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Finanzkrise : Neue schwarze Löcher

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Amerikanische Banken schockieren mit immer höheren Verlusten. Nun müssen sich auch die deutschen Institute offenbaren. Die Finanzkrise ist längst nicht ausgestanden.

          Die Wortwahl des Bankers verheißt wenig Gutes. „Erschreckend“ sei die Lage in der Branche, „ein großer Schock, dass nun so viel Kapital weg ist“, heißt es aus der Chefetage einer Bank. „Alle versuchen nun hektisch, ihre Bilanzen zu reparieren.“

          In den Banken herrscht Alarmstimmung, es sind Tage der Offenbarung. Die jüngsten Quartalszahlen geraten zu Schreckensbotschaften, die Schockwellen durch das globale Geldsystem schicken. In Sachen Finanzkrise galt gerne das Motto Schönreden. Das ist vorbei, die Abschreibungen erhöhen sich stetig. Kein Wunder, dass Anleger sich vor weiteren bösen Überraschungen fürchten, zumal die Aktienkurse vieler Banken schon länger fallen.

          Besonders die Citigroup schockierte

          Ein halbes Jahr dauert die sogenannte Subprime-Krise schon. Und noch immer ist nicht klar, wie groß das Ausmaß wirklich ist: weder für Banken noch für die Ökonomie insgesamt. Entstanden ist die Kreditkrise durch die Geschäfte mit minderwertigen Hypothekendarlehen (Subprime genannt) in Amerika. Fehlspekulationen mit den Hypothekenpapieren kommen die Banken nun teuer zu stehen. Die Abschreibungen summieren sich schon auf mehr als 100 Milliarden Dollar. Nicht nur Pessimisten glauben, dass es bald doppelt so viel ist.

          Böses Erwachen auch in der Finanzmetropole Frankfurt

          Besonders Amerikas größtes Finanzinstitut, die Citigroup, schockierte. 18 Milliarden Dollar muss die Bank im vierten Quartal abschreiben. Zuvor waren es schon einmal 6,5 Milliarden. Auch Merrill Lynch hat sich verspekuliert und verlor 10 Milliarden Dollar im Schlussquartal.

          „Noch lange nicht ausgestanden“

          Bei so viel schlechten Nachrichten sind JP Morgan Chase und Goldman Sachs noch relativ gut weggekommen. Dennoch: „Die Liquiditäts- und Vertrauenskrise bei den Banken ist noch lange nicht ausgestanden“, sagt Bankenexperte Stefan Best von der Ratingagentur Standard and Poor’s. „Für Banken wird die Ertragssituation auch in den kommenden Monaten wesentlich schwieriger werden.“

          Zwar hoffen viele Anleger, dass alle schlechten Meldungen verdaut sind. Doch Merrill-Lynch-Chef John Thain will wie viele seiner Kollegen keine Entwarnung geben. Weitere Abschreibungen seien nicht ausgeschlossen. Citigroup-Chef Vikram Pandit spricht von „komplizierten Zeiten“. Gleichzeitig beeilen sich die Bankchefs, Zuversicht zu verbreiten. So wollen sie das Risikomanagement verbessern.

          Fundamentaler Wandel in der Geldwelt

          Dabei vollzieht sich in der Geldwelt ein fundamentaler Wandel: Die geschwächten Banken, gerade in Amerika, holen sich Hilfe aus dem Ausland. Finanzkräftige Staatsfonds beispielsweise aus Singapur, Kuweit, Korea und Japan gehen an Wall Street einkaufen und beteiligen sich an den besten Bankadressen. Das Ziel: eine hohe Rendite. Und: Wissen abschöpfen für die eigenen Finanzzentren im Heimatland.

          In Europa halten sich die Staatsfonds beim Bankeneinkauf etwas zurück. Noch. Bei der krisengeplagten Schweizer UBS sind sie schon eingestiegen. Auch die Deutsche Bank hat einen ausländischen Großinvestor

          Zwar haben sich die meisten europäischen Banken im Vergleich zur amerikanischen Konkurrenz in der Finanzkrise noch relativ gut behaupten können. Doch auch die UBS warnt schon vor weiteren Milliardenabschreibungen. Und in den kommenden Wochen müssen sich Banken auch hierzulande weiter offenbaren. Den Anfang macht die Deutsche Bank, die am 7. Februar ihre Zahlen meldet. Bisher hat Deutsche-Bank–Chef Josef Ackermann lediglich Abschreibungen in Höhe von 2,2 Milliarden Euro genannt.

          Wieviele Millionen Euro werden noch dazukommen?

          Am 14. Februar folgt die Nummer zwei in Deutschland, die Commerzbank, die bereits 290 Millionen Euro im dritten Quartal abgeschrieben hat. Die Frage ist, wie viele Millionen Euro noch dazukommen werden.

          Der Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate hat schon die Anleger verärgert und überraschend Wertberichtigungen in Höhe von 390 Millionen Euro verkündet. Kein Wunder, dass der Aktienkurs an jenem Tag um 35 Prozent einbrach.

          Die Subprime-Geldvernichtung trifft besonders die Landesbanken. Angeblich benötigt die West LB eine Kapitalspritze von zwei Milliarden Euro. Heute, am Sonntagabend, treffen sich die West-LB-Eigentümer zur außerordentlichen Versammlung, um wegen der dramatischen Lage zu beraten. Auch die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) muss deutlich mehr abschreiben, angeblich 1,7 Milliarden Euro. Die LBBW beeilt sich deshalb, schon jetzt zu verkünden, dass sie für 2007 einen Reingewinn von 300 Millionen Euro anpeilt. Konkrete Zahlen gibt es erst Ende April.

          Tatsache ist: In Zeiten der Krise ordnen die Banken ihr Geschäft neu. Und schrumpfen. Zwar stehen nicht überall so viele Entlassungen wie bei der Citigroup an, wo mehr als 20.000 Stellen wegfallen sollen. Doch auch UBS, Bank of America und Deutsche Bank planen, Stellen abzubauen. Dabei wird es wohl nicht bleiben: Finja Carolin Kütz, Bankenexpertin bei der Beratungsfirma Oliver Wyman, sagt: „Die Banken sind deutlich unter Druck. Gerade im Investmentbanking wird es noch mehr Entlassungen geben.“

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