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F.A.Z.-Preisbericht : Trotz niedrigerer Ölpreise bleiben Preisrisiken

Bild: F.A.Z.

Die Inflationsraten sind rasant gefallen. Der niedrigere Ölpreis dämpft die Teuerung. Doch die EZB gibt noch keine Entwarnung: Andere Indikatoren deuten auf Preisrisiken hin. Der vierteljährliche Preisbericht der F.A.Z.

          3 Min.

          Die Preise entwicken sich derzeit turbulent. Im September fiel die Inflationsrate in Deutschland rasant von 1,7 auf 1 Prozent. Für Oktober nennen die Statistiker vorläufig einen leichten Anstieg auf 1,2 Prozent, bedingt durch höhere Preise für Tabakwaren und Bekleidung.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Im Euro-Raum fiel der Rückgang der Inflationsrate, die im Frühsommer noch 2,5 Prozent betragen hatte, ähnlich stark aus: Mit 1,7 Prozent im September lag die Teuerungsrate erstmals seit langem wieder in dem Bereich, den die Europäische Zentralbank (EZB) als mit Preisniveaustabilität vereinbar sieht. Zur Entwarnung an der Inflationsfront aber reicht das nach Ansicht der Notenbanker nicht aus: Preisniveaustabilität muß auf mittlere Sicht über einen längeren Zeitraum gewährleistet sein und nicht nur über einem oder zwei vergangene Monate.

          Öl wird billiger ...

          Entscheidend für den Fall der Inflationsraten ist die Entwicklung des Ölpreises, der im September bei knapp 49 Euro je Barrel (159 Liter) lag - 7 Dollar weniger als noch im August. Zudem stieg im September vor einem Jahr der Ölpreis rasant wegen des Hurrikans "Katrina" in den Vereinigten Staaten. Nun, ein Jahr später, fiel dieser Basiseffekt aus der Inflationsrate heraus, welche die Veränderung des Preisniveaus wiedergibt.

          Im Gegenzug wird nach EZB-Analyse zum Jahresende ein umgekehrter Basiseffekt die Inflationsrate wieder in die Höhe treiben. Ob und wie lange der Ölpreis auf dem niedrigen Niveau verharren wird, ist die große Unbekannte. Die von der Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) für November angekündigte Kappung der Fördermenge hat die Händler kaum beeinflußt; sie wollen erst einmal sehen, ob die Opec-Staaten mit der Kürzung tatsächlich Ernst machen. Doch zeigt der Opec-Beschluß, daß die Organisation einem Preisverfall nicht auf Dauer zusehen wird.

          ... andere Rohstoffe werden teurer

          Die verbreitete Freude über die niedrigeren Energiekosten verdrängt, daß andere Rohstoffe teurer werden. Der vom HWWA-Institut berechnete Rohstoffpreisindex für den Euro-Raum stieg in den vergangenen Monaten regelmäßig um mehr als 25 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert. Von einem nachlassenden Preisdruck dieser für viele heimische Erzeugnisse wichtigen Vorprodukte ist angesichts der kräftig wachsenden Weltwirtschaft nichts zu sehen. Die Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes in Deutschland und im Euro-Raum berichten weiterhin von deutlich steigenden Preisen für Vorleistungsgüter. Der entsprechende Teilindikator in den RBS/NTC-Einkaufsmanagerumfragen gab in den vergangenen Monaten nur wenig nach. Auch die Erzeugerpreisinflation hat sich in beiden Wirtschaftsräumen zuletzt zwar ein wenig abgeschwächt, liegt aber immer noch auf einem recht hohen Niveau.

          Die Mehrzahl der Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe erwartet nach Umfragen weiterhin steigende Absatzpreise. Die kräftigen Steigerungen der Öl- und Rohstoffpreise haben ihren langen Marsch durch die Preiskette offensichtlich noch nicht beendet, zumal die kräftige Wirtschaftsentwicklung im Euro-Raum zusätzlichen Spielraum für Preiserhöhungen eröffnet.

          Verbraucher sorgen sich vor höheren Preisen ...

          Derweil blieb die Kerninflationsrate der Verbraucherpreise, in der die besonders schwankungsanfälligen Preise für Energie und unverarbeitete Nahrungsmittel nicht berücksichtigt sind, zuletzt nahezu unverändert bei 1,5 Prozent im Euro-Raum. Manche Analysten werten dies als Zeichen, daß der Inflationsdruck nicht so hoch ist wie von der EZB vermutet.

          In den Preiserwartungen der Verbraucher spiegelt sich diese Zuversicht freilich nicht. Nach Umfragen erwarten vor allem die privaten Haushalte in Deutschland in den kommenden zwölf Monaten deutlich steigende Preise. Dabei wirft die Mehrwertsteuererhöhung am 1. Januar 2007 ihre Schatten voraus. Aus einer aktuellen Analyse der Deutschen Bundesbank geht hervor, daß die Ergebnisse der Preisumfragen der Europäischen Kommission unter Verbrauchern zwar weitgehend durch die vergangene Inflationsentwicklung bestimmt sind, aber in einem gewissen Ausmaß auch die künftige Inflation erfassen.

          ... Notenbanker vor höheren Lohnabschlüssen

          Riskant sind die Inflationsängste der Verbraucher aus der Sicht der Notenbanker vor allem deshalb, weil sie sich im kommenden Jahr in deutlich höheren Lohnsteigerungen niederschlagen könnten. Auch die kräftige Wirtschaftsentwicklung, die sich in einer gewissen Entspannung am Arbeitsmarkt zeigt, legt die Sorge nahe, daß die Gewerkschaften "ihren" Anteil am Aufschwung fordern und womöglich durchsetzen werden. Bis in das zweite Quartal 2006 hinein war der Lohndruck nach EZB-Einschätzung moderat. Unklar ist, inwieweit der beschleunigte Anstieg der Arbeitskosten im Zeitraum von April bis Juni um 2,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr eine Wende nach oben anzeigt. Die EZB analysiert im jüngsten Monatsbericht jedenfalls, daß die Lohndrift, also die Abweichung der tatsächlich gezahlten Löhne von den Tarifabschlüssen, im Euro-Raum offensichtlich auf die konjunkturelle Lage reagiert: In Aufschwungzeiten dürften Prämien und Überstundenzuschläge eher steigen, so daß auch von dieser Seite her weiterer Preisdruck entstehen könnte.

          Unabhängig von diesen realwirtschaftlich bedingten Preisrisiken deuten die monetären Indikatoren unverändert darauf hin, daß sich im Euro-Raum mittel- bis langfristiger Preisdruck aufbaut. Die Geldmenge M3 wächst nach einem kurzen Einbruch wieder beschleunigt und deutlich schneller als der Referenzwert von 4,5 Prozent. Mit einem Rekordzuwachs von 11,4 Prozent weist auch die Kreditausweitung auf steigende Preisgefahren hin. Nach allgemeiner Einschätzung dürfte der EZB-Rat nach seiner Sitzung an diesem Donnerstag die Zinserhöhung im Dezember faktisch bestätigen - und vielleicht andeuten, daß auch im kommenden Jahr mit Zinserhöhungen zu rechnen ist. Die Terminkurse zeigen, daß am Geldmarkt eine weitere Zinserhöhung auf dann 3,75 Prozent im ersten Quartal 2007 schon fast als sicher gilt.

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