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Geldpolitik : EZB reagiert auf Euro-Aufwertung nicht

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Bild: F.A.Z.

Die Europäische Zentralbank beobachtet die Aufwertung des Euro sorgfältig, aber mit Ruhe. Sie sieht aber vorerst keinen Anlaß, mit Zinssenkungen auf die Aufwertung der Währung zu reagieren.

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          Die Europäische Zentralbank (EZB) beobachtet die Aufwertung des Euro nach eigener Aussage sorgfältig. Die Notenbank hat den Leitzins am Donnerstag aber unverändert gelassen.

          „Der Rat der Europäischen Zentralbank bewertet den derzeitigen geldpolitischen Kurs als angemessen, um die Preisstabilität auf mittlere Sicht zu gewährleisten“, sagte Notenbankpräsident Jean-Claude Trichet auf der Pressekonferenz am Donnerstag nach der Sitzung des EZB-Rats. Zuletzt hatte die EZB den Mindestbietungssatz für Refinanzierungsgeschäfte im Juni 2003 auf 2 Prozent gesenkt.

          Die Finanzmärkte nahmen den EZB-Entscheid am Donnerstag gelassen auf. Der Euro gewann und wurde am Abend um 1,277 Dollar gehandelt.

          EZB unter politischem Druck

          Angesichts der rapiden Aufwertung des Euro in den vergangenen Wochen kommt die EZB zunehmend unter politischen Druck, ihren Leitzins zu senken. Deutsche Wirtschaftsverbände haben sich für Zinssenkungen ausgesprochen. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) bedauerte am Donnerstagabend in Leipzig den EZB-Beschluß. Er habe gehofft, daß die Notenbank die Zinsen senken würde, sagte Clement, der die EZB noch am Morgen indirekt zum Zinsschritt ermahnt hatte. „Ich erwarte, daß die EZB sehr aufmerksam die Entwicklung verfolgt,“ hatte Clement gesagt. Wenn man auf die konjunkturelle Situation achte, dann bedeute dies eine Zinssenkung.

          Der belgische Regierungschef Guy Verhofstadt forderte die Zentralbank im Interview mit der „Financial Times Deutschland“ auf, bei einem weiter steigenden Euro-Kurs die Zinsen zu reduzieren. Zinssenkungen könnten helfen, die großen Ungleichgewichte zwischen Euro und Dollar zu verringern.

          Trichet von wirtschaftlicher Erholung überzeugt

          Die EZB teilt die Sorge aber offensichtlich nicht, daß die bisherige Euro-Aufwertung die hiesige Konjunktur abwürge. Trichet sagte, die verfügbaren Indikatoren zeigten eine fortgesetzte wirtschaftliche Erholung an. Die Aufwertung des Euro werde den Export zwar dämpfen. Angesichts der dynamischen Entwicklung der Weltwirtschaft sollte die Ausfuhr aber weiter zunehmen, sagte Trichet.

          Der EZB-Präsident betonte, daß der Wechselkurs nur einer unter vielen Faktoren sei, die die EZB ihren Zinsentscheidungen zugrunde lege. „Wir sind kein Gefangener von Gleichungen“, argumentierte er gegen die Vermutung einer mechanischen Reaktion der Geldpolitik auf die Aufwertung. Trichet gewann dem starken Euro auch positive Seiten ab, weil der Euro-Raum „ein wenig Disinflation importiere“. Die EZB erwartet, daß die Inflationsrate im Lauf des Jahres unter 2 Prozent sinkt. Nach ersten Schätzungen lag die Teuerungsrate im Dezember im Euro-Raum bei 2,1 Prozent.

          EZB mag exzessive Wechselkursbewegungen nicht

          Angesprochen auf die Geschwindigkeit, mit welcher der Euro aufwertet, sagte Trichet: „Wie alle Zentralbanker haben wir ein Interesse an finanzieller Stabilität. Wir mögen übertriebene Volatilität an den Devisenmärkten oder exzessive Turbulenzen nicht besonders.“ Volkswirte werteten dies als erstes Signal, daß die EZB einer Euro-Aufwertung nicht unendlich lange zusehen werde. „Dies ist eine erste gemäßigte verbale Intervention“, sagte der Chefvolkswirt der Allianz-Gruppe, Michael Heise, dieser Zeitung.

          EZB-Vizepräsident Lucas Papademos sagte bei der Pressekonferenz, die EZB werde angesichts der Aufwertung des Euro und der niedrigen Zinsen für 2003 einen Verlust in Höhe von rund einer halben Milliarde Euro ausweisen. Dank ihrer Reserven werde die EZB ihre Kapitaleigner, die nationalen Notenbanken, aber nicht auffordern müssen, den Verlust zu decken. Bereits 2002 war der EZB-Gewinn von 1,8 auf 1,2 Milliarden Euro gesunken. Die EZB hält den Großteil ihrer Devisenreserven in Dollar, so daß der starke Euro zu nicht realisierten Verlusten führt. Die vorsichtige Buchhaltung gebiete, diese unrealisierten Verluste als realisierte zu verbuchen, sagte Papademos.

          Auch der geldpolitische Ausschuß der Bank von England änderte den britischen Leitzins bei seiner Sitzung am Donnerstag nicht. Der Leitzins der Notenbank liegt seit November 2003 bei 3,75 Prozent.

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