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Im Gespräch: Eva Horn : „Wir sind Träumer unseres eigenen Untergangs“

  • Aktualisiert am

Interpretin unserer Katastrophenlust: Eva Horn Bild: Friedemann Bieber

Warum stellen sich Film und Literatur unsere Zukunft so oft als Katastrophe vor? Und warum verspüren wir daran eine heimliche Lust? Ein Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin Eva Horn.

          8 Min.

          Frau Professor Horn, was passiert mit uns, oder in uns, wenn wir über die Zukunft nachdenken?

          Wir machen uns Sorgen. Heidegger schreibt, dass "In-der-Welt-Sein wesenhaft Sorge" sei. Dieser Begriff ist treffend, weil er, wie das lateinische cura, positive und negative Formen des Zukunftsverhältnisses erfasst. Vorsorgen, sich versorgen, das sind planerische, auf eine offene Zukunft bezogene Verhaltensweisen. „Was ich heute tue, wird meine Zukunft beeinflussen“, das ist das moderne Zukunftsverständnis. Das heißt auch, ich kann meine Zukunft mit einem großen Optimismus bewirtschaften, mit Wünschen und Hoffnung auf Verbesserung. Dieser Optimismus, diese Idee des Fortschritts, ist der Diskurs der Moderne: Höher, schneller, weiter.

          Und die andere Seite der Sorge?

          Das ist Angst. Wir müssen vorsorgen, uns absichern. Das impliziert nicht nur ganz konkrete Befürchtungen, sondern eine diffuse Angst vor der Offenheit und Unbekanntheit der Zukunft. Dieser Gegendiskurs zum Optimismus der Moderne ist immer schon vorhanden gewesen, er ist die andere, dunkle Seite des modernen Zukunftsverhältnisses.

          Seit der Entwicklung von Nuklearwaffen wähnt sich die Menschheit in der Lage, sich selbst auslöschen zu können. Hat dies das Nachdenken über die Zukunft verändert?

          Mal abgesehen von den großen heilsgeschichtlichen Apokalypse-Visionen der Bibel gibt es säkulare Auslöschungsfantasien natürlich schon lange vor dem Kalten Krieg, etwa im späten neunzehnten Jahrhundert bei Tarde, Flammarion, oder Wells. Schon 1816 entwirft Lord Byron im Gedicht Darkness ein Szenario vom Verlöschen der Sonne. Hunger und Verzweiflung brechen aus, die Menschen fallen übereinander her. Schon hier gibt es die Idee einer Katastrophe, in der die Menschheit mit sich allein ist und sich selbst zum Verhängnis wird. Im Kalten Krieg wird daraus eine Reflexion darauf, dass wir die Auslöschung nun selbst herbeiführen können. Das ist die Figur vom berühmten „Knopfdruck“, der einen apokalyptischen Krieg auslöst.

          Und daraus folgt eine Angst vor der eigenen Macht?

          Ja, diese Vorstellung führt einerseits zu aberwitzigen Machbarkeitsphantasien, aber auch zu einem Einspruch: Wir haben eine Technik erzeugt, die uns ein Zerstörungspotential in die Hand gibt, das wir überhaupt nicht überschauen können. „Wir werfen weiter, als wir Kurzsichtigen sehen können“, formuliert Günther Anders das und nennt es „Apokalypseblindheit“. Heute spricht Bruno Latour von „blinder Reflexivität“. Trotz allen Wissens um das Zerstörungspotential unserer Technologien oder unseres Lebensstils sind wir immer noch blind für deren langfristige und systemische Folgen. Mir gefällt diese Verbindung von Blindheit und Reflexivität, weil eines unserer gravierendsten Probleme ja darin besteht, dass wir eigentlich sehr viel über die katastrophischen Folgen unserer Technologien und unseres Lebensstils wissen, aber das nicht glauben - oder jedenfalls dieses Wissen nicht in politisches Handeln umsetzen.

          Nach der Katastrophe: Bruce Willis inspiziert in Terry Gilliams „Twelve Monkeys“ eine virenverseuchte Welt

          Was kann die Literatur im Nachdenken über die Zukunft leisten?

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