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Die Schattenseiten : Armes reiches China

Der Lebensstandard auf dem Land ist vielerorts noch auf niedrigem Niveau Bild: AP

11,9 Prozent Wachstum. Dahinter muss sich ein neuer Riese verbergen, glaubt man im Westen. Pro Kopf betrachtet, sieht es weniger rosig aus. Das versucht die chinesische Regierung nun zu vermitteln - und führt den amerikanischen Finanzminister raus aufs Land, wo es das „arme China“ zu bestaunen gibt.

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          Kariertes Hemd statt dunklem Jackett, Schirmmütze statt Krawatte, Kamera statt Aktentasche - Henry Paulson war auf Stippvisite in einer anderen Welt kaum zu erkennen: Für ein paar Stunden führte die chinesische Regierung dem amerikanischen Finanzminister das arme China vor. In der Provinz Qinghai, tief im unterentwickelten Westen, sollte Henry Paulson ein Gefühl dafür bekommen, dass es auch eine Volksrepublik jenseits der Leuchtreklamen und Konferenzhotels Schanghais und Pekings gibt.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          „Wenn Sie diesen Kontrast gesehen haben, wissen Sie, dass China niemandem gefährlich werden kann. China hat 23 Millionen Menschen in Armut. Chinas Ziel ist seine Entwicklung, so dass all seine 1,3 Milliarden Einwohner genug zu essen haben, sich warm anziehen und gut leben können“, sagte die stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes, Wu Yi, anschließend. Da saß ihr wieder der gewohnte Paulson im dunklen Anzug gegenüber.

          Die Angst vor der Übermacht wächst

          Chinas Regierung muss darauf bedacht sein, das Bild des Landes vorsichtig zu korrigieren. Denn nach 11,9 Prozent Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) im zweiten Quartal, einem raschen Ausbau der Industrie und angesichts einer geplanten erdumspannenden Einkaufstour der staatseigenen Investitionsgesellschaft wächst die Angst vor der Übermacht des „neuen China“. Sein Devisenschatz von mehr als 1,3 Billionen Dollar scheint das Land unangreifbar zu machen. Und während in Deutschland erste Politiker auf ein Ende der Entwicklungshilfe für die drittstärkste Wirtschaftsnation der Erde drängen, fordern die Amerikaner schon lange eine Aufwertung des Yuan, die die Ausfuhrgüter Chinas verteuerte.

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          Die Schattenseiten : Armes reiches China

          Eine zu starke Abkühlung des Wirtschaftswachstums, gar ein Einbruch könnten der Volksrepublik, vor allem aber Partei und Regierung, gefährlich werden, fürchtet Peking: Schwächt sich das Wachstum ab, wächst das Heer der Arbeitslosen und wüchse wohl in gleichem Maße die Unzufriedenheit im Lande. Deshalb ist die Staatsführung darauf bedacht, das Bild des eigenen Landes im Ausland nicht zu sehr strahlen zu lassen. Und damit den Druck von außen zu verringern.

          Beim BIP pro Kopf nur auf Rang zehn

          Schützenhilfe hat China bei diesem Versuch nun aus Manila bekommen. Die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) in der philippinischen Hauptstadt warnt davor, die Auswirkungen des raschen Wachstums auf Asiens Schwellenländer zu überschätzen. Zwar kündigte ADB-Präsident Haruhiko Kuroda an, die Wachstumsvorhersage für Asien vor allem dank Chinas Wachstum von derzeit 7,6 auf 8,1 Prozent für dieses Jahr anzuheben. Auch stehen China und Indien für 64 Prozent des BIP derjenigen 22 asiatischen Volkswirtschaften, die an der jüngsten Studie teilnahmen.

          Doch ergibt sich ein ganz anderer Blick, bezieht man die Größe ihrer Bevölkerung in die Betrachtung mit ein. Gemessen am realen BIP pro Kopf nämlich fällt China auf Rang zehn, Indien gar auf Rang 18 der Liste. Die Spitzenplätze belegen die kleinen Staaten Brunei Darussalam und Singapur vor den ehemaligen Kolonien Hongkong und Macao.

          Die Lage der Bevölkerung sieht nicht so rosig aus

          Die ADB weist darauf hin, dass die absolute Größe des BIP in Dollar aufgrund der Verschiebungen in den Wechselkursen wenig über die Lage der Bevölkerung im jeweiligen Land aussagt. Deshalb zieht sie die Betrachtung in Kaufkraftparitäten vor. Anders als beim „Hamburger-Index“, der den Aufwand für einen „Big Mac“ vergleicht, fließen in das „Internationale Vergleichsprogramm“ die Aufwendungen für 800 Güter und Dienstleistungen mit ein. ADB-Chefvolkswirt Ifzal Ali rechnet vor, dass China 28 Jahre brauchen werde, um das BIP pro Kopf des Sultanats Brunei zu erreichen. Zugrunde gelegt hat er ein Wachstum von 9,2 Prozent jährlich. Indien dürfte sogar fast fünf Dekaden dafür benötigen, legte das BIP pro Kopf jährlich im Durchschnitt um 6,5 Prozent zu.

          Zugleich hat die ADB eine Rangfolge für den Lebensstandard in den Ländern Asiens berechnet. Grundlage sind die Ausgaben der Privathaushalte, einbezogen werden auch staatliche Ausgaben für Bildung und Gesundheit. China steht auf Platz 15, Indien auf Platz 17. Die führenden Plätze belegen die chinesische Sonderverwaltungsregion Hongkong (jährlicher Konsum: 125.000 Hongkong-Dollar pro Kopf), gefolgt von Taiwan (109.000), dem Stadtstaat Singapur (100.000), dem Sultanat Brunei Darussalam (82.000) und der Glücksspielinsel Macao (69.000). Zum Vergleich: Ein Bürger Chinas konsumiert jährlich im Gegenwert von nur 11.502 Hongkong-Dollar, ein Inder gar nur für 9346 Hongkong-Dollar.

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