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Wachstum sinkt : Deutschland vor dem Abschwung

Läuft die deutsche Konjunktur nicht mehr rund? Bild: dpa

Einer nach dem anderen korrigiert die Wachstumsprognosen nach unten. Jetzt wird es ungemütlich. Nicht nur an der Börse. Auch in den Unternehmen und in der Bevölkerung sorgt man sich.

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          Schlechte Nachrichten lassen sich zuweilen nicht gleich als solche erkennen: Als das Münchener ifo-Institut am vergangenen Mittwoch mitteilte, der von ihm ermittelte Geschäftsklima-Index sei deutlich auf 104,7 Punkte gefallen, da dürfte dies außer ein paar Experten wohl kaum jemand mitbekommen haben. Welcher normale Mensch beschäftigt sich schon regelmäßig mit dem ifo-Index? Als dann aber zwei Tage später auch noch die Gesellschaft für Konsumforschung meldete, die Kauflaune der Deutschen gehe erheblich zurück, war nicht nur Konjunkturforschern plötzlich klar: Da läuft etwas gehörig schief.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Denn ein Rückgang des Geschäftsklimas (also der Zuversicht in den Führungsetagen der Unternehmen) und eine geringere Kauffreude der Verbraucher (ein zugegeben etwas unzuverlässigerer Indikator) legen einen Schluss nahe: Diesem Land geht es wirtschaftlich womöglich schlechter als gedacht. Viele Deutsche fragen sich da sogleich: Muss man sich Sorgen machen? Steht am Ende gar bald der eigene Arbeitsplatz auf dem Spiel?

          Gertrud Traud, die Chefvolkswirtin der Helaba, spricht es klar aus: „Wir befinden uns mitten im Abschwung.“ Auch ifo-Präsident Hans-Werner Sinn nimmt das Wort „Abschwung“ jetzt in den Mund. In vielen anderen Wirtschaftsforschungsinstituten scheint man die Konjunktursorgen zumindest in der Tendenz zu teilen: Ein Institut nach dem anderen hat in den vergangenen Tagen seine Prognose für das Wirtschaftswachstum nach unten korrigiert. Auch Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel ist offenbar etwas pessimistischer geworden.

          Dass die Stimmung in der deutschen Wirtschaft gerade jetzt so deutlich kippt, erscheint zunächst einmal unverständlich: Lange wirkte es doch so, als ob alle negativen Einflüsse von außen Deutschland nichts anhaben könnten – und als ob wir inmitten von Rezession geplagten Krisenstaaten auf einer Insel der Seligen lebten.

          Drei Gründe für die plötzliche Veränderung nennen Experten, doch nicht alle sind sie gleich stark. In Stichworten aufgezählt sind es die Ukraine, China – und Deutschlands Nachbarn in Europa.

          Bei Umfragen in der Bevölkerung, aber auch bei den Stimmungsindikatoren der Wirtschaftsforschungsinstitute überlagert die Krise in der Ukraine oft alles andere. Doch die Bedeutung der Exporte Deutschlands in den Osten wird überschätzt. „Die deutschen Exporte nach Russland fallen seit anderthalb Jahren – und die Konjunktur bei uns ist mal rauf- und mal runtergegangen“, sagt Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank. „Russland hat nicht das ökonomische Gewicht, um die Konjunktur in Westeuropa nachhaltig zu beeinflussen.“ Von den deutschen Exporten gingen 2013 lediglich rund drei Prozent nach Russland.

          Schwächeres Wachstums in China

          Ernster dürfte da schon die Abschwächung des Wachstums in China zu nehmen sein. Zwar legt die Wirtschaft in China immer noch um mehr als sieben Prozent im Jahr zu. Trotzdem ist dies enttäuschend: Denn vor ein paar Jahren waren es auch schon mal zwölf Prozent und mehr. Weil fast alle großen deutschen Unternehmen in China tätig sind, hat die Veränderung starke Auswirkungen auf die Entwicklung hierzulande. Ökonom Krämer sagt: „China ist als Absatzmarkt für Deutschland mittlerweile fast so wichtig wie Amerika.“

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