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Der Sonntagsökonom : Italien muß Weltmeister werden

Bild: F.A.Z.

Die Squadra Azzura muß die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland gewinnen. Und das möglichst gegen Klinsmanns Elf. Das wäre das Beste für die Konjunktur. Behaupten jedenfalls die Holländer. Der Sonntagsökonom.

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          Gott sei Dank. Italiens Chancen, bei der Fußball-Weltmeisterschaft das Achtelfinale zu erreichen, stehen bislang gut. Hoffen wir, daß es die Italiener bis ins Endspiel schaffen - und dann Deutschland schlagen. Dieser wenig patriotisch anmutende Wunsch ist im Interesse der Weltwirtschaft geäußert. Denn glaubt man zwei (nun ja: niederländischen) Volkswirten der ABN-Amro-Bank, ist der Weltkonjunktur mit einem italienischen Sieg am meisten geholfen.

          Werner Mussler

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Bislang sind ja eher Theorien über die konjunkturellen Folgen der WM in Deutschland bekannt. Die ernsthaften unter ihnen kommen zum immer gleichen Ergebnis: Die Auswirkungen sind vernachlässigenswert gering. Ein paar Infrastrukturinvestitionen hier, ein wenig mehr Tourismus dort. Das wird der deutschen Wirtschaft sicher nicht schaden, aber mehr als zwei Zehntelpunkte zusätzliches Wachstum wird es hierzulande bestimmt nicht geben, wenn überhaupt.

          Ein simpler Dreiklang

          Wie soll sich da der Ausgang der WM auf die Weltkonjunktur auswirken? Ruben van Leeuwen und Charles Kalshoven, die erwähnten Niederländer, erklären das auf recht schlichte Weise. Ihre Ausgangsüberlegung lautet: Wenn ein Land Fußball-Weltmeister wird, wirkt sich das auf die Wachstumsrate im betreffenden Land positiv aus.

          Der Konjunktur zu Liebe - Der nächste Weltmeister sollte Italien sein
          Der Konjunktur zu Liebe - Der nächste Weltmeister sollte Italien sein : Bild: picture-alliance/ dpa

          Das sei historisch belegt: Die Wachstumsrate des WM-Jahres sei durchschnittlich im Land des jeweiligen Weltmeisters höher gewesen als in jenem des Endspielverlierers. Das liege vor allem am nach der WM gestiegenen Verbrauchervertrauen. Ein simpler Dreiklang: Nach einem WM-Sieg verbessert sich die Stimmung, die Verbraucher konsumieren mehr, die Inlandsnachfrage steigt.

          Der Schlüssel liegt in Europa

          Als begleitenden empirischen Beleg für die belebenden Auswirkungen einer Weltmeisterschaft auf den Konsum nennen die Ökonomen den niederländischen Bierverbrauch pro Kopf. Er lag in jenen Jahren, in denen die Niederländer an der WM teilnahmen, bei knapp 85 Litern. In den „Ohne Holland“-WM-Jahren betrug er nur gut 75 Liter.

          Was hat das mit der Weltwirtschaft zu tun? Deren derzeitiges Hauptproblem, so van Leeuwen und Kalshoven, bestehe im großen Handelsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten. Es müsse allmählich verringert werden. Der Schlüssel hierfür liege in Europa. Während die asiatischen und amerikanischen Volkswirtschaften boomten, hinke die EU hinterher.

          Es muß Italien sein

          Stiege die Inlandsnachfrage in Europa, stiege logischerweise der Export der anderen Regionen, nicht zuletzt in Amerika: Die Nachfrage aus Europa könne die mangelnde amerikanische Inlandsnachfrage ausgleichen, die Asiaten könnten ihren Import von Amerika nach Europa verlagern. „Vom Gesichtspunkt des Gleichgewichts in der Welt aus betrachtet, sollte daher ein europäisches Land Weltmeister werden“, schreiben die Niederländer.

          Daß der Weltmeistertitel eines europäischen Landes tatsächlich das Handelsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten verringern könnte, ist schon für sich genommen eine mutige These. Laut ABN-Amro darf es aber nicht irgendeines, es muß Italien sein. In Frage komme nur ein großes Land, dessen Inlandsnachfrage überhaupt einen gewissen Einfluß auf die Weltkonjunktur haben könnte.

          Deutschland und Italien brauchen Impulse

          Von den fünf großen europäischen Ländern scheiden van Leeuwen und Kalshoven außerdem Großbritannien und Spanien aus - beide Länder verfügten derzeit über ordentliches Wachstum nahe am Potential und bräuchten keine zusätzlichen Impulse. Bleiben Frankreich, Deutschland und Italien. Fürs Endspiel sollten sich nach niederländischer Meinung die beiden letzteren qualifizieren, da das französische Wachstum in den vergangenen Jahren immerhin doppelt so hoch war wie das deutsche und das italienische.

          Zwischen Deutschland und Italien können sich die beiden Ökonomen zunächst nicht so recht entscheiden - ihrem Befund ist ja auch kaum zu widersprechen: „Beide Volkswirtschaften sind Länder mit einem langsamen Wachstum, unflexiblen Arbeitsmärkten, hoher Arbeitslosigkeit und einem ziellosen Finanzsystem. Beide überschreiten bereits seit mehreren Jahren die Neuverschuldungsgrenze des Stabilitätspakts. Wirtschaftliche Reformen sind in beiden Ländern nur spärlich in Gang gekommen. Außerdem ist in beiden Ländern die Bevölkerung stark überaltert.“

          Deutschland profitiert von Konjunktureffekten

          Also hätten Deutschland und Italien den WM-Sieg beide dringend nötig. Aber natürlich wollen die Niederländer den Titel dann doch nicht ihren deutschen Nachbarn gönnen. Sie begründen dies damit, daß Deutschland den WM-Sieg nicht so dringend brauche. Der WM-Impuls in Deutschland sei gewissermaßen schon „eingepreist“ - durch die genannten Konjunktureffekte aufgrund von Stadionneubauten und zusätzlichen Touristen. Das Konjunkturklima habe sich bereits verbessert, wie der gestiegene Ifo-Index zeige. Italien brauche den WM-Impuls dringender.

          Ein paar Fragen seien erlaubt. Wirkt sich ein konjunktureller Impuls wirklich in dem Land am stärksten aus, das diesen am nötigsten hat? Gibt es den Impuls durch die WM überhaupt? Wenn ja: Überträgt er sich merklich auf die Weltwirtschaft? Ist es überhaupt nötig, dem amerikanischen Handelsbilanzdefizit zu Leibe zu rücken? Vielleicht wäre es ja doch keine Katastrophe, wenn Deutschland gewinnt. Oder Holland.

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