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F.A.Z.- Konjunkturbericht : Deutschland will der Rezession widerstehen

Der F.A.Z.-Konjunkturbericht für Deutschland Bild: F.A.Z.

Alle südeuropäischen Länder und auch Frankreich sind im Abschwung - doch die deutsche Wirtschaft hält sich.

          3 Min.

          Für die deutsche Wirtschaft gab es zum Jahresende einige Zeichen der Hoffnung. Die Konjunktur erleidet zwar auch hierzulande eine Delle, aber eine richtige Rezession hofft die Wirtschaft vermeiden zu können. Das Geschäftsklima, der Auftragseingang und die Industrieproduktion zeigten zuletzt wieder leicht nach oben. Die Bundesbank schreibt daher in ihrem jüngsten Monatsbericht, einiges spreche dafür, "dass die konjunkturelle Delle im Herbst nicht zu tief ausfallen dürfte". Voraussetzung dafür ist, dass Europa keine neuen Verwerfungen durch die Staatsschuldenkrise erlebt. Die Unsicherheit an den Finanzmärkten ist seit Monaten extrem hoch. Wichtige Nachbarländer wie Italien und Frankreich, die dritt- und die zweitgrößte Volkswirtschaft im Euroraum, sind schon in der Rezession.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die deutsche Realwirtschaft hingegen hat zuletzt neuen Optimismus gefasst. Entgegen den Erwartungen skeptischer Volkswirte ist das Ifo-Geschäftsklima im Dezember gestiegen. Der seit dem Frühjahr andauernde Abwärtstrend des Geschäftsklimas wurde vor allem deshalb gedreht, weil die Unternehmen die Zukunftsaussichten wieder etwas zuversichtlicher einschätzen. Wichtige Branchen wie der Maschinenbau, die Elektrotechnik und die Automobilhersteller erwarten weiter wachsendes Geschäft. Auch der Mittelstand gibt sich selbstbewusst.

          Zuversicht richtet sich auf die Binnennachfrage

          Damit zeigt sich ein scharfer Kontrast zum den meisten anderen europäischen Volkswirtschaften. In Südeuropa stecken praktisch alle Länder in der Rezession, vor allem Griechenland, das immer tiefer in den Abgrund fällt, sowie Portugal, das sich auf ein deutliches Schrumpfen einstellt. Aber auch Spanien und Italien stehen schmerzhafte Rezessionen bevor. Das römische Statistikamt Istat gab diese Woche bekannt, dass die Wirtschaftsleistung schon im dritten Quartal um 0,2 Prozent gesunken sei. Die von der Regierung von Mario Monti angekündigten Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen werden die Konjunktur kurzfristig weiter drücken. Laut Schätzung des Pariser Statistikamtes Insee ist in Frankreich im vierten Quartal ein Minus von 0,2 Prozent und im Folgequartal ein Minus von 0,1 Prozent zu erwarten.

          Der F.A.Z.-Konjunkturbericht für Deutschland

          Aus Großbritannien, der vor Italien drittgrößten EU-Volkswirtschaft, sind für den Winter ebenfalls Rezessionswarnungen zu hören. Insgesamt hat sich die Weltkonjunktur seit Mitte 2011 merklich abgeschwächt, wenn auch der Abwärtstrend laut OECD-Frühindikatoren seit Oktober gebremst ist. China, einer der wichtigsten Wachstumsmärkte für deutsche Exporteure, kämpft gegen die Abkühlung. Aus Amerika kommen gemischte Nachrichten. So können die Exporteure für Autos, Maschinen und Chemie nicht mehr auf so hohe Wachstumsraten hoffen. Im dritten Quartal hat die Ausfuhr noch mit einer Jahresrate von 10,5 Prozent zugelegt, die Einfuhr stieg aber sogar um 11 Prozent. Damit war der Wachstumsbeitrag des Außenhandels nahezu neutral.

          Die Zuversicht der deutschen Wirtschaft richtet sich jedoch mehr und mehr auf die Binnennachfrage. Der Produktionsanstieg von 0,5 Prozent im Sommerquartal ging zu vier Fünfteln auf zusätzliche Nachfrage im Inland zurück, betont das Institut für Weltwirtschaft in Kiel und fügt hinzu, dass der private Konsum, in den rund 60 Prozent der volkswirtschaftlichen Leistung fließen, die tragende Säule der Wirtschaft war. Die zweite Säule waren abermals die Investitionen der Unternehmen in ihre Ausrüstung mit Maschinen und Fahrzeugen: Sie legten im Sommerquartal sogar mit einer Jahresrate von gut 12 Prozent zu.

          Im Schlussquartal dieses Jahres werde die Binnennachfrage allerdings nahezu stagnieren, meinen die Kieler Ökonomen. Sie prognostizieren für den Herbst ein leichtes gesamtwirtschaftliches Minus von 0,1 Prozent. Doch anders als die OECD, die noch ein zweites Quartal mit einer "roten Null" prognostiziert, erwarten die meisten deutschen Institute im neuen Jahr eine erst stagnierende, dann anziehende Konjunktur, so dass die technische Definition einer Rezession (zwei Quartale mit schrumpfendem Bruttoinlandsprodukt) nicht erfüllt wäre. Wegen der Schwächephase zum Jahreswechsel prognostizieren Ökonomen indes nur ein ganz geringes Wachstum für 2012. Die meisten Institute schätzen 0,3 bis 0,6 Prozent Anstieg des Bruttoinlandsprodukts. Lediglich das gewerkschaftsnahe IMK-Institut ist wegen der Sparprogramme in Europa besonders skeptisch und erwartet ein Minus von 0,1 Prozent im Gesamtjahr.

          Gründe für relativen Optimismus liefert die nach wie vor robuste Binnenwirtschaft: Der Konsum dürfte weiter moderat steigen, weil die Zahl der Arbeitslosen weiter unter 3 Millionen sinkt. Rückenwind für die deutsche Konjunktur kommt zudem von der Geldpolitik. Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins wieder auf das Rekordtief von 1 Prozent gesenkt und versorgt zugleich die Banken reichlich mit Liquidität. Die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen und Bauherren sind in Deutschland weiterhin recht günstig. Vor allem der Wohnungsbau boomt. All das sollte der Konjunktur im Laufe des nächsten Jahres wieder Schwung geben, glauben die meisten Ökonomen. Aber alle Prognosen stehen stets unter dem Vorbehalt, dass die Schuldenkrise nicht eskaliert.

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