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Geschrumpftes BIP : Wirtschaftsweise schließt Rezession nicht aus

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Beatrice Weder di Mauro aus dem Sachverständigenrat macht sich Sorgen um die Konjunktur Bild: Helmut Fricke - F.A.Z.

Im abgelaufenen Quartal ist die Wirtschaft erstmals seit 2004 geschrumpft. Nun schließt die Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro einen weiteren Rückgang im nächsten Quartal nicht mehr aus. Die Definition einer Rezession wäre dann erfüllt. Andere Fachleute warnen: Von Rezession zu sprechen sei gefährlich.

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          Die Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro hält den Aufschwung in Deutschland für beendet. „Der Aufschwung ist vorbei. Die extrem starke Konjunktur der letzten Jahre ist Vergangenheit“, sagte das Mitglied des Sachverständigenrates in einer Reaktion auf die neuesten Wachstumsdaten, die das Statistische Bundesamt an diesem Donnerstag veröffentlicht hat. Diesen Zahlen zufolge ist die Wirtschaft in Deutschland im abgelaufenen Quartal zum ersten Mal seit vier Jahren wieder geschrumpft (siehe dazu auch: Wachstum schrumpft erstmals seit 2004).

          Nach dem Rückgang der Wirtschaftsleistung im Frühjahr schließt Weder di Mauro für das Sommerquartal ein abermaliges Minus nicht aus. Würde ein weiterer Rückgang eintreten, wäre dies eine technische Rezession: Laut Definition liegt solch eine technische Rezession dann vor, wenn die Wirtschaft in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen schrumpft. „Eine schwere Rezession sehe ich aber nicht“, schränkte die Expertin ein.

          Regierung: „Gebremstes“ Wachstum, aber „kein Einbruch“

          Die Bundesregierung hat auf das erstmalige Schrumpfen der deutschen Wirtschaft gelassen reagiert. Deutschland habe es zwar mit einem „gebremsten“ Wachstum zu tun, das sei aber „kein Einbruch“. An ihrer Prognose von 1,7 Prozent Wachstum für 2008 hielt sie fest. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) erklärte, auf das gesamte Halbjahr betrachtet sei die deutsche Wirtschaft „in eine moderate Aufwärtsentwicklung eingeschwenkt“.

          Das Minus im zweiten Quartal sei lediglich eine „technische Gegenreaktion“ zum „überzeichneten guten ersten Quartal“. „Die Wachstumsabschwächung im zweiten Quartal hatten wir erwartet“, erklärte Glos. Reformen und die Sanierung vieler Firmen hätten die Wettbewerbsfähigkeit und Widerstandskraft der deutschen Wirtschaft jedoch insgesamt verbessert.

          Die meisten Ökonomen erwarten für 2008 nach wie vor zwei Prozent Zuwachs. Das wäre das dritte Jahr in Folge mit einem starken Wachstum nach 2,9 Prozent in 2006 und 2,5 Prozent in 2007. „Insgesamt sieht es gut aus für die deutsche Wirtschaft“, sagte ein Statistiker.

          DIHK warnt vor Panikmache

          Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, warnte, es sei schädlich, schon jetzt über eine drohende Rezession zu spekulieren. „Die ersten beiden Quartale sind im Paket zu betrachten. Das erste Halbjahr ist insgesamt solide verlaufen trotz des leichten Rückgangs im zweiten Quartal“, sagte er. Damit seien die vom DIHK vorhergesagten 2,3 Prozent für das Gesamtjahr 2008 immer noch möglich, wenngleich die Wahrscheinlichkeit hierfür geringer geworden sei. „Die Stimmung kühlt sich zwar ab, von einer Rezession zu reden ist jedoch fehl am Platze“, sagte Wansleben.

          Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) nannte die Zahlen hingegen ein „Alarmsignal für die Wirtschaftspolitik“. Im Mittelpunkt einer Wachstumsstrategie der Regierung müssten nun die Bereiche Bildung, Forschung, Innovation und Infrastruktur stehen, erklärte Hauptgeschäftsführer Werner Schnappauf. Ein Konjunkturprogramm lehnte er gleichwohl ab. Anfang der Woche hatte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers ein Anti-Rezessions-Programm gefordert, was eine politische Debatte über die Notwendigkeit von Konjunkturhilfen in Deutschland entfacht hatte (siehe dazu auch: Rüttgers fordert ein Anti-Rezessions-Programm).

          Europäische Kommission: Rezession „eher nein“

          Die Europäische Kommission reagierte indessen unaufgeregt auf das Minus von 0,2 Prozent im zweiten Quartal, das die Statistiker von Eurostat berechnet haben. Eine Sprecherin von Wirtschaftskommissar Joaquín Almunia räumte am Donnerstag in Brüssel zwar ein, dass die Zeichen derzeit eher negativ seien, insbesondere was den Erwartungen der Unternehmer. „Man sollte sich nicht übertrieben pessimistischen Gefühlen hingeben“, warnte sie aber zugleich. Die Frage, ob Europa eine Rezession drohe, beantwortete die Kommission mit „eher Nein“.

          Die schlechteren Zahlen für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal kämen für Almunia und sein Team nicht überraschend, hieß es weiter. Im ersten Quartal des Jahres sei die Wirtschaft - insbesondere wegen starker Bautätigkeit während des milden Winters in Deutschland - ausgesprochen gut gelaufen, betonte die Sprecherin. Die auf europäischer Ebene angestoßenen Reformen hätten die Wirtschaft der Eurozone und der Europäischen Union insgesamt belastbarer gemacht.

          Kennzeichen einer Rezession

          Als Rezession (lateinisch für Rückgang) wird ein wirtschaftlicher Abschwung bezeichnet. Nach der gängigen Definition liegt sie dann vor, wenn das Bruttoinlandsprodukt mindestens zwei Quartale in Folge schrumpft. Zuletzt war das zum Jahreswechsel 2002/03 der Fall. Fachleute nennen das eine „technische Rezession“.

          Viele Ökonomen sprechen aber erst dann von einer echten Rezession, wenn noch eine Reihe weiterer Faktoren auf einen ausgeprägten und länger währenden Abschwung hindeuten. Stark schrumpfende Unternehmensgewinne, sinkende Investitionen und Löhne, steigende Arbeitslosigkeit und eine zurückgehende Industrieproduktion gelten für sie als Begleiterscheinungen einer Rezession.

          Von Stagflation sprechen Ökonomen, wenn die Konjunkturschwäche (Stagnation) mit stark steigenden Verbraucherpreisen (Inflation) einhergeht.

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