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Geldpolitik : Die Luft klären

Für die EZB stand auf dem Spiel, wie viel Wert sie noch auf ihre geldpolitische Strategie legt. Die Zentralbank hätte den Leitzins um 0,5 Prozentpunkte erhöhen sollen. Gerechtfertigt wäre ein solcher Zinsschritt allemal gewesen: die Analyse.

          3 Min.

          Die Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank (EZB) war eine schwere, lange Geburt. Schon im Herbst vor einem Jahr dachten die Zentralbanker im Euro-Tower darüber nach, den Leitzins im Euro-Raum anzuheben, um den außergewöhnlich starken monetären Schub ein wenig zurückzunehmen. Die sich im Winterhalbjahr 2004/05 abschwächende Konjunktur ließ die EZB dann davor zurückschrecken. Spätestens seit damals war klar, daß die EZB sich mit dem rekordniedrigen Zinssatz von 2 Prozent ein wenig unwohl fühlte und es auf Dauer nicht dabei belassen würde. Der Zeitpunkt zum Handeln ist nun gekommen - und es wurde höchste Zeit.

          Die monetären Indikatoren im Euro-Raum deuten schon seit Monaten auf die Notwendigkeit einer Zinserhöhung hin. Die Geldmenge steigt im Trend rapide und zeigt, daß sich künftiges Inflationspotential aufbaut. Der niedrige Zinssatz treibt die Kreditnachfrage, was zugleich eine sich erholende Konjunktur belegt. Im Euro-Raum ist mehr Liquidität verfügbar, als sie zur Finanzierung eines inflationsfreien Wachstums notwendig wäre. Das Geld drängt in die Märkte für Vermögensgüter und ruft dort unerwünschte Verzerrungen hervor, die sich zu wirtschaftlichen Verwerfungen auswachsen können. Mit der sich erholenden Wirtschaft steigen angesichts der Überschußliquidität die mittelfristigen Inflationsrisiken, die maßgeblich für die vorwärtsgerichtete Geldpolitik sind.

          Die EZB d arf nicht abwarten

          Kritiker der Zinserhöhung sehen diese Gefahr nicht. Sie betonen, daß die Kerninflationsrate im Euro-Raum keinen erhöhten Preisdruck anzeige. In der Kerninflationsrate werden stark schwankende Preise wie die Energiepreise nicht berücksichtigt. Sie lag zuletzt bei 1,5 Prozent, während die allgemeine Inflationsrate im Zeitraum von August bis Oktober durchschnittlich 2,5 Prozent erreichte. Einiges deutet aber darauf hin, daß die Kerninflationsrate zumindest derzeit kein verläßliches Barometer für den grundlegenden Inflationsdruck darstellt. Der kräftig gestiegene Ölpreis ist Ausdruck einer Verschiebung der relativen Nachfrage- und Preisverhältnisse. Die große Nachfrage nach Energie in Asien, vor allem in China und Indien, treibt den Preis mittelfristig in die Höhe; sie wird nicht von heute auf morgen abebben. Der Ölpreis liegt damit nicht hoch, weil er mal eben kurzfristig schwankte; er ist im Trend gestiegen. Darin gründet die Gefahr, daß er auf Dauer in die Inflationsrate und auch in die Lohnentwicklung eingeht, so daß zusätzlicher Preisdruck entstünde. Der EZB wurde gelegentlich empfohlen, solche Zweitrundeneffekte abzuwarten, bevor sie die Zinsen erhöht. Hätte sie dies getan, wäre es für die mittelfristige Preisstabilität schon zu spät gewesen.

          Die Wirtschaft im Euro-Raum wuchs im Sommerhalbjahr mit Raten um die inflationsneutrale Potentialwachstumsrate; die meisten Frühindikatoren und alle Prognosen deuten darauf hin, daß die Konjunktur sich 2006 weiter beschleunigen wird. Die Euro-Wirtschaft liegt also nicht darnieder, sie bedarf keines Notstandszinses mehr. Der Zinssatz liegt seit vielen Monaten real gerechnet um null Prozent, was vielleicht für eine Rezession angemessen wäre. Eine allmähliche Annäherung des Leitzinses an eine neutrale Rate bedeutet deshalb nicht, daß die Geldpolitik die Konjunktur abwürgt. Sie bedeutet lediglich, daß die Geldpolitik ihre Unterstützung ein wenig zurücknimmt. Für die weitere konjunkturelle Erholung ist es wichtig, daß die Verbraucher im Euro-Raum und vor allem in Deutschland, dem größten Mitgliedstaat der Währungsunion, mehr Vertrauen fassen, damit der Konsum anspringt. Ließe die Notenbank die Zügel schleifen und müßten die Verbraucher sich um eine künftig höhere Inflation sorgen, schadete dies dem Verbrauchervertrauen mehr als maßvolle Zinserhöhungen.

          Da s Vertrauen i n die Strategie steht auf dem Spiel

          Für die EZB stand am Donnerstag und steht in den kommenden Monaten mehr auf dem Spiel als die Preisaussichten. Es steht das Vertrauen auf dem Spiel, daß die Zentralbank ihre eigene geldpolitische Strategie noch ernst nimmt. Die Zinserhöhung von 2 auf 2,25 Prozentpunkte ist nicht genug, um die Inflationsrisiken, die sich aus der monetären Strategiesäule ableiten, in den Griff zu bekommen. Dazu sind weitere Zinsschritte nötig.

          Der neutrale Zinssatz, der bei einem dauerhaften Wirtschaftswachstum um die Potentialrate angemessen ist, liegt zwischen 3,5 und 4 Prozent. Zumindest eine deutliche Annäherung daran ist geboten. Es ist verständlich, daß sich die EZB für die kommenden Monate Spielraum erhalten will. Doch muß sie signalisieren, daß sie den Weg der Zinserhöhungen für einige Zeit maßvoll gehen will, um das Vertrauen auch der Investoren und Anleger in die mittel- und langfristige Preisstabilität zu wahren.

          Der pol it ische Druck steigt

          Die vergangenen schwierigen Wochen der Entscheidungsfindung im EZB-Rat haben der Politik viel Zeit gegeben, den Druck auf die Geldpolitik zu erhöhen. Die Warnungen von Finanzministern vor einer Zinserhöhung waren so laut wie seit langem nicht mehr. Wenn es in den kommenden Wochen um notwendige weitere Zinsschritte geht, wird der Druck nicht geringer werden. Zugleich hat die EU-Kommission angekündigt, sie wolle das Zusammenspiel zwischen Geldpolitik und allgemeiner Wirtschaftspolitik verbessern. Die EZB weiß, daß sie sich in solche Abstimmungsspiele nicht einbinden lassen darf.

          Ihre Unabhängigkeit und ihre Entschlossenheit, sich keinem Druck zu unterwerfen, hätte die Bank daher am besten demonstrieren können, wenn sie heute die Luft geklärt und den Leitzins um 0,5 Prozentpunkte erhöht hätte. Dazu kam es nicht. Gerechtfertigt aber wäre ein solcher Zinsschritt allemal gewesen.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

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