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Im Gespräch: Eva Horn : „Wir sind Träumer unseres eigenen Untergangs“

  • Aktualisiert am

Ist das ein neues Motiv im Nachdenken über die Zukunft?

Nein. Ich beschäftige mich im Moment mit der Geistesgeschichte des Anthropozäns, also dem Gedankens, dass der Mensch massiv in die Vorgänge der Natur eingreift, sie verändert und in eine andere Richtung dreht. Diese Idee taucht schon am Ende des achtzehnten Jahrhunderts auf, mit der Entdeckung einer langen und von vielen Veränderungen geprägten Erdgeschichte, etwa bei dem französischen Geologen Buffon. Buffon beschreibt den Menschen als jemand, der das Klima verwandelt, um den abkühlenden Planeten zu wärmen. Für Buffon, der von Atmosphärenchemie und globaler Erwärmung noch nichts wissen konnte, ist das etwas Gutes. Auch der deutsche Philosoph Herder spricht schon vom Menschen als „kleinem Riesen“, der das Klima wandelt - und damit auch sich selbst.

Uns aber scheint zunehmend die Kontrolle zu entgleiten.

Ja, und dieser Gedanke, dass die Veränderung nicht unbedingt geradlinig ist, dass nichtlineare Prozesse eine Rolle spielen, der ist tatsächlich relativ neu. Es beginnt mit Leuten wie James Lovelock in den siebziger Jahren und der Vorstellung von der Erde als hyperkomplexem System.

Beeinflusst dieser Kontrollverlust unser Prognoseverhalten?

Es gibt neue Arten, über Prävention nachzudenken, etwa das „precautionary principle„. Dieses Vorsorgeprinzip schreibt vor, sich in Absenz des Wissens über die Folgen einer Technologie, z.B. eines Medikaments oder eines genmanipulierten Getreides, so vorsichtig wie möglich zu verhalten. Das bedeutet: Eine Technik nicht implementieren, bis ich weiß, dass sie harmlos ist. Das ist ein Versuch gewesen, Langzeitfolgen von Technologien stärker ins Auge fassen. Aber im Anbetracht extrem komplexer, unvorhersehbarer oder unberechenbarer Prozesse wird das schwierig. Viel verbreiteter als die Frage, wie wir mit diesem neuen Wissen umgehen können, ist die Ratlosigkeit darüber.

New York in Fluten: Roland Emmerichs „The Day After Tomorrow“ visualisiert die Klimakatastrophe
New York in Fluten: Roland Emmerichs „The Day After Tomorrow“ visualisiert die Klimakatastrophe : Bild: Allstar/20th Century Fox

Und die Tatenlosigkeit?

Wir sehen uns ständig Weltuntergangsfilme im Kino an. Gleichzeitig ist es seit Jahren nicht möglich, eine erfolgreiche Klimakonferenz durchzuführen. Es gibt eine seltsame Diskrepanz zwischen einem großen Interesse, einer großen Erregung, und dem völligen Mangel einer Einspeisung dieser Erregung in politische Entscheidungen.

Woran liegt das?

Eine mögliche Erklärung wäre: man beschäftigt sich mit etwas, um es von sich fernzuhalten. Slavoj Zizek  hat das „Interpassivität“ genannt. Ich schaue mir Katastrophenfilme an, in denen ich sehe, wie andere untergehen. Ich habe damit einen Reflexionsvorsprung, delegiere die Ereignisse aber an den Filmhelden und bleibe selbst draußen. Ich denke, es bräuchte eher eine kreative Angst, eine echte Sorge. Die wäre auch ein Einspruch gegen das,, was überall zu hören ist: Wachstum, Umverteilung, Stabilisierung. Vielleicht könnte man das als „kreativen Alarmismus“ bezeichnen: Es würde darum gehen, erst mal zu glauben, was wir eigentlich schon wissen. Es wäre eine Tatkraft, die genau aus dem Nachdenken darüber erwächst, was alles schief gehen kann.

Gibt es denn gar keine optimistischen Entwürfe, die die Rolle des Menschen in der Welt der neuen Technologien verhandeln?

Der Optimismus eines endlosen Fortschritts ist ja gerade das Problem. Interessant finde ich Bruno Latour, der schreibt, wir dürfen unseren Umgang mit der Technik nicht als Ausstieg oder Zurückfahren von Technologie anlegen, sondern müssen die Technik ergreifen und transformieren. Latour ist einer der größten Anthropozän-Apokalyptiker überhaupt, aber er sagt: Wir können die Geschichte von Frankensteins Monster auch anders lesen, eben nicht als Geschichte über die Erschaffung einer bösen Kreatur, sondern als Geschichte eines Menschen, der ein Monster baut und dann wegläuft und das von ihm Geschaffene sich selbst überlässt. Für Latour ist die Moral der Geschichte nicht, dass wir unsere Technik aufgeben sollten. Sondern dass wir uns in einer anderen, vorausschauenderen Weise um sie kümmern, da sie nun mal unsere Welt geworden ist.

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