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„Wie der Soldat das Grammofon repariert“ von Saša Stanišic : Als die Fische Schnurrbart trugen

  • -Aktualisiert am

Bild: Luchterhand Literaturverlag

Saša Stanišic hat einen Roman über seine Kindheit in Bosnien geschrieben, über den beginnenden Krieg, über die Flucht und auch über seine Versuche, in Deutschland die Vergangenheit festzuhalten, oder besser: wiederherzustellen.

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          Aleksandar Krsmanovic ist ein junger Angelmeister. Er ist gerade aus der Pubertät heraus und hat bei den lokalen Wettkämpfen in Visegrad an der Drina die ältere Konkurrenz düpiert - mit Hilfe eines Spezialfutters, dessen Geheimnis nur er kennt. Dafür gibt es eine Medaille, einen Klaps von Onkel Mika und die Qualifikation für die Landesmeisterschaften, die am folgenden Wochenende in Osijek an der Drau geplant sind. Es ist das Jahr 1991, im kroatischen Osijek ist schon Krieg, und niemand sagt Aleksandar, daß hier keine Landesmeisterschaften mehr stattfinden werden. Selbst das Land Jugoslawien existiert nicht mehr. Im Frühjahr darauf wird auch das bosnische Visegrad von serbischen Truppen erobert werden, und mancher wird danach nie wieder einen Fisch aus der Drina essen wollen.

          Visegrad, aus dem der 1978 geborene deutsch-bosnische Schriftsteller Saša Stanišic stammt, zählte 1991 21.200 Einwohner, von denen zwei Drittel Muslime waren. Als 1995 der Dayton-Friedensvertrag für Bosnien-Hercegovina unterzeichnet wurde, gab es keine Muslime mehr in der Stadt. Wer konnte, war geflohen, über zweieinhalbtausend aber waren von den serbischen Milizen ermordet worden; viele Opfer wurden von der großen Brücke in die Drina geworfen.

          Wer darum weiß, liest den Roman mit anderen Augen

          Das ist ein Detail des Schreckens, eines von vielen, doch wenn man es kennt, liest man auch diesen Debütroman anders. Denn darin ist viel vom Angeln die Rede und viel von der Drina, einmal wird sogar mit ihr, dem Fluß, selbst gesprochen, und sie beschwert sich darüber, daß manche Leute kaputte Waschmaschinen hineinwerfen. Von der blutigen Fracht, die sie bald flußabwärts transportieren muß, kann sie da noch nichts ahnen. Aber einmal vor dem Krieg fängt Aleksandar mit einigen erwachsenen muslimischen Anglerfreunden einen Wels, der nach einem heroischen Kampf am Ende einen Schnurrbart und eine Hornbrille auf der Nase hat. Einer der Angler wird später von den Serben gezwungen werden, seine hingerichteten Nachbarn in den Fluß zu werfen.

          Saša Stanišic, der als Vierzehnjähriger mit seinen Eltern nach Heidelberg auswanderte, hat einen Roman über seine Kindheit in Bosnien geschrieben, über den beginnenden Krieg, über die Flucht und auch über seine Versuche, in Deutschland die Vergangenheit festzuhalten, oder besser: wiederherzustellen. Das Buch des jungen Autors wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert, und es wäre zwar eine Überraschung, aber keine Sensation, wenn er ihn bekommen hätte: Denn Stanišic, der am Leipziger Literaturinstitut studiert hat, ist es gelungen, für die Geschichte seines Lebens eine erzählerische Form zu finden, die weder die Perspektive des Kindes verrät, noch den unendlichen Abstand leugnet, der den erwachsenen Autor von jenem bosnischen Jungen trennt, der vieles ahnt, aber sich noch wenig von dem vorstellen kann, was Menschen Menschen antun können.

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