https://www.faz.net/-gqe-14rns

F.A.Z.-Konjunkturbericht : Mit halber Kraft voraus

Bild: F.A.Z.

2010 wird ein Wachstum der deutschen Wirtschaft von 1,2 bis 2,0 Prozent erwartet. Die Zahlen sind aber durch einen statistischen Effekt aufgebläht. Vieles deutet darauf hin, dass die Konjunktur eher abbremst als sich beschleunigt: der monatliche Konjunkturbericht der F.A.Z.

          3 Min.

          Die Konjunktur hält sich nicht an Gesetze, zumindest nicht an politische. Vor wenigen Tagen hat die Koalition ein „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ beschlossen. Vieles deutet aber darauf hin, dass die Konjunktur eher abbremst als sich beschleunigt. Im Schlussquartal 2009 ist ein geringerer Zuwachs zu erwarten als im dritten Quartal, das ein Plus von 0,7 Prozent brachte. Darauf deutet etwa der Rückgang der Produktion und der Aufträge für die Industrie im Oktober hin. Die Frühindikatoren, etwa das Ifo-Geschäftsklima, legen nur noch wenig zu. Der ZEW-Indikator ist sogar leicht rückläufig. Im Winterhalbjahr steht ein mühsamer Gang bevor. Die deutsche Wirtschaft ist noch längst nicht aus der Krise. Von einer kräftigen Erholung scheint sie weit entfernt – eher schleppt sie sich wie ein Patient nach der Operation durch den Park des Sanatoriums.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Zu dieser Einschätzung kommen auch all jene Prognosen, die auf den ersten Blick recht erfreuliche Wachstumszahlen für das kommende Jahr vorhersagen. Am zurückhaltendsten ist noch das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW), das für 2010 ein Plus von 1,2 Prozent zum Vorjahr prognostiziert. Die Deutsche Bundesbank bleibt ebenfalls vorsichtig und sagt ein Plus von 1,6 Prozent voraus. Das Ifo-Institut in München hat seine Prognose unter den Titel „Deutsche Wirtschaft ohne Dynamik“ gestellt und rechnet mit 1,7 Prozent Zuwachs. Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hält 1,9 Prozent plus für realistisch. Das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung sagt 2 Prozent voraus; einige Bankenvolkswirte setzen noch etwas höher an.

          „Statistischer Überhang“ macht sich bemerkbar

          Ist das nun viel? Eher nicht, denn ein Großteil des Zuwachses geht auf einen rein rechnerischen Effekt zurück: den „statistischen Überhang“ aus diesem Jahr. Damit ist die höhere Ausgangsbasis für 2010 gemeint: Weil das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Winterquartal 2009 so katastrophal tief fiel (minus 3,5 Prozent), danach aber in kleinen Schritten stieg, ist die jetzt erreichte Basis für 2010 deutlich höher als der Durchschnitt 2009. Selbst wenn die Wirtschaft gar nicht weiter wachsen würde, ergäbe sich im statistischen Vergleich mit dem Vorjahresdurchschnitt ein Zuwachs. Dieser Effekt macht nach Schätzung des Sachverständigenrats 0,7 Prozentpunkte aus.

          Bereinigt um den Überhangeffekt liegen die Prognosen für 2010 nur noch bei etwa einem Prozent echtes Wachstum. Das ist ziemlich mager – vor allem, wenn man bedenkt, auf welchem Niveau die deutsche Wirtschaft nach der schweren Rezession angelangt ist. Diese hat die Wirtschaftsleistung real um fast 6 Prozent reduziert; 2009 ist das BIP trotz der Wende im Frühjahr im Vergleich zum Vorjahr um fast 5 Prozent geschrumpft. Ein solcher Absturz, wie ihn die deutsche Wirtschaft noch nie in der Nachkriegsgeschichte erlebte, hinterlässt schmerzende Wunden: Zum einen wird die Arbeitslosigkeit steigen, zum anderen droht eine weitere Zunahme der Insolvenzen. Das wiederum belastet die Banken, so dass die Gefahr einer Kreditklemme real ist.

          Privathaushalte halten sich weiter zurück

          Obwohl es nun seit drei Quartalen leicht aufwärtsgeht, läuft die Wirtschaft nur mit halber Kraft. Der Export lag im Sommerquartal 2009 trotz der Zuwächse im Juli und September noch immer 18 Prozent unter dem Niveau des Vorjahreszeitraums. Und die Unternehmen investierten nur zögerlich (minus 8 Prozent); der Rückstand der Ausrüstungsinvestitionen betrug fast 22 Prozent. Bei einer weiter extrem schwachen Auslastung der Industriekapazitäten von zuletzt knapp 73 Prozent sehen die Betriebe keine Notwendigkeit für Erweiterungsinvestitionen.

          Dagegen hat der Staat seine Konsumausgaben deutlich ausgeweitet (plus 4,7 Prozent im Vorjahresvergleich). Gleichzeitig hielten sich die privaten Haushalte zurück. Ihr Konsum stagnierte, gemessen zum Vorjahr, im Vergleich zum Vorquartal hat die schwächere Konsumnachfrage der Privaten die Konjunktur sogar deutlich gebremst. Zwar kauften sie wegen der Abwrackprämie deutlich mehr Autos. Darunter litt aber die Nachfrage nach anderen Gütern.

          Das scheinbar kräftige Wachstum im dritten Quartal 2009 geht vor allem auf das Konto von Sondereffekten: den Schub der staatlichen Konjunkturprogramme und eine Wende im Lagerzyklus. Weil die Unternehmen in der Rezession ihre Produktion und die Einkäufe von Vorprodukten stark herunterfuhren, waren ihre Vorräte im Sommer weitgehend aufgebraucht. Sie mussten nun wieder die Lager auffüllen. Aber die Unternehmen werden nicht ewig für ihre Lager produzieren. Auch der Nachfrageschub der Konjunkturpakete läuft aus, wenngleich 2010 noch ein starker Impuls – das IWH beziffert ihn sogar auf 2 Prozent des BIP – aus den kreditfinanzierten staatlichen Maßnahmen zu erwarten ist.

          Arbeitsmarkt dank Agenda 2010 robust

          Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, wie robust der Arbeitsmarkt bislang in der Krise geblieben ist. Im Frühjahr überschlugen sich die Ökonomen mit Horrorprognosen: Bis auf rund 4 Millionen werde die Arbeitslosenzahl zum Jahresende steigen – im Winter 2010/11 könnte sie als Spätfolge sogar an die 5 Millionen klettern. Inzwischen reibt man sich verwundert die Augen, wie wenig Arbeitsplätze bislang trotz der Krise verlorengegangen sind. Im Herbst blieb die offizielle Arbeitslosenzahl unter 3,5 Millionen. Das ist eine Quote von knapp über 8 Prozent. Für das kommende Jahr wird ein Anstieg auf gut 3,6 Millionen (Ifo-Prognose) bis 3,8 Millionen Arbeitslose (Prognose der Bundesbank und des IfW) vorausgesagt. Diese glimpfliche Entwicklung ist neben der Kurzarbeit auch der Agenda-2010-Reform zu verdanken, die den Arbeitsmarkt flexibler gemacht hat.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Immerwährender Wahlkampf: Trump am Donnerstag in Bossier City, Louisiana

          Zweites Selenskyj-Protokoll : Trumps Entlastungsangriff durch Geplänkel

          Das Telefonat, das Trump im Juli mit dem ukrainischen Präsidenten führte, ist schwer zu verteidigen. Also veröffentlichte das Weiße Haus das Protokoll eines früheren Gesprächs. Da ging es um leckeres Essen und schöne Ukrainerinnen.
          Helfen pflanzliche Mittel und Gespräche genauso wie Hormone aus der Pillenpackung?

          Hilfe in den Wechseljahren : Während hitziger Zeiten

          Hormone versprechen Frauen in den Wechseljahren schnelle Hilfe. Doch neue Studien zeigen: Das Risiko einer solchen Ersatztherapie wurde bislang unterschätzt. Welche Alternativen gibt es für die Betroffenen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.