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Beatrice Weder di Mauro im Gespräch : „Die weltweite Ungleichheit hat zugenommen“

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„Oft behindern staatliche Hindernisse die Entwicklung”: Beatrice Weder di Mauro Bild: F.A.Z. - Helmut Fricke

Beatrice Weder di Mauro ist die erste weibliche Wirtschaftsweise. Im Interview mit der Sonntagszeitung spricht die 41 Jahre alte Wissenschaftlerin über das Wohlstandsgefälle zwischen Arm und Reich, deutsche Konjunkturfreuden und den Unsinn von Null-Diäten.

          5 Min.

          Beatrice Weder di Mauro ist die erste weibliche Wirtschaftsweise. Im Jahr 2004 zog sie als Wunschkandidatin von Kanzler Schröder in das Gremium ein. Nun spricht die 41 Jahre alte Wissenschaftlerin im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über das Wohlstandsgefälle zwischen Arm und Reich, die Konjunkturfreuden in Deutschland und den Unsinn von Null-Diäten.

          Frau Weder di Mauro, werden die Armen in der Welt immer ärmer und die Reichen immer reicher?

          So ist es: Die weltweite Ungleichheit hat über die letzten Jahrzehnte tatsächlich zugenommen. Aber sie hat ungleich zugenommen.

          Das müssen Sie erklären.

          Es sind weniger die größeren Unterschiede zwischen Arm und Reich innerhalb eines Landes, die auffallen. Vielmehr macht das Wohlstandsgefälle zwischen den Ländern einen immer größeren Anteil aus.

          Wie kommt das?

          Einige Länder haben erfolgreich ihr Wachstum vorangebracht. Andere waren untätig und blieben arm. Aber selbst innerhalb des armen Kontinents Afrika gibt es Unterschiede. Auch dort gibt es einige Staaten, die besser unterwegs waren als andere. Zum Beispiel Botswana.

          Kein Wunder, bei den Diamantenreichtümern in Botswana.

          So heißt es dann immer. Aber auf der anderen Seite gibt es Nigeria - ein ölreiches Land, das es nicht geschafft hat, zu anhaltendem Wachstum zu kommen. Daran sieht man, dass der Staat das Fundament für die wirtschaftliche Entwicklung legt und nicht die Menge an Bodenschätzen den Ausschlag gibt.

          Sie sind selbst in einem Entwicklungsland, in Guatemala, aufgewachsen. Was haben Sie dort gelernt?

          Ich habe zum Beispiel gesehen, wie die Menschen dort mit viel Energie etwas produziert haben, um es zu verkaufen. Das widerspricht der These, die Indianer seien zwar arm, aber glücklich, und eigentlich wollten sie gar nicht mehr haben. Oftmals sind es staatliche Hindernisse, die sie in ihrer Entwicklung behindern, und nicht ihre angebliche Zufriedenheit.

          Jedes Land hätte prinzipiell die Chance zu Entwicklung und Wohlstand?

          Gewiss. Schauen Sie sich die Fortschritte vieler Entwicklungsländer in den vergangenen Jahren an. Vor zehn Jahren wäre die Entwicklungsprognose noch sehr viel düsterer ausgefallen als heute. Vor allem asiatische, aber auch viele lateinamerikanische Länder haben sich gut entwickelt. Jetzt geht es vor allem darum, Rückschläge zu verhindern.

          Woran denken Sie?

          Die Polarisierung könnte wieder zunehmen. Schauen Sie sich Venezuela oder Bolivien an. Dort gibt es tiefe gesellschaftliche Spannungen, von denen populistische Bewegungen profitieren.

          Mit dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez an der Spitze?

          Er ist ein Vertreter dieses Trends. Aber in vielen Ländern Lateinamerikas hat über Jahrzehnte die Politik der Importsubvention...

          ...also der Versuch, Einfuhren durch eigene Produktion zu ersetzen...

          ....die Entwicklung behindert. Das Resultat - eine Industrialisierung, die auf den Weltmärkten nicht konkurrenzfähig war. Und die Folgen - Fehlinvestitionen, Devisenmarktkontrollen, Schwarzmärkte, Korruption. Zudem entstand eine städtische und gut organisierte Arbeiterklasse - das Wählerpotential der Populisten. Bei den Populisten handelt es sich meist nicht einmal um die Ärmsten im Land.

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