend skeptisch“, erklärte ifo-Chef Hans-Werner Sinn.

          Zwar sahen sie die Entwicklung für die kommenden sechs Monate weniger pessimistisch, das konnte aber den Ifo-Geschäftsklimaindex als wichtigen Indikator für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft nicht aus dem Tief holen.

          Bessere Stimmung am Bau und Einzelhandel

          „Insgesamt deuten die Befragungsergebnisse nicht auf eine konjunkturelle Wende hin“, sagte Sinn weiter. Die Erwartungen der Unternehmen blieben vorwiegend skeptisch. Bei den befragten Industrieunternehmen habe sich die Geschäftslage erneut verschlechtert. Sie rechnen mit einem schrumpfenden Auslandsgeschäft. In der Industrie sei unverändert mit Stellenabbau zu rechnen, erklärten die Experten. Auch der Großhandel bewerte die aktuelle Lage und die Aussichten schlechter.

          Bessere Stimmung herrscht dagegen im Baugewerbe und im Einzelhandel. In beiden Branchen werden die derzeitige Lage und die Entwicklungen in den kommenden Monaten besser bewertet als im Januar, hieß es. Besonders im Kraftfahrzeughandel habe sich die Stimmung deutlich verbessert. „Hier scheint die Abwrackprämie zu wirken“, erklärte Sinn.

          „Mehr kann die Regierung gerade nicht machen“

          Das milliardenschwere Konjunkturprogramm der Bundesregierung zeige erste Wirkungen, sagte Ifo-Konjunkturexperte Klaus Abberger. Die Erwartungen in der Baubranche seien zum Beispiel bereits sehr positiv, auch wenn der strenge Winter die aktuelle Lage noch erschwere. Das Paket könne allerdings nur an einzelnen Stellen und nicht in der Breite wirken, weil die deutschen Unternehmen international vernetzt seien und die Nachfrage aus dem Ausland derzeit fehle. „Deswegen steht die Industrie noch kräftig auf der Bremse.“ Der Bau und der Handel seien dagegen stabil.

          Insgesamt sollte sich Abberger zufolge die Konjunktur im zweiten Halbjahr bessern. „Wenn weltweit die Konjunkturprogramme wirken, wird es zumindest eine Stabilisierung geben, wenn auch noch keinen Aufschwung.“ Ein weiteres Maßnahmenpaket sei zunächst nicht nötig. Erst sollte weiter abgewartet werden, wie die bisherigen Vereinbarungen wirkten. „Mehr kann die Regierung gerade nicht machen“, sagte Abberger.

          IW gegen pessimistische Szenarien

          Von einer Stabilisierung der Lage in der zweiten Jahreshälfte geht auch der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), Michael Hüther, aus - auch wenn sich die Rezession vorerst noch vertiefen sollte. Die konjunkturelle Talsohle sieht er im Sommer erreicht. „Dafür kann man auch im aktuellen Ifo-Index Hinweise erkennen. Der zweite Anstieg der Geschäftserwartungen in Folge macht Mut“, sagte Hüther. Zugleich wandte er sich aber gegen pessimistische Szenarien, wie sie zuletzt der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, vorgelegt hatte. Der Frankfurter Ökonom geht davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt 2009 um mehr als fünf Prozent schrumpfen wird (lesen Sie dazu auch Der verfolgte Schwarzseher: Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Walter). „Viel mehr als eine Minus Drei ist nicht wirklich vorstellbar“, sagte Hüther, dessen KölnerInstitut Anfang Mai seine Prognose vorlegen wird.

          Unicredit: Keine Abwärtsspirale

          Die Bank Unicredit sieht keine Abwärtsspirale für die deutsche Konjunktur. Vielmehr zeige sich, dass die Konjunkturpakete der Regierung überraschend schnell wirkten, heißt es in einer Studie vom Dienstag. So habe sich die Erwartung der Unternehmen abermals aufgehellt. In einigen Monaten sollte sich die Konjunktur stabilisieren. Im Frühjahr werde sich der Abschwung aber noch fortsetzen.

          Deka Bank: Die Hoffnung nicht geraubt

          Nach Einschätzung der Deka Bank setzen die Unternehmen auf eine Stabilisierung der Konjunktur im zweiten Halbjahr. Dies mache der zweite Anstieg der Ifo-Geschäftserwartungen in Folge deutlich, sagte Deka-Bank-Ökonom Andreas Scheuerle. In 60 Prozent der Fälle sei dann auch der dritte Anstieg gefolgt und damit die Bestätigung der Trendwende bei den Erwartungen. „Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen“, sagte Scheuerle. Der weitere Rückgang der Lagekomponente sei angesichts der stärksten Nachkriegsrezession in Deutschland keine Überraschung. Die Hoffnung auf eine Stabilisierung der Konjunktur im zweiten Halbjahr sei mit den jüngsten Daten nicht geraubt worden. Seit Monaten sei die Chance nicht mehr so groß gewesen, dass ein Boden eingezogen werde.

          Die Konjunktur stützen könne noch die Europäische Zentralbank (EZB), sagte Ifo-Volkswirt Abberger. Sie müsse ihren Leitzins weiter senken, zunächst Richtung 1,5 Prozent. Die EZB hatte ihn zuletzt in mehreren Schritten auf zwei Prozent gesenkt. Tiefer lag der Leitzins noch nie in der zehnjährigen Geschichte der europäischen Währungsunion. In den USA und Japan wurden die Zinsen sogar auf nahe Null gesenkt.

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