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Kommentar : Brexit, Trump? - Das wird schon!

Die Stimmung in den Führungsetagen deutscher Firmen könnte kaum besser sein. Woher diese Zuversicht?

          Wie ein Damoklesschwert schwebte der Moment im Nacken der Europäischen Union, jetzt ist er da: Die Briten bekommen ihren Brexit. Für die deutsche Wirtschaft ist das in vielerlei Hinsicht keine gute Nachricht. Zum einen wird ihr drittwichtigster Absatzmarkt innerhalb der nächsten zwei Jahre den gemeinsamen Freihandelsraum verlassen. Zum anderen weiß niemand, welche Folgen der Austritt für die Stabilität der Europäischen Union haben wird. Erschwerend hinzu kommen die politischen Unwägbarkeiten, die seit der Wahl Donald Trumps über den Atlantik schwappen. Zeit für die deutschen Unternehmen, nervös zu werden?

          Ganz und gar nicht, scheint die Antwort auf diese Frage zu lauten. Von den Capricen der anderen lässt sich die hiesige Wirtschaft nicht beirren. Darauf deuten sowohl die harten Daten des vergangenen als auch die ersten belastbaren Stimmungstests in diesem Jahr hin. 2016 hat die deutsche Wirtschaft das stärkste Wachstum seit fünf Jahren verzeichnet, im ersten Quartal 2017 deutet sich abermals ein überraschend gutes Ergebnis an. Der Ifo-Index, der wichtigste Frühindikator für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland, hat im März den höchsten Stand seit sechs Jahren erreicht. Er liegt deutlich über dem Wert vom vergangenen Juni, als die Mehrheit der deutschen Unternehmen den Brexit für ein höchst unwahrscheinliches Szenario hielt. Und selbst die deutsche Exportwirtschaft war im März so optimistisch wie zuletzt im Jahr 2014.

          Nun ist die Entscheidung der Briten aber nicht spurlos an Deutschland vorbeigezogen. Im August notierten die Stimmungstests eine kleine Delle. Sie legten nahe, dass das Brexit-Votum die Unternehmen doch treffen kann. Dafür spricht auch, dass sich die Unsicherheitsindikatoren auf einem bemerkenswert hohen Niveau bewegen. Und doch wird mit jeder monatlichen Umfrage deutlich, mit welcher Gelassenheit die deutsche Wirtschaft in ihre Zukunft schaut.

          Erstaunlich ist die Ruhe insofern, als sie einen Bruch mit der Vergangenheit darstellt. Noch vor wenigen Jahren reagierten Unternehmer wie Kapitalmärkte auf jedes größere Risiko mit einem Ausschlag nach unten. Und heute? Da kommt die politische Unsicherheit anscheinend nicht mehr an. Die Wirtschaft, sagen Analysten, habe sich einem Paradigmenwechsel unterzogen. Manche von ihnen gehen so weit, von einem „Kulturbruch“ zu sprechen.

          Anders ist heute, dass die Unternehmen nicht mehr fragen, was alles gerade schiefgehen könnte. Stattdessen bewerten sie die aktuelle Lage – und schauen, welche Entwicklung am wahrscheinlichsten ist. Vor dem Hintergrund der vergangenen zehn Jahre wirkt die neue Mentalität wie ein folgerichtiger Schritt: Die globale Finanzkrise, die europäische Schuldenkrise, der drohende „Grexit“, die anhaltende Konjunkturschwäche in den Schwellenländern und die Einführung des Mindestlohns – alles hat die deutsche Wirtschaft einigermaßen schadlos überstanden. Warum sollte sie sich jetzt von den aufziehenden Wolken aus der Ruhe bringen lassen?

          „Der Brexit ist nicht das Ende von allem“

          Wirklich passiert ist bislang nämlich nichts. Stand heute hat die amerikanische Regierung noch keine protektionistischen Maßnahmen gegen ihre Handelspartner ergriffen – und schon gar nicht gegen Deutschland. Zwar hat Präsident Trump am Freitag ein Dekret unterzeichnet, das die Prüfung sämtlicher Handelsbeziehungen der Vereinigten Staaten veranlasst. Konsequenzen für die Geschäfte der Deutschen hat das aber noch lange nicht. Stand heute ist Großbritannien noch Teil der EU und wird es wohl bis 2019 bleiben. Und falls der Wahlausgang in den Niederlanden als Wasserstandsmeldung für die Zukunft der EU taugt, werden auch in Frankreich und Deutschland die populistischen Parteien nicht als Sieger aus den Wahlen hervorgehen. Stand heute erwarten die Unternehmer, dass die Rahmenbedingungen für ihre Geschäfte erst einmal Bestand haben werden.

          Wirtschaftliche Gründe für das Stimmungshoch gibt es ohnehin genug. Erstens sind die Auftragsbücher der Unternehmen prall gefüllt. Zwar sanken die Bestellungen in der Industrie zum Jahresbeginn deutlich, allerdings gibt es aktuell keine Anzeichen dafür, dass daraus ein Trend entstehen könnte. Die Binnennachfrage ist weiterhin hoch, und weil die Weltkonjunktur allmählich wieder anzieht, ist mit einer steigenden Nachfrage aus dem Ausland zu rechnen. Zweitens sind die Preise in Deutschland und Europa wieder merklich gestiegen. Das treibt die Umsätze der Unternehmen nach oben und sorgt für neuen konjunkturellen Wind, zumal immer noch kein Ende der Niedrigzinsphase in Sicht ist. Drittens sind die deutschen Exporteure vergleichsweise breit aufgestellt. Seit Juni 2016 bereiten sie sich auf den drohenden Brexit vor, seit November auf Trump. Wer Handelsbeziehungen nach Großbritannien oder Amerika pflegt oder Produktionsstandorte vor Ort hat, wird sich eine Ausweichstrategie überlegt haben.

          Solange sich an alldem nichts ändert, machen die Unternehmen einfach weiter wie bisher. „Der Brexit ist nicht das Ende von allem“, sagte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker vor wenigen Tagen. Das wird in deutschen Chefetagen ähnlich gesehen.

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          Maja Brankovic

          Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.

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