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Außenwirtschaft : Deutschland fällt im Wettbewerb um Direktinvestitionen zurück

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Bild: F.A.Z.

Im Wettbewerb um Direktinvestitionen ist Deutschland im vergangenen Jahr im Vergleich zu anderen EU-Staaten deutlich zurückgefallen. Die neuen EU-Staaten locken mehr Kapital an. Das alte Europa verliert überwiegend.

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          Im Wettbewerb um Direktinvestitionen ist Deutschland im vergangenen Jahr im Vergleich zu anderen EU-Staaten deutlich zurückgefallen. Unter den EU-Staaten lag Deutschland im Jahr 2003 noch auf Platz 9 und rutschte im vergangenen Jahr auf Platz 16 ab. Als Maßstab dient dabei der Saldo der Direktinvestitionsbilanz, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP). An der Spitze der Rangliste liegen wie zuvor überwiegend Staaten aus Mittel- und Osteuropa, die erst im Mai 2004 der EU beitraten.

          In Deutschland ansässige Unternehmen investierten im vergangenen Jahr 25,3 Milliarden Euro mehr im Ausland, als im Gegenzug von außen hierzulande angelegt wurde. In den beiden Vorjahren lag der Saldo der Direktinvestitionsbilanz dagegen noch im Plus, 2003 mit 27,4 Milliarden Euro. Der Abfluß von Direktinvestitionskapital belief sich im Saldo im vergangenen Jahr auf 1,1 Prozent des BIP. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit am unteren Ende. Vergleichsweise mehr Direktinvestitionskapital verloren nur noch Frankreich, Schweden, Portugal, Spanien und Luxemburg. Dagegen lockten vor allem die neuen EU-Staaten mehr Direktinvestitionen als im Vorjahr an. Estland, Lettland und Zypern erzielten einen Überschuß in ihren Direktinvestitionsbilanzen von mehr als 4 Prozent des BIP.

          Deutliche Teilung zwischen alter und neuer EU

          In Deutschland verringerten ausländische Eigner ihre Engagements netto um rund 31 Milliarden Euro. Im Gegenzug holten deutsche Unternehmen 5,8 Milliarden Euro aus anderen EU-Staaten und aus dem sonstigen Ausland zurück. Nach Angaben der Deutschen Bundesbank gründet die Desinvestition ausländischer Eigner hierzulande vor allem im Rückzug zuvor gewährter Kredite, die als Direktinvestition gezählt werden. Eine Rolle habe auch die Neuregelung des Körperschaftsteuergesetzes gespielt, die den steuermindernden Abzug von Fremdkapitalzinsen an geänderte Eigenkapitalvorschriften knüpfte. Dies habe viele ausländische Muttergesellschaften veranlaßt, langfristige Kredite auszulösen, ohne aber das Eigenkapital der Tochtergesellschaften entsprechend aufzustocken.

          Die europäische Direktinvestitionsstatistik zeigt für 2004 eine deutliche Teilung zwischen alter und neuer EU. Die neuen EU-Staaten sind als Gruppe attraktiver für ausländische Investoren geworden, während die fünfzehn alten Mitgliedstaaten überwiegend zurückfielen. Die zehn neuen zogen Direktinvestitionen von 15,3 Milliarden Euro an. Das ist fast ein Drittel mehr als im Jahr zuvor. Dagegen investierten ausländische Unternehmen in den 15 alten Mitgliedstaaten 2004 rund 161 Milliarden Euro - 130 Milliarden Euro weniger als im Jahr zuvor.

          Ein größeres Stück vom Kuchen

          In absoluten Zahlen erhielten die alten Mitgliedstaaten zwar mehr als zehnmal mehr Direktinvestitionen als die Neulinge. Diese haben sich vom Kuchen aller Direktinvestitionen in der EU aber ein größeres Stück gesichert. Ihr Anteil beträgt nun 8,7 Prozent, nach 3,7 Prozent 2003, und ist damit größer als ihr Anteil am BIP der EU von 4,6 Prozent. Die zunehmende Attraktivität der Neuen zog gleichermaßen Direktinvestoren aus anderen EU-Staaten und aus dem Ausland an.

          Die gesamten Direktinvestitionen in der EU schrumpften im vergangenen Jahr deutlich von 358 auf 190 Milliarden Euro. Davon kamen 132 Milliarden Euro aus anderen EU-Staaten und 58 Milliarden Euro aus dem sonstigen Ausland. EU-Unternehmen investierten 99 Milliarden Euro im sonstigen Ausland. Der Direktinvestitionssaldo der EU mit dem Ausland war mit minus 41 Milliarden Euro negativ, nach minus 7 Milliarden Euro im Vorjahr.

          Rückgang der Direktinvestitionen

          Der - mit Ausnahme der neuen EU-Staaten - deutliche Rückgang der Direktinvestitionsströme in die EU hinein und heraus gründet nach Angaben von Eurostat vor allem in den Beziehungen mit den Vereinigten Staaten. Hatten die europäischen Unternehmen dort 2003 noch rund 48 Milliarden Euro direkt investiert, zogen sie 2004 rund 17 Milliarden Euro ab. Die Vereinigten Staaten investierten im Gegenzug 2004 in der EU nur noch 11 Milliarden Euro, nach 50 Milliarden Euro im Vorjahr.

          Auch sonstige Drittländer investierten 2004 mit 47 Milliarden Euro weniger in der EU als im Vorjahr mit 75 Milliarden Euro. Direktinvestitionen sind langfristige Anlagen von ausländischen Unternehmen in inländische Unternehmen. Üblicherweise wird dabei ein Stimmrechtsanteil von mindestens 10 Prozent am inländischen Unternehmen als Voraussetzung unterstellt. Die von der EU-Kommission veröffentlichten Zahlen berücksichtigen auch reinvestierte Gewinne. Als Folge statistischer Besonderheiten entspricht die für die EU genannte Summe der Direktinvestitionen nicht der aufaddierten Summe aller Mitgliedstaaten.

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