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Wimbledon-Finale : Eine historische Chance - na und?

  • -Aktualisiert am

Der Murray-Hecht nach Becker-Vorbild gehört noch längst nicht zum Wortschatz des Welttennis Bild: REUTERS

Das Königreich ist vereint in der Hoffnung, doch der Schotte Andy Murray geht ungerührt wie immer in sein erstes Endspiel von Wimbledon. Roger Federer kann weitere Rekorde aufstellen.

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          Der Aufschrei war wahrscheinlich bis hinunter in Wimbledon Village zu hören. Der Centre Court brodelte vor Begeisterung, neben ihm fielen sich die Menschen in die Arme, und drüben, auf dem kleinen Hügel vor Platz eins, der einst zu Zeiten der vier Halbfinalspiele des Londoners Tim Henman zwischen 1998 und 2002 „Henman Hill“ genannt, ehe der Name sich in „Murray Mountain“ verändert hatte, dort also, wo Tausende Fans die Partie auf der großen Leinwand verfolgt hatten, sprangen alle wild um her. Sie war vorbei, die Zeit des Leidens, der Häme, des Spotts, des Selbstmitleids, des Klagens - nach 74 Jahren hatte es endlich wieder ein Brite in das Finale des Wimbledon-Turniers geschafft.

          Und als sei das noch nicht lang genug gewesen, war der Spannungsmoment im letzten Augenblick noch ein wenig verlängert worden - erst das Überwachungssystem Hawk-Eye verschaffte schließlich die Gewissheit, dass der Passierball von Andy Murray tatsächlich die Linie berührt hatte. Das war die Sekunde, als der Sieg gegen Jo-Wilfried Tsonga feststand, sich die Anspannung in einem kollektiven Aufschrei entlud, als alle durcheinander brüllten. Und Ivan Lendl, seit Beginn des Jahres der Trainer von Andy Murray, verzog keine Miene, nickte kurz, stand auf und verschwand in den Katakomben.

          In Deutschland wird viel diskutiert darüber, ob beim Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft nicht schon beim Abspielen der Nationalhymnen deutlich geworden sei, dass das dabei weitgehend emotionslos wirkende deutsche Team, bei dem einige Spieler gar nicht mitsangen, keine Chance haben würde gegen diese Italiener, die so voller Leidenschaft und Pathos tönten. Was aber wäre wohl zu sehen gewesen, wenn es dieses Vorspiel auch im Tennis geben würde? Vielleicht einen Tsonga, der die Marseillaise mitschmettern würde, aber ganz sicher einen schweigenden Murray.

          „The Flower oft Scotland“, die populärste der drei inoffiziellen schottischen Hymnen, hätten sie kaum für ihn gespielt, „God save the Queen“ wäre ihm auch nicht über die Lippen gekommen, und am wahrscheinlichsten ist sowieso, dass Murray so teilnahmslos schauen würde, wie er das immer tut. Wie erleichtert er sei, das er nun als erster Brite seit Bunny Austin 1938 das Wimbledonfinale erreicht habe, fragte ihn kurz nach der Ausbruch der Emotionen auf dem Centre Court der völlig begeisterte Fernsehreporter - und bekam die temperamentvolle Antwort: „Ich glaube, das war ein ganz gutes Spiel.“ Fertig, mehr nicht.

          „The Flower oft Scotland“, die populärste der drei inoffiziellen schottischen Hymnen, werden sie kaum für ihn spielen

          In den vergangenen drei Jahren war Murray immer im Halbfinale gescheitert, zunächst an Andy Roddick, dann zweimal an Rafael Nadal, und immer war ihm auch vorgeworfen worden, dem Gegner habe man stets angemerkt, dass es ihnen mehr bedeuten würde, in dieses Endspiel einzuziehen. Sein Spiel mag er in den Jahren etwas verändert und den Anforderungen angepasst haben, möglicherweise jammert er auch etwas wenig über eigene Fehler oder lässt sich zumindest davon weniger aus dem Tritt bringen - aber ansonsten? Emotionsloser als Murray kann niemand über Tennis reden, was vermutlich daran liegt, dass er ohnehin nicht gerne öffentlich redet. So gesehen war der große Ivan Lendl, der einst auch nie Emotionen auf dem Platz gezeigt hatte, die perfekte Ergänzung als Trainer. Ob das gut gehen könnte, hatten sich viele gefragt - ob das Erreichen des Wimbledonfinales schon die Antwort ist, bleibt die Frage.

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