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Eurozone : Inflationsrate wieder über 2 Prozent

Stärkste Teuerung seit zwei Jahren Bild: dapd

Erstmals seit mehr als zwei Jahren ist die Inflation im Eurogebiet über die wichtige Marke von zwei Prozent geklettert. Im Dezember betrug die jährliche Teuerungsrate 2,2 Prozent - das waren 0,3 Punkte mehr als im Vormonat. Der vierteljährliche Preisbericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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          Das neue Jahr beginnt für die Europäische Zentralbank (EZB) mit einer Nachricht, die ihr oberflächlich betrachtet Sorge bereiten muss: Im Dezember ist die Teuerungsrate im Euro-Raum von 1,9 auf 2,2 Prozent gestiegen, hat das Statistikamt Eurostat am Dienstag nach vorläufiger Schätzung bekannt gegeben. Das war mehr, als die meisten Volkswirte für Dezember erwartet hatten, die mit einer Teuerungsrate von weiter 1,9 Prozent gerechnet hatten. Die EZB hat sich als mittelfristige Zielmarke für Preisstabilität eine Rate von knapp 2 Prozent gesetzt; der aktuelle Wert liegt nun erstmals seit gut zwei Jahren wieder darüber. „Kommt die Inflation zurück?“, fragen schon einige Kommentatoren. Auf kurze bis mittlere Sicht lautet die Antwort wohl: „Nein“. Auch im Durchschnitt des vergangenen Jahres lag die Teuerungsrate mit 1,6 Prozent unter der EZB-Zielmarke. Doch könnte der Druck höherer Rohstoffpreise in diesem Jahr für eine böse Überraschung sorgen.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Preistreiber waren zuletzt vor allem Energieprodukte und Nahrungsmittel. Kraftstoffe waren so teuer wie noch nie. Der Automobilclub ADAC errechnete in Deutschland im Dezember für einen Liter Super Benzin einen Preis von fast 1,47 Euro und für Diesel gut 1,30 Euro. Im Jahresdurchschnitt kostete Super Benzin 1,40 Euro je Liter - das waren 13,2 Cent (mehr als 9 Prozent) mehr als 2009. Heizöl hat sich in diesem Winter kräftig verteuert. Für eine Tankfüllung von 3000 Liter muss man derzeit mehr als 2250 Euro zahlen. Darin spiegelt sich die saisonale Verknappung wider, aber auch der allgemeine Preisanstieg für Rohöl. Anfang des vergangenen Jahres kostete ein Barrel Öl der Nordseesorte Brent gut 80 Dollar, im Sommer pendelte der Preis 75 Dollar. Doch zum Jahreswechsel ist er erstmals seit zwei Jahren über 95 Dollar gestiegen.

          In Euro gerechnet stieg der Preis von 56 auf 71 Euro je Barrel - das waren mehr als 26 Prozent. Da das meiste Öl importiert wird, bedeutet dies für die Verbraucher sowie die Wirtschaft allgemein einen Entzug von Kaufkraft in Milliardenhöhe. In diesem Jahr könnte der Ölpreis nach Meinung etwa der Bank Goldman Sachs auf 100 Dollar zusteuern. Unternehmen, die für ihre Angebote viele Rohstoffe verarbeiten, leiden darunter: Nicht nur das Rohöl, sondern auch Chemikalien, Kupfer, Kunststoffe und Stahl kosten deutlich mehr. Die Teuerung war so stark wie seit Juli 2008 nicht mehr, berichtete die Industrie in der jüngsten Umfrage des Bundesverbands der Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik. Seit dem Sommer liegt der Erzeugerpreisanstieg deutlich über 4 Prozent.

          Bei den Verbrauchern kommt davon bislang aber nur ein kleiner Teil an. Die sogenannte „Kernrate“ der Inflation ist sogar weiter sehr niedrig. Rechnet man die Preise für Energie und Nahrungsmittel, die saisonal schwanken, aus dem statistischen Warenkorb heraus, so lag die Teuerung im Euro-Raum weiterhin bei kaum mehr als 1 Prozent. Im Dezember dürfte sie auf 1,2 Prozent gestiegen sein, schätzt die Commerzbank. Darin spiegeln sich die weiter sehr moderat steigenden Preise für die meisten Dienstleistungen sowie für Mieten, die in Deutschland seit Jahren um kaum mehr als 1 Prozent jährlich steigen. Allerdings sind die Daten der Statistiker nicht zum Nennwert zu nehmen, da auch die europäischen Behörden seit einigen Jahren auf die sogenannte „hedonische“ Messung von Preissteigerungen übergegangen sind: Dabei werden Qualitätsverbesserungen eines Produkts, etwa eines Autos, von der Preissteigerung abgezogen. Selbst wenn der Ladenpreis des Wagens steigt, wird er wegen mehr technischen Funktionen in die Statistik als günstiger bewertet. Einen stark dämpfenden Effekt auf die Statistik haben seit Jahren die sinkende Preise für elektronische Geräte,etwa Computer. Auch hier wirkt sich die „hedonische“ Messung in der Statistik stark aus.

          In Europa gibt es nach wie vor eine starke Streuung der Inflationsraten. In Irland herrscht eine leichte Deflation (das Preisniveau lag im November um 0,8 Prozent unter dem Vorjahreswert). Unterdurchschnittlich niedrige Inflationsraten haben die Slowakei (1,0 Prozent im November) und die Niederlande (1,4 Prozent). Für die hohen Teuerungsraten in einigen weiter von Wirtschaftskrise geplagten europäischen Staaten wie Spanien (2,2 Prozent) und Griechenland (4,5 Prozent) sind dort vor allem höhere Umsatzsteuern verantwortlich, wie die EZB betont: Ohne die Erhöhung der Mehrwertsteuer um 3 Prozentpunkte und einiger anderer staatlich administrierter Preise gäbe es in Griechenland auch kaum Preisdruck. Wo die Nachfrage der Verbraucher schwach ist, können Unternehmen kaumPreiserhöhungen durchsetzen.

          Dies ist auch das Argument jener Analysten, die weiter von einer nur moderaten Teuerung ausgehen. Die Produktionskapazitäten sind im Durchschnitt des Euro-Raums nur schwach ausgelastet - etwa zu 78 Prozent, in Deutschland hingegen schon zu mehr als 83 Prozent. Angesichts der Arbeitslosigkeit von fast 10 Prozent im Währungsgebiet werden die europäischen Gewerkschaften zudem nur moderate Tarifabschlüsse durchsetzen können. Die Lohnkosten werden also auf absehbare Zeit nur wenig steigen. Dies spricht für einen auf kurze bis mittlere Frist nur geringen Anstieg der Inflationsraten. Nach Schätzung der EZB wird der Harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) im Jahr 2011 um 1,3 bis 2,3 Prozent und 2012 zwischen 0,7 und 2,3 Prozent steigen. Auch von der monetären Analyse her sieht die Zentralbank keine größeren Risiken. Die breitere Geldmenge M3 ist zuletzt zwar wieder etwas stärker gewachsen, weil mehr Unternehmenskredite ausgegeben werden, doch bleibt die Jahresrate von 2,0 Prozent weiter moderat. Angesichts der schwachen Konjunktur in Teilen des Euro-Raums, besonders in der Peripherie, wird die EZB wohl erst spät in diesem Jahr oder erst 2012 den Leitzins von 1,0 Prozent anheben.

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