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Fed : Zentralbanker nehmen Abstand von der Zinswende

Sieht sich mit Widerstand konfrontiert: Fed-Chefin Janet Yellen Bild: AP

Während Fed-Chefin Janet Yellen weiterhin an einer baldigen Leitzinserhöhung festhält, regt sich dagegen im eigenen Haus Widerspruch. Die Zentralbanker fürchten negative Folgen für die schwächelnde Konjunktur.

          In der Spitze der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed) ist ein tiefer Konflikt über die Geldpolitik ausgebrochen, der jetzt öffentlich geworden ist. Während die Chefin der Fed, Janet Yellen, und ihr Vizepräsident Stanley Fischer in jüngeren Reden an der Vorstellung einer Leitzinserhöhung noch in diesem Jahr festhielten, haben zwei Mitglieder des fünfköpfigen Verwaltungsrats, die Gouverneure Lael Brainard und Daniel Tarullo, ihren Dissens zu Protokoll gegeben.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Beide Dissidenten sind kraft ihres Amtes auch Mitglieder des Offenmarktausschusses, der die Geldpolitik bestimmt. Warnungen kommen auch aus Europa: Eine Zinserhöhung in Amerika könnte laut EZB-Vizepräsident Vitor Constâncio weltweit größere Auswirkungen haben als in der Vergangenheit. Es gebe keine Erfahrungswerte mit der Abkehr von der Nullzinspolitik, Schwellenländer hätten an Bedeutung gewonnen. Die Amerikanerin Lael Brainard hat ihre abweichende Meinung nun in einer für Geldpolitiker ungewöhnlich klaren Rede verdeutlicht. Darin kam zum Ausdruck, dass die an der Harvard-Universität ausgebildete Ökonomin nicht Yellens Vorstellung teilt, die Verbesserung am Arbeitsmarkt werde mittelfristig über Lohnerhöhungen zu Inflation führen.

          Zentralbanker sieht Absturzrisiken für die Wirtschaft

          „Um es klarzustellen, ich sehe die Verbesserung am Arbeitsmarkt nicht als hinreichende Statistik, um die Inflationsentwicklung zu beurteilen.“ Yellen hält preisdämpfende Faktoren wie niedrige Ölpreise für vorübergehend. Auf die erwartete Inflation müsse man in absehbarer Zeit mit Zinserhöhungen reagieren, weil Geldpolitik ihre Wirkung erst mit zeitlicher Verzögerung entfaltet. Brainard prognostiziert eine sinkende Inflation, weil selbst in der von Energiepreisen bereinigten Trendlinie eine Abwärtsbewegung in der Kerninflation zu erkennen ist.

          Brainard ist auch nicht mit den geldpolitischen Folgerungen einverstanden, die Yellen nahelegt. Sie sieht Absturzrisiken für die Volkswirtschaft, die für eine weiter lockere Geldpolitik sprächen. Dabei spielen auch internationale Entwicklungen und Wechselkursverschiebungen eine Rolle, die Amerikas Export weiter dämpfen könnten. Es wäre verfrüht, der Wirtschaft die Unterstützung zu entziehen, die so kritisch für ihre Dynamik gewesen sei. Überdies schätzt Brainard das Risiko geldpolitischer Entscheidungen anders ein. Es sei schwieriger, die Geldpolitik zu lockern, wenn sich Abwärtsrisiken materialisierten, als die Zügel schnell anzuziehen, wenn sich plötzlich Inflation ausbreitet. Das legt die Deutung nahe, dass Brainard auch zu kräftigen Zinsschritten bereit ist für den Fall, dass sich die Inflation entgegen ihrer Erwartung zeigt. Yellen befürwortet eine Politik der kleinen, vorsichtigen Zinsschritte.

          Schlechtere Konjunkturdaten dürften Entscheidung beeinflussen

          Tim Duy, Ökonomieprofessor in Oregon und hochrespektierter Fed-Beobachter, nannte Brainards Rede in einem Blog eine Bombe. Bisher wurde sie zu Yellens Gefolgsleuten gezählt. In dieser Woche hat auch Daniel Tarullo als weiteres Mitglied des fünfköpfigen Fed-Verwaltungsrats (Board of Governeurs) einem Fernsehsender das Statement zukommen lassen, er sei gegen eine Anhebung der Leitzinsen in diesem Jahr. Gewöhnlich halten sich Board-Mitglieder mit kritisch zu deutenden Äußerungen eher zurück als Chefs regionaler Zentralbanken. Hier gehört Charles Evans, der Notenbankgouverneur von Chicago ins Lager der Tauben. Nach seiner Einschätzung gibt die Inflationsentwicklung eine Leitzinserhöhung nicht her.

          Aber selbst an der Mehrheit der Geldpolitiker, die eine Zinswende in diesem Jahr noch bisher eher befürwortet, dürften die jüngsten Konjunkturindikatoren nicht spurlos vorübergehen. Sie zeigen das Bild einer Volkswirtschaft, deren Erholung schwächelt. So vermeldet das Wirtschaftsministerium, dass die Einzelhandelsumsätze kaum gestiegen seien. Laut Arbeitsministerium sind die Großhandelspreise – ein Indikator der Inflation – gesunken. Die Erholung am Arbeitsmarkt lässt bei einer Arbeitslosenquote von 5,1 Prozent ebenfalls nach. Im Schnitt der vergangenen drei Monate wurden je knapp 170.000 neue Stellen geschaffen – nach einem Monatsschnitt von 260.000 im Vorjahr. Die Fed hat noch zwei Sitzungstermine in diesem Jahr, die für eine Zinswende in Frage kämen: Einen Ende Oktober und einen Mitte Dezember. Die Future-Märkte halten es für ausgeschlossen, dass der Oktober für eine Zinserhöhung genutzt wird, und die Wahrscheinlichkeit für Dezember sehen sie bei einem Drittel.

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