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Deutsche Konjunktur : Die Realität ist schlimmer als die Prognosen

  • -Aktualisiert am

Hier geht es heiß zu - doch die Konjunktur kühlt sich ab Bild: AP

„Es ist fast unbeschreiblich, was derzeit mit der Konjunktur passiert“, kommentieren Fachleute die aktuelle ökonomische Lage in Deutschland. Die Wirtschaft gerät in eine Rezession, die noch tiefer ist, als die meisten Prognosen befürchteten. Und eine schnelle Erholung ist gegenwärtig nicht in Sicht.

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          Die deutsche Wirtschaft gerät in eine Rezession, die noch tiefer ist, als die meisten Prognosen befürchten ließen. Im Dezember ist die Erzeugung des produzierenden Gewerbes um 4,6 Prozent eingebrochen, teilte das Wirtschaftsministerium am Freitag mit. Im November war sie schon um 3,7 Prozent zurückgegangen. Im gesamten Herbstquartal lag die Produktion damit um fast 7 Prozent unter dem Niveau des Vorquartals.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Viele Industriebetriebe haben mittlerweile Werke vorübergehend stillgelegt oder Kurzarbeit angemeldet. Der Auftragseingang der Industrie lag, wie bereits gemeldet, um rund 15 Prozent unter dem Vorquartalswert. „Die Zahlen sind noch wesentlich schlechter als befürchtet“, sagte Joachim Scheide vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. „So etwas hat es nach meiner Erinnerung noch nie gegeben. Es ist fast unbeschreiblich, was derzeit mit der Konjunktur passiert“, sagte Scheide. Die IfW-Prognose von 2,7 Prozent Einbruch der gesamten Wirtschaftsleistung in diesem Jahr liege nicht mehr am unteren Rand, sondern werde von den schlechten Zahlen noch unterboten.

          F.A.Z.-Konjunkturindikator drastisch eingebrochen

          Auch der F.A.Z.-Konjunkturindikator, der vom Institut für Weltwirtschaft berechnet wird, ist im Berichtsmonat Dezember drastisch eingebrochen. Er verminderte sich um 4,7 Prozent auf einen Wert von 103,3 Punkten. Gegenüber dem entsprechenden Monat des Vorjahres ergibt sich ein Rückgang um 15,2 Prozent. Einen so steilen Absturz hat es zuvor noch nicht gegeben. Maßgeblich war die Abnahme der Auftragseingänge in der Industrie, deren Abwärtstrend sich nochmals beschleunigt hat. Gleichzeitig hat sich das Geschäftsklima erheblich verschlechtert. Belastet hat auch der vorübergehend gestiegene Euro-Wechselkurs.

          Die Rezession, die im zweiten Quartal 2008 anfing und sich im vierten Quartal drastisch verschärfte, hat inzwischen auch den Arbeitsmarkt erfasst: So ist die Zahl der Arbeitslosen im Januar um 387.000 auf fast 3,5 Millionen gestiegen, die Quote stieg um 0,9 Punkte auf 8,3 Prozent. Bereinigt um saisonale Effekte stieg die Zahl um 56.000. Nach Schätzung des IfW könnten Ende 2009 rund 750.000 Menschen mehr arbeitslos sein als am Jahresanfang. Auch 2010 werde die Arbeitslosigkeit zunehmen und die Quote auf 9,5 Prozent steigen.

          Ökonomen schließen eine schnelle Erholung aus

          Eine baldige Erholung der Konjunktur schließen Ökonomen nach dem scharfen Auftragseinbruch der vergangenen Monate aus. „Der Absturz der Produktion hat ein beängstigendes Tempo“, sagte Kai Carstensen vom Münchner Ifo-Institut. „Der Rückgang beschleunigt sich, es ist überhaupt keine Bodenbildung zu erkennen.“ Nach einer Schätzung der Bank Unicredit könnte die Industrie im ersten Quartal – selbst wenn sie nur stagniert– wegen des miserablen Dezembers nochmals rund 4 Prozent unter das Vorquartalsniveau fallen. Besonders die Hersteller von Vorleistungs- und Investitionsgütern haben im Dezember tiefe Einbrüche von 8,2 und rund 5 Prozent erlebt, während Konsumgüterhersteller stagnierten und die Bautätigkeit sogar um 1,4 Prozent zulegte, teilte das Wirtschaftsministerium mit. „Wenn nur noch wenig Vorleistungsgüter hergestellt werden, ist das ein ganz schlechtes Zeichen für die Produktion in den kommenden Monaten“, sagte Carstensen.

          Einen besonders schweren Einbruch erleben derzeit die Stahlproduzenten. Nach Angaben der Wirtschaftsvereinigung Stahl vom Freitag hat sich der Auftragseingang von 10,6 auf 5,7 Millionen Tonnen gegenüber dem Vorjahr beinahe halbiert. Dies hat den Auftragsbestand – knapp 7,9 Millionen Tonnen – um fast ein Viertel auf den niedrigsten Stand seit mehr als zehn Jahren gedrückt. Die Stahlwerke reagierten schneller als aus anderen Krisen bekannt. Der Produktionsrückgang im vierten Quartal von 20 Prozent hat sich auf knapp 36 Prozent im Januar beschleunigt. Die Branche leidet unter dem Geschäftseinbruch vor allem im Fahrzeug- und Maschinenbau. Ähnlich schlecht ist die Lage der Metall- und Elektroindustrie. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall teilte mit, dass die Auftragseingänge im vierten Quartal um 25 Prozent unter Vorjahresniveau lagen. „Die Talsohle ist offensichtlich noch nicht erreicht“, sagte Gesamtmetall-Chefvolkswirt Michael Stahl.

          Sinkende Energiepreise als gigantisches Nachfrageprogramm?

          Immer mehr Ökonomen bezweifeln, dass es nach der Jahresmitte zu einer konjunkturellen Erholung kommt. „Ich bin skeptisch, weil im Moment auch immer neue Hiobsbotschaften von den Banken kommen“, sagte Scheide. Selbst wenn nach der Jahresmitte der Abschwung beendet sei, erwarte er keine Erholung, sondern Stagnation, die auch im kommenden Jahr noch andauern könne.

          Etwas optimistischer ist der Würzburger Ökonom Peter Bofinger, der Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage ist. Er verweist auf die Entlastung durch die gesunkenen Energiepreise. „Das ist ein Nachfrageprogramm ganz großen Ausmaßes.“ Kritik äußerte Bofinger aber am Konjunkturpaket der Bundesregierung: „Die steuerliche Entlastung kommt zu spät, sie wird erst im zweiten Halbjahr wirksam.“ Er forderte, die Senkung vorzuziehen. „Sonst könnte die Stabilisierung zu spät kommen“, warnte Bofinger.

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