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„Warum Denken traurig macht“ von George Steiner : Die Kultur der Freiheit

Bild: Verlag

Dem großen George Steiner ist mit seinem Alterswerk „Warum Denken traurig macht“ etwas ganz Außergewöhnliches gelungen. Auf siebenundsiebzig Seiten definiert er, worin unsere Kultur der Freiheit besteht. Das Buch ist eine Antwort auf die fundamentalistische Zumutung.

          Woran es liegt, daß es uns manchmal so vorkommt, als würde die Freiheit uns nicht gut stehen? Nun ist es soweit. Nun haben wir die Antwort auf diese Frage. Sie ist nachlesbar. Dem großen George Steiner ist mit seinem kleinen Alterswerk „Warum Denken traurig macht“ etwas ganz Außergewöhnliches, etwas Einmaliges gelungen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Drei Dinge in Kürze zu diesem Buch. Erstens: Sie werden nach der Lektüre ein anderer sein als vor der Lektüre. Das heißt, Sie werden denken, sich nach dem Buch erst einmal einige Tage lang von Grund auf neu ordnen zu müssen.

          Das Säurebad des Denkens

          Zweitens: Sie werden beim Lesen mehr und mehr das Gefühl bekommen, aufgeschmissen zu sein. Sie werden in einem elementaren Sinn nicht mehr genau wissen, wie es nach der Lektüre des Buches nun eigentlich weitergehen soll. Zugleich werden Ihnen Ihre Überzeugungen möglicherweise mehr denn je ans Herz wachsen. Sie kommen Ihnen nun, da sie durch Steiners Säurebad gegangen sind, geläutert vor.

          George Steiner mit Iris Berben bei der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises

          Tatsächlich handelt es sich um ein sehr, sehr unheimliches Buch. Denn es definiert für den Westen, was die Kultur der Freiheit ist: Nicht die individuelle Konsumentscheidung, sondern die Freiheit des Denkens. Diese Freiheit hat etwas Unheimliches, weil sie uns erst einmal auf das Nichts zurückwirft. So unheimlich kann die Freiheit des Denkens sein, daß man gelegentlich lieber einen Rückzieher machen und sich in die fundamentalistische Regression flüchten möchte. Steiner macht diese Versuchung begreiflich und wendet sie zugleich ab.

          Schwindel vor dem Nichts

          Drittens: Sie werden sich wieder und wieder fragen, wie es überhaupt so weit kommen konnte, daß Sie so weit gelesen haben, wie Sie gelesen haben. Warum Sie nicht einfach abgebrochen haben, als Sie das erste, zweite und dritte Mal diesen leichten Anfall von Schwindel vor dem Nichts bemerkten, diese enorme Verunsicherung spürten. Sie werden sich fragen, warum Sie siebenundsiebzig Seiten lang ohne Gegenwehr im Bann dieses Buches geblieben sind. Der Autor des Buches muß ein Verführer sein, wie er im Buche steht, ein Zauberer vielleicht - soviel immerhin ist Ihnen am Ende klar.

          War da gerade von siebenundsiebzig Seiten die Rede? Ja, das Buch hat, streicht man das Nachwort weg, tatsächlich nur ganze siebenundsiebzig Seiten. Selten wurde auf so wenig Raum so substantiell über das Menschsein und seine Freiheit gesprochen wie hier - so leichthin und dicht, so wuchtig und zart, so bezwingend poetisch und im tiefsten philosophisch. Der Autor rüttelt und schüttelt seine Leser so lange, bis sie endlich aufhören, abgelenkt zu sein. Und anfangen, über das Denken nachzudenken, darüber, wie sich denkend existieren läßt. Denn das ist Steiners Buch: Ein Buch über die Freiheit, maskiert als ein Buch über das Denken.

          Der Zappelphilipp in uns

          In allererster Linie ruft dieses Buch übers Denken den Zappelphilipp in uns zur Ordnung. Es sagt klar und deutlich, was das eigentlich Verruchte unserer Zeit ist: das fortwährende Abgelenktsein. Ihre Kurzatmigkeit, Kurzsichtigkeit, Kurzleibigkeit hat dafür gesorgt, daß nicht nur das kollektive Denken fahrig geworden ist - das wäre geschenkt. Nein, auch das persönliche Denken ist fahrig geworden, hat angefangen, sich in seinen Neurosen zu gefallen, in seinen Löchrigkeiten und Schreianfällen. So sind wir dazu übergegangen, jedem Popanz nachzulaufen, heute diesem, morgen jenem, sind davon abgekommen, Erfahrungen zu formulieren, Wirklichkeit zu treffen. Steiner findet, daß das auf Dauer nicht gutgehen kann.

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