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Im Gespräch: Eva Horn : „Wir sind Träumer unseres eigenen Untergangs“

  • Aktualisiert am
In Jeff Nichols’ „Take Shelter“ beginnt die Katastrophe im Kopf, bevor sie real wird
In Jeff Nichols’ „Take Shelter“ beginnt die Katastrophe im Kopf, bevor sie real wird : Bild: Picture-Alliance

Was sind die Funktionen solcher Fantasien?

Zalasiewicz will uns deutlich machen, dass das Bewußtsein, im „Anthropozän“ zu leben, auch ein Bewußtsein von den irreparablen Schäden ist, die wir dem System Erde zufügen - und damit uns selbst.  Bei Weisman, Glavinic und Lawrence hat man das Gefühl, dass wir die Vorstellung unserer eigenen Auslöschung ein bisschen lieben. Wir träumen davon, die Welt von uns zu erlösen. Zu sagen, es wäre gut, wenn der Mensch wieder weg wäre und die Erde in eine Naturharmonie zurückkehren könnte, hat etwas Tröstliches. Wir sind schuldbewusste Träumer unseres eigenen Untergangs.

Wie passt das zusammen mit zeitgenössischen transhumanistischen Fantasien einer Überwindung des Menschen?

Transhumane Entwürfe sind ja stets phantasievolle Auslotungen dessen, was der Mensch jetzt ist. Um anthropologisch denken zu können, muss ich mir vorstellen, was eine Erweiterung, Steigerung, Überwindung des Menschlichen sein könnte. Aber diese "Überwindung" oder Erweiterung des Menschen ist vielleicht unspektakulärer als man denkt. Sind wir nicht längst Cyborgs, mit unseren Gadgets, die jederzeit und überall den Zugriff auf bislang undenkbare Informationsspeicher und Kommunikationsformen möglich machen? Noch vor 20 Jahren war das pure Science Fiction. In der Literatur sind diese Entwürfe aber fast ausschließlich Dystopien. Der Mensch hängt ja doch an seiner anthropologischen Grundausstattung.

Da ist etwa Houellebecqs Die Möglichkeit einer Insel, ...

...in dem emotionslose, fast körperfreie Neo-Menschen in klimastabilisierten Häusern leben und sich nur noch elektronisch miteinander verständigen. Da geht es um die Umweltabhängigkeit unserer Leiber und darum, was unsere Körper können und nicht können. Auch Houellebecqs neuer Roman, Unterwerfung, ist eher ein Angebot, über das Jetzt zu sprechen. Ich sehe das weniger als Warnung oder Prognose. Es ist vielmehr eine sehr kalkulierte, aktuelle Provokation, die im Modus eines Zukunftsszenarios vorgelegt wird. Zukunftsszenarien sind selten realistisch und es macht auch wenig Sinn, sie an ihrem Realismus zu messen. Die Frage ist, was ein Zukunftsszenario in der Gegenwart bewirken soll. Es sagt etwas über die gegenwärtigen Träume oder Albträume aus.

In den Träumen und Albträumen der Gegenwart treten immer wieder intelligente Maschinen auf. Warum ist das Nachdenken über die Zukunft zur Zeit so technologisiert?

Unsere Fixierung auf Technik und ihre Bedrohlichkeit scheint mir noch aus der Technikkritik der fünfziger bis achtziger Jahre zu stammen. Wir haben eigentlich mit dringlicheren und greifbareren Problemen zu tun, die nicht nur mit dem Verhältnis von Mensch und Technik, sondern auch mit dem Verhältnis zur Natur zusammenhängen. Ökologische Systeme und das Klima bilden einen anderen ganz Problemhorizont als die Terminator-Fantasie, dass wir Maschinen bauen, die uns dann irgendwann gefährlich werden. Oder besser: die Art, wie uns Technologie gefährlich wird, liegt vielleicht weniger darin, dass Maschinen schlauer werden als der Mensch sondern eher, dass Technologie doch zum Beispiel ökologisch ziemlich „dumm“ geblieben ist.

Der Klimawandel ist eben ein schleichender Prozess, der sich nicht durch einfache technologische Mechanismen aufhalten lässt

Ja, es handelt sich um Kaskadeneffekte, kleine, dumme Entscheidungen, die in ihrer multiplen Verteilung auf einer komplexen Ebene ein Riesenproblem erzeugen. Der Ausbau von Kohlekraftwerken in vielen Ländern etwa. Scheinbar eine harmlose, lange etablierte Technologie, die aber für die Atmosphäre, wie wir längst wissen, ein Desaster ist. Das ist das Unheimliche am Klimawandel: Er besteht aus Prozessen und Dynamiken, die wir nicht absehen können. Plötzlich ist ein Schwellenwert überschritten, so genannte tipping points, und ein ganzes System gerät aus der Balance. Die Technik-Fantasien dagegen gehen immer noch davon aus, dass man etwas baut, das man im Prinzip kontrollieren könnte. Tipping points dagegen stehen für eine Komplexität jenseits menschlicher Kontrolle.

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