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Wirtschaftsschwäche im Norden : Finnland sieht sich als „kranker Mann Europas“

  • Aktualisiert am

Demonstration in Helsinki: Am 18. September gingen viele Finnen gegen Sparpläne der Regierung auf die Straße. Bild: AFP

Weniger Feiertage und niedrigere Gehälter im öffentlichen Dienst: Nein, es geht nicht um Griechenland. Ein anderes Land fürchtet nun, den Anschluss zu verlieren.

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          In Finnland schrillen nach den jüngsten Konjunkturzahlen die Alarmsirenen. Mit einem um 0,6 Prozent schrumpfenden Bruttoinlandsprodukt im Sommer bilden die Skandinavier das Schlusslicht in der Europäischen Währungsunion - sogar das finanziell klamme Griechenland verzeichnete eine weniger schwache gesamtwirtschaftliche Entwicklung.

          Dieses Jahr könnte damit das vierte Jahr in Folge werden, in dem sich die finnische Wirtschaft vergleichsweise schwach entwickelt. Ministerpräsident Juha Sipilä stimmt seine Bevölkerung nun auf einen harten Sparkurs ein: Auch wenn die Staatsverschuldung im europäischen Vergleich moderat ist, hat er Angst davor, dass Finnland das Etikett „nächstes Griechenland“ angehängt werden könnte.

          Das Land im hohen Norden leidet darunter, dass das einstige Vorzeigeunternehmen Nokia an Strahlkraft verloren hat und das Nachbarland Russland in einer Rezession steckt. Dazu kommt, dass die wichtige Papierindustrie unter der rückläufigen Nachfrage durch die zunehmende Digitalisierung leidet.

          Finanzminister Alexander Stubb, der nie um deutliche Worte verlegen ist, brachte es jüngst auf den Punkt: „Eigentlich sind wir der neue kranke Mann Europas.“

          Der Grund: Die Löhne sind relativ hoch, die Staatsverschuldung steigt und die Arbeitslosigkeit nähert sich der für nordische Verhältnisse ungewöhnlich hohen Marke von zehn Prozent.

          Ein großes Zukunftsproblem rollt zudem durch die schnell alternde Bevölkerung auf das Land zu: Nach Modellrechnungen des Europäischen Statistikamtes werden bereits in fünf Jahren auf 100 Erwerbsfähige im Durchschnitt 35,8 Menschen im Alter von mindestens 65 Jahren kommen. Damit wäre Finnland auch in dieser Hinsicht Schlusslicht in Europa.

          Regierung will Gehälter kürzen

          Die Regierung dringt nun auf moderate Lohnabschlüsse, um so die Kosten der Unternehmen im Rahmen zu halten und die Exportchancen für Produkte „Made in Finland“ zu erhöhen. Der Regierungschef will zudem Feiertage streichen und im öffentlichen Dienst sogar Gehälter kürzen, stößt damit aber auf erbitterten Widerstand in der Bevölkerung. Streiks und Proteste sind mittlerweile an der Tagesordnung.

          Aus Sipiläs eigenem politischen Lager wurden angesichts der düsteren wirtschaftliche Lage sogar Rufe laut, aus dem Euro auszutreten - um mit einer eigenen abwertenden Währung die eigenen Ausfuhrgüter zu verbilligen auf den Weltmärkten. Für das Volk ist ein Euro-Austritt laut Umfragen jedoch kein Thema.

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