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Europäische Zentralbank : Kein Geld, keine Inflation

Otmar Issing Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Sechzehn Jahre lang hat Otmar Issing die Geldpolitik in Deutschland und Europa mitbestimmt. Jetzt tritt der Ökonom ab. Die spannende Frage ist, ob die Geldpolitik der EZB darunter leiden wird. Ein FAZ.NET-Spezial.

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          An diesem Donnerstag morgen kommen im sechsunddreißigsten Stockwerk des Euro-Towers in Frankfurt siebzehn Herren und eine Dame zusammen. Otmar Issing wird dem Rat der Europäischen Zentralbank über die wirtschaftliche und monetäre Lage berichten und eine geldpolitische Empfehlung geben - zum letzten Mal in der Geschichte der EZB. Ende Mai verläßt der Chefvolkswirt die Bank; als einziger gehört er ihrem Direktorium seit der Gründung am 1. Juni 1998 an.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Nach seinem Vortrag werden die sechs Direktoriumsmitglieder und die zwölf Governeure der nationalen Notenbanken diskutieren, ob sie den Leitzins von 2,5 Prozent verändern wollen. Ein Zinsschritt käme überraschend, nachdem die Bank sich im April faktisch die Hände gebunden hatte. Angesichts des sich beschleunigenden Wachstums der Geldmenge M3 dürfte der Rat erörtern, ob die von Präsident Jean-Claude Trichet im April für Juni angedeutete Zinserhöhung mit 50 Basispunkten kräftiger ausfallen sollte als gemutmaßt.

          Geldmenge als Kompaß

          Es ist bezeichnend, daß zu Issings Abschied die Geldmenge im Fokus steht. Der deutsche Ökonom weiß, daß die monetären Aggregate und die Analyse ihrer Bestimmungsfaktoren als Kompaß für die Geldpolitik nicht ausgedient haben, daß Inflation immer und überall ein monetäres Phänomen ist und entsteht, wenn zu viel Geld die Güter jagt. Zufrieden beobachtet er, daß sich diesbezüglich bei anderen Zentralbanken eine Renaissance anbahnt. "Kein Geld, keine Inflation" betitelte Mervyn King, der Gouverneur der Bank von England, eine Rede. Das Zitat gefällt Issing, der sechzehn Jahre lang die Geldpolitik in Europa entscheidend mitbestimmte, erst in der Deutschen Bundesbank, dann in der EZB.

          Das Biest M3

          Der Professor der Universität Würzburg, der in Forschung und Lehre eigentlich sein berufliches Glück gefunden hatte, kam ins Bundesbankdirektorium in schwierigen Zeiten. Zwei Tage nach seinem Amtsantritt erfolgte die deutsche Wiedervereinigung, der zum 1. Juli 1990 die deutsche Währungsunion vorangegangen war. Die rasch steigende Staatsschuld heizte die Wirtschaft und die Inflation an, ebenso wie die starke monetäre Expansion. Diese war auch dem von der Bundesbank nicht gewollten großzügigen Umtauschkurs der Ostmark zur D-Mark zu verdanken. Bis 1992 schraubte die Bank die Zinsen auf Rekordhöhen. Der restriktive Kurs trug zu den Krisen im Europäischen Währungssystem enger Wechselkursbandbreiten bei. In den Jahren 1992 und 1993 stand das EWS mehrfach auf dem Spiel; nur mit Mühe verteidigte die Bundesbank ihre geldpolitische Souveränität.

          Trotz scharfer Kritik aus europäischen Partnerländern hielt der Zentralbankrat am Ziel Geldwertstabilität fest und führte die Inflation zurück - wohl wissend, daß er so die künftige EZB entlastete. Dabei pflegte der Chefvolkswirt einen aufgeklärten Monetarismus. Mit ihm verfehlte die Bundesbank in vier von acht Jahren ihr Geldmengenziel. Das "Biest M3", wie Issing sagte, bereitete Schwierigkeiten. Neue Finanzinstrumente und steuerlich bedingte Kapitalströme ließen die Geldmenge wild schwanken; ihre Aussagekraft als Indikator künftiger Inflation wurde bezweifelt. 1994 senkte die Bank sogar trotz starkem Geldmengenzuwachs die Zinsen, um einen Liquiditätsstau aufzulösen. Issing ist undogmatisch, analysiert genau und hinterfragt das eigene Wissen ständig. Offenheit und Bescheidenheit zeichnen den 70 Jahre alten Würzburger Gastwirtssohn auch im persönlichen Umgang aus.

          Entdecker unbekannter Welten

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