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F.A.Z.-Konjunkturbericht : Die Wirtschaft steckt im dunklen Tunnel

Bild: F.A.Z.

Weil die Aufträge ausbleiben, stellt sich die deutsche Industrie auf einen tiefen Absturz ein. Eine baldige Erholung ist nicht in Sicht. Der monatliche Konjunkturbericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          3 Min.

          Es erinnert an ein Buchstabenrätsel, wenn sich Ökonomen derzeit über die Rezession und den weiteren Konjunkturverlauf unterhalten: V, U, W oder L - so heißen die Szenarien, die diskutiert werden. Folgt auf den Absturz eine schnelle, kräftige Erholung (V-Szenario)? Wird es ein langes tiefes Tal, bis sich die Konjunktur gegen Jahresende mühsam erholt (U-Szenario). Könnte nach einer gewissen Erholung, angeregt auch durch die Konjunkturpakete, ein neuerlicher Schwächeanfall folgen (W-Szenario)? Oder bleibt die Wirtschaft dauerhaft am Boden liegen, droht also eine lange Rezessionsphase (das gefürchtete L-Szenario)?

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die harten Daten zeigen, dass die deutsche Wirtschaft in einem steil abwärts gerichteten Tunnel steckt. Die Finanzkrise hat auf die Realwirtschaft übergegriffen und schwächt sie mit höheren Kreditkosten. Ein Licht am Ende ist noch nicht zu sehen, allenfalls vage Hoffnungsschimmer wollen einige Ökonomen erkennen. Der Ifo-Geschäftsklimaindex hat zwar im Januar minimal zugelegt, ist im Februar aber wieder gefallen. Vor allem die Industrieunternehmen berichten über eine sehr schlechte Geschäftslage. Nur der Autoeinzelhandel, der von der Abwrackprämie profitiert, und die Bauwirtschaft meldeten oder erhofften leicht bessere Geschäfte. Beide Branchen gehören zu den Gewinnern des Konjunkturpakets.

          Viele Betriebe können ihre Produktion nicht mehr verkaufen

          Zum Jahresende 2008 hat die deutsche Wirtschaft einen heftigen Schlag hinnehmen müssen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist, verglichen mit dem Vorquartal, um 2,1 Prozent gefallen. Das lag vor allem am Export, der um 7,3 Prozent sank, während der Import nur um 3,6 Prozent abnahm. Neben dem Exporteinbruch war es der starke Rückgang der Investitionen, der das BIP gedrückt hat. Im vierten Quartal investierten die deutschen Unternehmen um 4,9 Prozent weniger in Maschinen oder Fahrzeuge als im Vorquartal. Dieser Rückgang beendete den langen Aufschwung von acht Quartalen, in denen die Ausrüstungsinvestitionen stetig gestiegen waren. Auch die Bauinvestitionen schwächten sich ab; sie lagen um 1,3 Prozent niedriger als im Vorquartal.

          Bild: F.A.Z.

          Einzig der Aufbau deutlich höherer Vorräte durch die Unternehmen verhinderte, dass das BIP noch tiefer sank. Allerdings sind die Aufstockung der Lagerbestände eine Folge der Absatzschwäche: Viele Betriebe können ihre Produktion nicht mehr verkaufen, daher stellen sie die Waren ins Lager. Das wird in der Statistik zwar noch als Wachstum verbucht, belastet die Unternehmen aber zunehmend. Sie werden daher ihre Produktion noch weiter drosseln. Wie tief der Absturz führen könnte, zeigen die Auftragseingänge in der Industrie: Im gesamten vierten Quartal lag das Ordervolumen um 15,7 Prozent unter dem des dritten Quartals, wobei die Auslandsnachfrage besonders aus dem Euro-Raum stark nachgab. Verglichen mit dem Vorjahresmonat, bekam die deutsche Industrie im Dezember gut 25 Prozent weniger Aufträge. Immer mehr Unternehmen melden Kurzarbeit an oder wollen ganze Werke zeitweilig schließen.

          Das V-Szenario scheidet wohl aus

          Nicht alle Wirtschaftszweige und Branchen sind gleichermaßen stark von der Krise erfasst. Weniger zyklisch sind etwa die Pharmaindustrie, die Versicherungswirtschaft und die konsumnahen Bereiche wie die Lebensmittelindustrie und der Einzelhandel, die bislang nur einen vergleichsweise geringen Abschwung spüren. Den härtesten Einbruch erleben dagegen die Automobilhersteller und ihre Zulieferer. Auch im Maschinenbau, über Jahre eine Rekordbranche, wachsen die Sorgen. Die Auftragspolster schrumpfen rasant, seit die Bestellungen im vierten Quartal um 29 Prozent fielen. Der Branchenverband erwartet nach der neuesten Prognose dieses Jahr einen Produktionsrückgang von 15 Prozent.

          Die Einbrüche in manchen Bereichen der Wirtschaft sind so rasant, dass sie die Modelle der Konjunkturforscher sprengen. Im Dezember erwartete das Kieler Institut für Weltwirtschaft einen BIP-Rückgang von 2,7 Prozent in diesem Jahr und gehörte damit zu den Pessimisten. Inzwischen deuten die Daten - vor allem der Auftragseingang - einen noch schärferen Rückgang an. Allein die miserable Ausgangslage nach dem schlechten Schlussquartal 2008 legt ein Schrumpfen des BIP von mehr als 3 Prozent nahe.

          Bislang hat die Rezession den Arbeitsmarkt noch nicht voll erfasst; im Februar stieg die Zahl der Arbeitslosen saisonbereinigt um 40.000, absolut um 63.000 auf 3,55 Millionen. Zugleich nähert sich die Kurzarbeiterzahl der Marke von einer Million. Im Jahresverlauf könnte die Arbeitslosenzahl um mehr als 700.000 zunehmen. Angesichts der zunehmenden Schwäche der Weltwirtschaft hält eine Mehrheit der Volkswirte ein Szenario mit einer langen und tiefen Rezession für realistisch. Das V-Szenario mit einer zügigen Erholung im zweiten Halbjahr scheidet wohl aus.

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