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Fallende Preise : IWF warnt vor Deflation  in Europa

IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard, Bild: REUTERS

Der Internationale Währungsfonds warnt die Europäer im Euroraum vor fallenden Preisen. Die Europäische Zentralbank solle ihre Geldpolitik gegebenenfalls weiter lockern.

          3 Min.

          Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt vor Deflationsrisiken im Euroraum und fordert die Europäische Zentralbank (EZB) auf, ihre Geldpolitik gegebenenfalls weiter zu lockern. Die Modelle des IWF zeigten eine Wahrscheinlichkeit von 10 bis 20 Prozent, dass die niedrige Inflation im Euroraum in eine Deflation umschlage, erklärte der Chefvolkswirt des IWF, Olivier Blanchard. Eine lockere, die Wirtschaft stützende Geldpolitik sei von entscheidender Bedeutung. Beispielhaft nannte er langfristige Liquiditätsspritzen und gezielte Kredite der EZB. Im Dezember lag die Inflationsrate im Euroraum bei 0,8 Prozent, nach 2,2 Prozent ein Jahr zuvor.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Die Zahl Null habe nichts Magisches, sagte Blanchard in einer Pressekonferenz, die angesichts der Schneewarnungen für Washington telefonisch stattfand. Deflation, also ein Fall des gesamtwirtschaftlichen Preisniveaus, bedeute aber höhere reale Zinssätze, eine höhere Schuldenlast der öffentlichen und privaten Haushalte, eine niedrigere Nachfrage, niedrigeres Wachstum und weiteren Deflationsdruck.

          Fragiler Ausblick in Südeuropa

          Dabei soll die Wirtschaft im Euro-Raum gemäß der aktualisierten Wachstumsprognose des Fonds 12014 die Schrumpfung der vergangenen beiden Jahren überwinden und um 1 Prozent wachsen. Im Kern des Euro-Raums seien die Bedingungen zunehmend günstig, erklärte Blanchard. Die öffentliche Schuld sei auf einem dauerhaft tragbaren Kurs, der fiskalische Sparkurs werde zu Recht verlangsamt. Für alle Staaten Südeuropas sieht der IWF erstmals seit Jahren wieder positive Wachstumsraten. Der Ausblick sei aber fragil, betonte Blancahrd.

          Die Wachstumsunterschiede auch im Kern des Euro-Raums bleiben gemäß der Prognose groß. Für Deutschland erwartet der Fonds ein Wachstum von 1,6 Prozent, nach 0,5 Prozent im vergangenen Jahr. Für Frankreich rechnet der IWF nur mit einem Wachstum von 0,9 Prozent. Blanchard begründete die Schwäche in Frankreich damit, dass politische Unsicherheit auf dem Wachstum laste. Diese werde durch die jüngsten Reformankündigungen von Präsident François Hollande womöglich überwunden.

          Weltwirtschaft beschleunigt sich

          Generell erwartet der Fonds eine sich kräftigende Erholung in der Welt. Die Weltwirtschaft soll in diesem Jahr um 3,7 Prozent wachsen, nach 3 Prozent im vergangenen Jahr. Die wirtschaftliche Erholung sei indes immer noch schwach und ungleichmäßig, erklärte Blanchard. Die Weltwirtschaft sei aus dem Gröbsten noch nicht heraus, heißt es in der Prognose. Als ein Risiko nannte Blanchard, dass die Normalisierung der Geldpolitik in den Industriestaaten – gemeint sind vor allem die Vereinigten Staaten - zum Abzug von Kapital aus den Schwellen- und Entwicklungsländern führen könne. Davon könnten vor allem Länder mit schwachen Fundamentaldaten betroffen sein. Der IWF mahnt die Regierungen dieser Länder, durch strukturelle Reformen ihre Wirtschaften zu stärken und eventuelle Abwertungen ihrer Währungen zuzulassen. Negative Effekte durch eine straffere Geldpolitik in den Industriestaaten dürften aber generell durch eine stärkere Importnachfrage dieser Länder ausgeglichen werden, erwartet der IWF.

          Die zuletzt leicht verbesserten Aussichten für die Welt gründen überwiegend in einer verbesserten Lage in den Industriestaaten. Nach Einschätzung des Fonds werden die Bremsen für einen Aufschwung langsam gelockert. Zu einem ähnlichen Schluss war vergangene Woche schon die Weltbank gekommen.

          Delikater Balanceakt in China

          Für die Gruppe der Schwellen- und Entwicklungsländer erwartet der Fonds unverändert eine Wachstumsbeschleunigung von 4,7 auf 5,1 Prozent. Die chinesische Wirtschaft soll um 7,3 Prozent wachsen, nach 7,5 Prozent im Vorjahr. China stehe vor dem „delikaten Balanceakt“, die Risiken im Finanzsektor einzudämmen, ohne das Wachstum exzessiv zu verlangsamen, betonte Blanchard.

          Für Amerika hob der Fonds seine Prognose von 2,6 auf 2,8 Prozent an. Das Wachstum in den Vereinigten Staaten scheine zunehmend „solide“, erklärte Blanchard. Im vergangenen Jahr war die Wirtschaft nur um 1,9 Prozent gewachsen. Wie auch andere Ökonomen betonte der IWF die stärker werdende private Nachfrage und dass die Finanzpolitik in den Vereinigten Staaten in diesem Jahr weniger stark bremse als zuvor.

          Amerikas Geldpolitik als Risiko

          Der Fonds sehe keine Neigung der Notenbank Federal Reserve, die Geldpolitik vorschnell zu straffen, erklärte Blanchard. Es verwies aber auf das Risiko, dass die zu recht noch lockere Geldpolitik zu Verwerfungen an den Finanzmärkten führen könnte, die die Fed zu einer schnellen Straffung veranlassen könnte. Im Hauptszenario erwartet der Fonds eine schrittweise Rücknahme der Anleihekäufe und eine erste Zinserhöhung 2015.

          Als Folge lockerer Kreditbedingungen hob der IWF seine Prognosen für das Vereinigte Königreich deutlich auf 2,4 Prozent an. Deutlich besser als zuvor schätzt er auch die Lage in Japan ein, für das er nun ein unverändertes Wachstum von 1,7 Prozent erwartet. Temporäre fiskalische Impulse dürften die Belastungen höherer Verbrauchssteuern zum Teil kompensieren, erklärte Blanchard.

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