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F.A.Z.-Preisbericht : Unter der ruhigen Oberfläche nimmt der Inflationsdruck zu

Seit Monaten liegt die Inflationsrate in Deutschland und im Euro-Raum knapp unter 2 Prozent, was die Zentralbank freut. Doch die Ruhe täuscht. Der vierteljährliche Preisbericht der F.A.Z.

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          Gemessen an der Inflationsrate, waren die vergangenen Monate für die europäischen Notenbanker eine ideale Zeit. Seit November liegt der Anstieg der Verbraucherpreise im Währungsraum nahezu konstant bei 1,9 Prozent. Diese Marke kommt dem nahe, was die Europäische Zentralbank (EZB) unter Preisniveaustabilität versteht: eine Inflationsrate von mittelfristig "unter, aber nahe 2 Prozent". Auch in Deutschland hat sich seit März der Anstieg der Verbraucherpreise kaum noch verändert; meistens lag er, nach dem nationalen Konzept gemessen, gleichfalls bei 1,9 Prozent. Zufrieden sind die Notenbanker dennoch nicht. Unter der Oberfläche hat der Inflationsdruck zugenommen.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Viel öffentliche Aufmerksamkeit gefunden haben dabei zuletzt Meldungen über global deutlich steigende Nahrungsmittelpreise, vor allem für Milch und Getreide. Die teils ungewöhnlich trockenen Monate in Europa im ersten Halbjahr haben bislang jedoch in den Nahrungsmittelpreisen im Euro-Raum nur wenige Spuren hinterlassen. Die Preise für unverarbeitete Nahrungsmittel stiegen in den vergangenen Monaten überdurchschnittlich mit Raten um 3 Prozent. Dieser Anstieg ist vom Ausmaß nicht zu vergleichen mit der Teuerung in den Jahren 2000 und 2001, als BSE und die Maul- und Klauenseuche die Preise unverarbeiteter Nahrungsmittel mit Raten von 6 bis 8 Prozent steigen ließ. Dennoch ist zu erwarten, dass sich der aktuelle Preisanstieg auch in den Preisen für verarbeitete Lebensmittel niederschlagen wird, die zuletzt mit Raten um 2 Prozent unterdurchschnittlich stiegen.

          Energiepreise steigen

          Mehr Aufmerksamkeit der EZB finden indes derzeit die Energiepreise, die nach dem Rückgang im zweiten Halbjahr 2006 nun wieder auf das Niveau von vor einem Jahr gestiegen sind. In der Teuerungsrate für Energie ist diese - für die Verbraucher deutlich spürbare - abermalige Verteuerung bislang nicht recht sichtbar, weil statistische Basiseffekte sie noch überdecken. So lagen im Juni die Energiepreise für Verbraucher im Euro-Raum gerade mal 0,9 Prozent höher als vor einem Jahr; in Deutschland waren es 1,6 Prozent. Diese verhältnismäßige Ruhe wird von September an vorbei sein. Dann fällt in der statistischen Messung aus der jährlichen Inflationsrate der Preisanstieg des Vorjahres heraus; die Teuerungsraten für Energie werden in die Höhe schnellen und die allgemeine Inflationsrate anheben.

          Die Geldpolitiker warnen schon jetzt vor diesem absehbaren Anstieg der Inflationsrate, zumal in den vergangenen Monaten die Teuerung - nicht nur als Folge der höheren Energiepreise - höher lag als ursprünglich prognostiziert. Der fundamentale Preistrend hat sich verstärkt. Ablesen lässt sich dies zum Beispiel an der Kerninflationsrate, in der die besonders schwankungsanfälligen Preise für Energie und unverarbeitete Nahrungsmittel herausgerechnet sind. Diese Rate, die 2005 und 2006 mit 1,3 Prozent deutlich niedriger als die allgemeine Inflationsrate lag, ist in diesem Jahr auf deren Niveau gestiegen. Darin spiegelt sich nicht nur der recht starke Preisauftrieb bei Dienstleistungen wider, der sich auch als Folge der deutschen Mehrwertsteuererhöhung ergeben hat.

          Die gestiegene Kerninflationsrate zeigt zudem an, dass die Unternehmen im kräftigen Aufschwung mehr Spielräume für Preiserhöhungen haben und diese nutzen - und auch nutzen müssen, weil die Preise für Vorleistungsgüter mit zuletzt 5 Prozent zwar etwas langsamer, aber immer noch stark stiegen. Die global große Nachfrage nach Rohstoffen fordert unvermindert ihren Tribut. Auch die Preissteigerungen bei Investitionsgütern haben sich, als Folge des Aufschwungs, bei überdurchschnittlichen 2 Prozent festgesetzt, was Preisdruck anzeigt. In den monatlichen Befragungen des NTC-Forschungsinstituts berichteten die Einkaufsmanager in der Industrie zuletzt zwar über weniger stark steigende Absatzpreise; die Antworten lassen aber weiterhin einen überdurchschnittlich hohen Preiserhöhungsspielraum erkennen. Auch die Einkaufspreise nehmen nach der Umfrage weiterhin zu.

          Geldmenge wächst rasant

          Zu diesen konkreten Warnsignalen aus dem Wirtschaftsleben gesellt sich aus Sicht der EZB der mittelfristige Preisdruck, den das rasante Geldmengen- und Kreditwachstum in der Währungsunion anzeigt. Die breit gefasste Geldmenge M3 stieg im Juni beschleunigt um 10,9 Prozent und erreichte fast den Rekordwert von 11 Prozent im März. Die Geldmenge M3 setzt sich aus mehreren Teilen zusammen. Bargeld und täglich fällige Einlagen werden als Geldmenge M1 gezählt. Hinzu kommen kurzfristige Spareinlagen von bis zu 3 Monaten und Termingeldeinlagen von bis zu 2 Jahren, die mit M1 die Geldmenge M2 ergeben. Die Geldmenge M3 umfasst zusätzlich marktfähige Finanzmarktinstrumente wie Geldmarktfondsanteile oder Schuldverschreibungen mit einer Laufzeit bis zu 2 Jahren. Das Wachstum der engen Geldmenge M1, Bargeld und täglich fällige Einlagen, hat sich in den vergangenen Monaten deutlich verlangsamt, auch wenn es im Juni sich auf 6,1 Prozent beschleunigte. In dieser Abschwächung von M1 schlagen sich die Zinserhöhungen der EZB seit Dezember 2005 nieder. Treibende Kraft hinter der Geldmengenexpansion waren in den vergangenen Monaten die Termingeldeinlagen (als Teil von M2) und die Geldmarktfondsanteile (als Teil von M3). Auch ihr starker Anstieg gründet zum Teil in den höheren kurzfristigen Zinsen, die Anleger in diese Finanzinstrumente locken. Die EZB erkennt diese Verschiebungen als wahrscheinlich temporäre Sondereffekte und warnt deshalb, dass das aktuelle Geldmengenwachstum den künftigen Preisdruck überzeichnet.

          Auch ohne diese Sondereffekte bleibt das Geldmengenwachstum im Trend indes nach Einschätzung der EZB sehr robust und zeigt deutliche Preisrisiken an. Entscheidend für dieses Urteil ist, dass die beschleunigte Expansion der Geldmenge mit einem kräftigen Zuwachs der Kreditvergabe einhergeht. Das Wachstum der Buchkredite an private Haushalte hat sich zwar auch als Folge der höheren Zinsen abgeschwächt. Doch steigen die Darlehen an Unternehmen unvermindert weiter; im Juni lagen sie 13,3 Prozent höher als ein Jahr zuvor. So bestätigt die monetäre Analyse, dass die Inflationsrisiken im Aufschwung trotz der derzeit moderaten Teuerungsraten deutlich größer werden.FAZ.NET

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