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Gespräch : „Impulse für die deutsche Wirtschaft? Das ist die 100.000-Euro-Frage“

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Die jüngste der „Fünf Weisen”: Beatrice Weder di Mauro Bild: dpa

Prinzip Hoffnung: Die neue Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro im F.A.Z.-Interview über den Euro, den Ölpreis, die Banken, den Stabilitätspakt und den Stand der deutschen Ökonomen.

          6 Min.

          Die Schweizerin Beatrice Weder di Mauro ist seit August eine der „Fünf Weisen“ im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Wirtschaftsweise werden weiblicher). Die 39 Jahre alte Wissenschaftlerin, die seit 2001 an der Universität Mainz den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, Wirtschaftspolitik und Internationale Makroökonomik innehat, ist auf Fragen der Finanzmärkte, der Geldpolitik und der Entwicklung spezialisiert.

          Frau Weder di Mauro, der Außenhandel ist die wesentliche Stütze der deutschen Wirtschaft. Wie lange noch? Bleibt die Wirtschaft mit dem zunehmend teuren Euro noch wettbewerbsfähig?

          Man kann die Wettbewerbsfähigkeit nicht 1 zu 1 mit dem Euro-Dollar-Kurs gleichsetzen. Für Wettbewerbsfähigkeit und Exporte ist der reale effektive Wechselkurs entscheidend. Da hat sich zwar auch eine gewisse Aufwertung ergeben, aber die ist viel geringer als die Euro-Dollar-Aufwertung. Deutschland verkauft deutlich mehr Waren im Euro-Raum, und im Vergleich zu den anderen Ländern im Euro-Raum ist die Inflation in Deutschland niedriger gewesen. Das heißt, wir hatten eine reale Abwertung, und das als Trend seit 1995.

          Soll das heißen, der teure Euro wirkt sich gar nicht aus?

          Nein, der Außenwert des Euro hat bei so starken Aufwertungen, wie wir sie zur Zeit beobachten, schon einen Einfluß auf die Wettbewerbsfähigkeit. Das wirkt sich mit Verzögerung aus. Das war auch im letzten Jahr so. Aber wegen der großen Bedeutung des Euro-Raums für Deutschland ist das nicht ganz so wichtig.

          Sollten die Notenbanken trotzdem gegensteuern?

          Bei sehr starken Ausschlägen ist das natürlich eine Option. Wir werden wohl Interventionen an den Devisenmärkten sehen, wenn die Abwertung des Dollar in diesem Tempo weitergeht. Dabei fragt sich allerdings, wie stark Devisenmarktinterventionen überhaupt wirken können, wenn sie gegen den Trend verlaufen.

          Jetzt drückt auch noch der hohe Ölpreis auf die Binnenkonjunktur. Wie bedrohlich ist das?

          Er ist ebenfalls ein Risikofaktor. Schätzungen haben ergeben, daß ein dauerhafter, realer Ölpreisanstieg einen signifikanten Effekt auf das Wachstum haben würde: in der Größenordnung von 0,1 Prozent Reduktion des Wachstums pro 10 Prozent Preisanstieg. Aber ein Teil des - in Dollar notierten - Ölpreisanstiegs wird ja derzeit gerade durch den schwachen Wechselkurs der amerikanischen Währung wieder kompensiert.

          Wo soll in dieser Lage noch ein Impuls für die deutsche Wirtschaft herkommen?

          Das ist die 100 000-Euro-Frage. Der Export zieht zumeist die Binnenwirtschaft mit. Wenn man Wirkungsverzögerungen berücksichtigt, könnte der Funke noch überspringen. Eine andere Möglichkeit sind die Investitionen - die Unternehmen haben in der jüngsten Vergangenheit stark konsolidiert und relativ gute Gewinne gemacht - und eben der private Konsum. Hier besteht die größte Unsicherheit, denn das hängt davon ab, wie die Menschen ihre Zukunft einschätzen.

          Besteht für eine Belebung des Konsums wirklich Hoffnung?

          Die Vergangenheit lehrt doch, daß sich wirtschaftliche Prozesse oftmals ziemlich schnell drehen - und zwar in beide Richtungen. Also: Es besteht nicht nur Hoffnung, sondern in der Prognose des Sachverständigenrats gehen wir von einer leichten Verstärkung des Konsums aus.

          Aber die Rahmenbedingungen sind doch wenig ermutigend.

          Die langfristigen Entwicklungen, insbesondere die Demographie, machen den Leuten in der Tat die Taschen nicht voller. Und insofern ist es auch richtig, wenn sie anfangen, mehr zu sparen. Aber jener Teil der Ersparnis, der auf reines Angstsparen und Unsicherheit zurückzuführen ist, ist das Problem. Die jüngsten Reformen - und das Bewußtsein, daß das nur erste Schritte waren - sind für die Deutschen schon ein Schock. Um so wichtiger wäre es, statt gradueller Reformschritte eine Vision aufzuzeigen und ein umfassendes Maßnahmenbündel in Angriff zu nehmen, um die Rahmenbedingungen festzulegen.

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