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Amerika : Verängstigte Anleger leihen dem Staat zinsfrei Geld

  • -Aktualisiert am

Die Anleger haben immer weniger Vertrauen - bloß das Vertrauen in den Staat steigt und steigt Bild: AP

Die Angst vor der Finanzkrise erreicht neue Ausmaße: In Amerika haben Investoren dem Staat zinsfreie Milliardenkredite gegeben. Schlimmer noch: Manche haben sogar schon negative Renditen akzeptiert. Sie halten es offenbar sogar für zu gefährlich, ihr Geld unters Kopfkissen zu legen, und zahlen dem Staat eine Prämie, damit er auf ihr Geld aufpasst.

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          Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat ihre überraschenden Seiten. So hat die amerikanische Regierung nun kurzfristige Kredite zum Zinssatz von null Prozent aufgenommen - und dies, obwohl die Regierung im laufenden Haushaltsjahr Schulden in Rekordhöhe machen wird. Nach einer Schätzung der Deutschen Bank dürfte die Nettokreditaufnahme im Fiskaljahr 2009, das bis Ende September kommenden Jahres läuft, astronomische 2200 Milliarden Dollar erreichen. Das würde rund 15 Prozent des Bruttoinlandprodukts entsprechen.

          Wie die Regierung am Dienstag mitteilte, hat sich bei der Versteigerung vierwöchiger Schatzanweisungen („T-Bills“) eine Rendite von 0 Prozent ergeben. Trotz des niedrigen Zinses gaben die Anleger bei dieser Auktion Gebote über 126 Milliarden Dollar ab, mehr als das Vierfache des angebotenen Volumens. Darin spiegele sich das Bedürfnis vieler Investoren, ihr Geld in Wertpapiere mit höchstmöglicher Sicherheit anzulegen, kommentierten Anleihehändler. Renditeüberlegungen träten demgegenüber in den Hintergrund. Der amerikanischer Staat gilt trotz seiner rasch zunehmenden Verschuldung allgemein als erstklassiger Schuldner. Nicht zuletzt ausländische Anleger fragen deshalb in großem Stil amerikanische Staatspapiere nach - was dazu beiträgt, dass der Dollar trotz der schweren Krise der amerikanischen Wirtschaft kräftig aufgewertet hat.

          Sorge vor einer Deflation

          Neben dieser „Flucht in die Sicherheit“ lässt die Renditen der Staatspapiere auch die Tatsache fallen, dass die amerikanische Wirtschaft in einen schweren Abschwung geraten ist. Als Folge ist die Inflation zurückgegangen; verschiedentlich wird sogar befürchtet, dass es demnächst zu einer Deflation kommen könnte. Um gegenzusteuern, hat die amerikanische Notenbank Fed ihren Leitzins schon auf 1,0 Prozent gesenkt und damit bisherige Rekordtiefs eingestellt. Allgemein wird erwartet, dass der Leitzins am kommenden Dienstag auf 0,5 Prozent herabgesetzt wird, wenn nicht sogar noch tiefer. Aufgrund dieser Entwicklungen rentierten zehnjährige amerikanische Staatsanleihen unlängst nur noch mit 2,55 Prozent. Ähnlich ist auch die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe in der vergangenen Woche auf 3,03 Prozent gefallen.

          Der starke Rückgang der amerikanischen Renditen überrascht allerdings insofern, als Washington auf Kurs ist, zur Bekämpfung der Finanz- und Wirtschaftskrise Schulden in Rekordhöhe aufzunehmen. Während das bisherige Rekorddefizit aus dem Jahr 2004 bei 413 Milliarden Dollar lag, rechnet die Deutsche Bank nun mit einer Nettoneuverschuldung von rund 2200 Milliarden Dollar. Schon das im September beschlossene Rettungspaket für das Finanzgewerbe allein werde demnächst mit rund 700 Milliarden Dollar zu Buche schlagen, erläutern Fachleute, das „reguläre“ Defizit mit rund 500 Milliarden Dollar.

          Für das Konjunkturprogramm, das der gewählte Präsident Barack Obama im Januar auflegen dürfte, sind in dieser Schätzung 400 Milliarden Dollar veranschlagt. Hinzu komen Ankaufprogramme für Hypotheken und andere Posten. Nach den - vagen - Schätzungen wird das amerikanische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im kommenden Jahr rund 14,4 Billionen Dollar betragen. Die Schuldenquote (Verhältnis von Staatsverschuldung zu BIP) wird derzeit auf knapp 74 Prozent beziffert - nach 65 Prozent im vergangenen Jahr und 56,5 Prozent im Jahr 2001, als George W. Bush die Präsidentschaft übernahm. Ende 2009 dürfte diese Kennziffer deutlich höher liegen. Die Bundesrepublik hat derzeit eine Schuldenquote von 64,3 Prozent, nach dem Maastricht-Vertrag sollte sie eigentlich weniger als 60 Prozent betragen.

          Fed erwägt offenbar selbst Anleihen aufzulegen

          Die amerikanische Notenbank hat die expansive Fiskalpolitik zum einen durch die Senkung ihres Leitzinses unterstützt, zum anderen durch den Übergang zur Strategie der „quantitativen Lockerung“. So ist sie seit Mitte September, als der Konkurs des Bankhauses Lehman die Krise zuspitzte, dazu übergegangen, kurzlaufende Unternehmensanleihen und andere Wertpapiere direkt anzukaufen. Teils wird damit bezweckt, der Wirtschaft Liquidität zuzuführen, teils auch, Banken von faulen Wertpapieren zu entlasten. Zudem tragen diese Ankäufe dazu bei, die Renditen an den Anleihemärkten nach unten zu drücken, was die Kreditnachfrage stimulieren soll. Durch diese Ankäufe ist die Bilanzsumme der Fed seit Mitte September von 932 Milliarden auf zuletzt 2170 Milliarden Dollar angeschwollen. Demnächst dürfte sie weiter zunehmen.

          Um die Bilanz bei einem Abflauen der Deflationsgefahr wieder rasch abschmelzen zu können, erwägt die Fed offenbar, den Kongress um die Erlaubnis zu bitten, selbst Anleihen auflegen zu können. Da der Käufer dieser Anleihe der Fed Geld überweisen müsste, würde dies auf ein Schrumpfen der umlaufenden Geldmenge hinauslaufen. Nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ hat die Fed im Kongress diesbezüglich vorgefühlt, denn dazu müssten Gesetze geändert werden.

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