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Im Gespräch: Eva Horn : „Wir sind Träumer unseres eigenen Untergangs“

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Literatur kann natürlich mögliche Zukünfte sehr anschaulich entwerfen. Aber das ist nicht alles: sie kann gleichzeitig über die Bedingungen der Möglichkeit dieses Wissens nachdenken. Sophokles’ Ödipus ist eine Geschichte darüber, was es bedeutet, Wissen über die Zukunft zu haben. Hier geht es nicht nur darum, einfach eine Information über die Zukunft zu bekommen – das berühmte Orakel, dass der Sohn den Vater töten und die Mutter heiraten wird – sondern um die Probleme, in die uns dieses Wissen stürzt. Wie soll ich mich angesichts einer solchen Prophezeiung verhalten? Das Ironische an der Geschichte von Ödipus ist ja, dass er sich selbst die Grube gräbt, in die er dann stürzt. Das kann er aber erst rückblickend erkennen. Auch Sophokles drückt dies als Paradox von Sehen und Blindheit aus: gerade der, der zu sehen glaubt, ist eigentlich blind. Die Theatersituation der Tragödie macht das zwischen Zuschauern und Bühnenfiguren sinnfällig, weil die Zuschauer ja den Ödipusmythos immer schon kennen. Sie sehen da jemanden sprechen, der versucht, etwas herauszufinden, das sie längst wissen. Damit hat man diese reflexive Blindheit. Sophokles inszeniert also die Diskrepanz zwischen einer Person, die zu wissen glaubt, und einem Zuschauer, der es besser weiß, und der so der anderen Person beim Blindsein zuschauen kann. Literatur ist brillant darin, eine solche doppelte Perspektive unmittelbar erfahrbar zu machen.

In Ihrem Buch Zukunft als Katastrophe nennen Sie die literarische Imagination ein Prognoseverfahren mit anderen Mitteln. Worin bestehen diese?

Ich finde den Begriff "Szenario" eigentlich viel geeigneter als den der Prognose. Das Szenario ist die Beschreibung einer möglichen Zukunft. Prognosen sind Voraussagen wahrscheinlicher Zukünfte. Das tut Literatur nicht. Stattdessen fragt sie: Was wäre, wenn...? Literatur entwirft ein Szenario als Alternative zur existierenden Welt oder zu anderen Szenarien – häufig zu den überraschungsfreien, landläufigen Szenarien, in denen wir uns normalerweise bewegen. Ein Szenario beschreibt eine mögliche Welt, verweist aber immer darauf, dass es auch andere Welten geben könnte, dass alles anderes liefe. Literarische Szenarien verweisen oft auf den Moment, wo der Handlungsstrang sich gabelt, wo eine Entscheidung getroffen und eine andere mögliche Option nicht gewählt wird, die dann eine ganz andere Handlung erzeugt hätte. Es ist dem Leser aufgegeben, auch diesen anderen Möglichkeiten nachzugehen.

Geht das so weit, dass sich auch eine Zukunft außerhalb, oder nach dem Menschen, schreiben lässt?

Ja, das ist gegenwärtig eine sehr verbreitete Phantasie. Etwa bei Thomas Glavinic, der sich in Die Arbeit der Nacht ein Wien ohne Wiener vorstellt, durch das sein einsamer Held Jonas dann geistert. Aber Glavinics Buch ist kein Katastrophenthriller, sondern eine lange Meditation über das Verlassensein. Im Film I am Legend von Francis Lawrence finden wir bukolische Bilder eines völlig entvölkerten Manhattan im Spätsommerlicht, der Traum eines jeden, der in dieser lauten und verstopften Stadt mal gelebt hat. Aber diese Phantasie gibt es auch im Sachbuch, etwa bei Jan Zalasiewicz, der das "Anthropozän" erklärt, indem er uns eine fiktive Landung von Alien-Astronauten in einer Million Jahren ausmalt, die die geologischen Reste unserer untergegangenen Zivilisation vorfinden. Oder Alan Weismans Sachbuch Die Welt ohne uns, das sich en détail ausmalt, wie Bauwerke, Städte und architektonische Wahrzeichen ohne menschliche Wartung verfallen würden. Was sie alle verbindet, ist eine gegenwärtige Sehnsucht danach, sich die Welt ohne Menschen vorzustellen - als ein Planet, der endlich wieder von der Spezies Mensch „befreit“ wäre.

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