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Deutschlands Wirtschaft schwächelt : Das Ende der Wachstumsseligkeit

DIW-Präsident Marcel Fratzscher spricht von der „Deutschland-Illusion“ Bild: dpa

Deutschlands Rolle als Musterschüler hat uns blind gemacht. Die Wirtschaft stockt seit Monaten – eine Schwäche, die nicht verharmlost werden darf.

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          Ein Bild hat sich in den Köpfen festgesetzt: Deutschland ist die wirtschaftliche Lokomotive Europas. Krisenfest prescht sie voran, Schwächen jenseits der Grenzen können sie nicht bremsen. In der Industrie und am Arbeitsmarkt geht es bergauf, da kann kommen, was will.

          Doch nun liefert die Wirtschaft seit mehreren Monaten schwache Daten. Spätestens nach dem abermaligen Rückschlag für die Industrie im August ist die Wachstumslokomotive zum Trugbild geworden. Es drängt sich die Frage auf, wie stark die deutsche Wirtschaft tatsächlich ist. Ist das, was nach dem schwachen Frühjahrsquartal noch als Wachstumsdelle bezeichnet wurde, doch der Beginn einer längeren Schwächephase?

          Die Frage mag viele überraschen. Denn Deutschlands Rolle als Musterschüler hat blind gemacht für Entwicklungen, die nicht ins Bild der erfolgreichen Volkswirtschaft passen. Die Folge ist eine Scheinsicherheit, von der sich auch die Politik hat blenden lassen. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, Marcel Fratzscher, spricht von einer „Deutschland-Illusion“. Das Land dürfe nicht länger fundamentale Schwächen ignorieren und von der Substanz leben.

          Möglichkeit einer schnelleren Abschreibung bleibt wohl Strohfeuer

          Wie ernst sind die Probleme? Die Antwort fällt zweigeteilt aus. Einerseits steht die deutsche Wirtschaft vor allem dank der Rekordbeschäftigung auf einem vergleichsweise soliden Fundament. Grund zur Panik sehen Volkswirte deshalb nicht. Andererseits verderben mehrere, teils strukturelle Probleme die Hoffnung auf ein Anziehen der Konjunktur. Im zweiten Halbjahr wird die Wirtschaft wohl nur knapp an einer Rezession vorbeischrammen.

          Drei Entwicklungen bremsen. Erstens trifft die Krise in der Ukraine und in Nahost die Industrie. Die rückläufigen Ausfuhren sind volkswirtschaftlich zu verschmerzen. Zunehmend Schwierigkeiten bereitet jedoch die Unsicherheit über eine weitere Verschärfung der Krisen. Dass der Ifo-Index, der wichtigste Frühindikator für die wirtschaftliche Entwicklung, fünf Monate nacheinander verloren hat, geht zum guten Teil auf diese Sorge zurück. Schnelle Besserung ist nicht in Sicht.

          Weil Planungssicherheit fehlt, verschärft sich ein zweites Problem. Eigentlich hatten Volkswirte fest mit einem Anspringen der Investitionen in diesem Jahr gerechnet. Das wäre ein sicheres Indiz für steigende Produktivität gewesen. Doch nach einem verheißungsvollen Jahresstart kauften die Unternehmen im Frühjahr weniger neue Maschinen. Ohnehin ist die Investitionsquote in Deutschland wie in anderen Industrienationen im Trend seit zwei Jahrzehnten rückläufig. Der demographische Wandel gilt als eine der Ursachen, der Trend weg von großen Fabriken hin zu mehr Dienstleistungsunternehmen ist eine andere. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat sich auf die Fahnen geschrieben, Investitionen anzuregen. Allerdings begibt sich der Sozialdemokrat damit auf heikles Terrain. Unternehmen treffen ihre Investitionsentscheidungen nach betriebswirtschaftlichen Kriterien. Ob die nun erwogene Möglichkeit einer schnelleren Abschreibung mehr als ein Strohfeuer auslöst, darf bezweifelt werden. Im Gespräch ist zudem, Infrastrukturprojekte mit dem Geld von Privatinvestoren zu stemmen. Trotz einiger Kritik scheint dieser Vorstoß realwirtschaftlich das größte Potential zu haben – an der strukturellen Investitionsschwäche ändert die Maßnahme aber praktisch nichts.

          Auch auf dem Arbeitsmarkt drohen harte Zeiten

          Eine dritte Entwicklung haben die Volkswirte bei ihren zu optimistischen Prognosen zu Jahresbeginn falsch eingeschätzt. Der Aufschwung im Euroraum bleibt aus. Im Frühjahr stagnierte die Wirtschaft im Währungsraum, für das gesamte Jahr wird ein mageres Plus von knapp 1 Prozent erwartet. Zwar berappeln sich die Länder der Peripherie langsam, aber Italien musste seine Erwartungen jüngst kappen, Frankreich rechnet nur mit einem Minizuwachs. Der Währungsfonds hat seinen Ausblick für Weltwirtschaft leicht abgeschwächt, stärkere Impulse aus dem Ausland sind nicht zu erwarten. Diese drei Bremsfaktoren dürfen nicht auf die leichte Schulter genommen werden, sie werden die Konjunktur auf absehbare Zeit belasten.

          Für etwas Schub sorgt noch die robuste Binnennachfrage. Grundlage dafür ist die geringe Arbeitslosigkeit. Ein etwas schwächerer Herbstaufschwung am Arbeitsmarkt und ein größeres Interesse der Arbeitgeber am Kurzarbeitergeld ließen zuletzt aber erste Bedenken auftauchen, dass der Beschäftigungszuwachs an seine Grenzen stößt. Als große Unbekannte kommt von 2015 an der flächendeckende Mindestlohn hinzu. Der Konsum dürfte kurzfristig von höheren Löhnen profitieren. Allerdings wird der Mindestlohn vor allem im Osten Arbeitsplätze kosten, fürchten Ökonomen. Auch auf dem Arbeitsmarkt, der verspätet auf die Konjunktur reagiert, drohen demnach härtere Zeiten.

          Anders als die Forschungsinstitute plant die Bundesregierung offiziell noch immer mit einem Wachstum um 1,8 Prozent in diesem Jahr. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Prognose bald der Realität angepasst wird. Das ist überfällig. Auch in Berlin muss die Botschaft ankommen, dass sich die Wachstumsdelle auszuwachsen droht.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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