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Vorwürfe gegen Lord Rennard : „Ich bin das Opfer“

Will sich nicht entschuldigen: Lord Rennard Bild: IMAGO

Ein Lord wehrt sich gegen Vorwürfe, er habe sich Parteifreundinnen unsittlich genähert. Diese Woche suspendierten die Liberaldemokraten seine Mitgliedschaft. Nun diskutieren die Briten: Ist das angemessen?

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          Die „Times“ klagte in dieser Woche: „Derzeit kann man es keinem Besucher verdenken, wenn er uns als Nation wahrnimmt, deren gravierendste Probleme alle etwas mit Sex zu tun haben.“ Jeden Tag berichten britische Zeitungen und Fernsehsender über Vorwürfe, Ermittlungen und Verdachtsmomente im Umfeld von sexuellem Missbrauch oder auch nur „unerwünschter sexueller Annäherung“ – in der Musikszene, in der Unterhaltungsbranche, in der Politik, in der Kirche, in den Schulen. Unlängst bestritt die ehrwürdigste politische Nachrichtensendung des Landes, nämlich die „Six-o-Clock-News“ auf BBC 4, die gesamte erste Hälfte mit drei aufeinanderfolgenden Meldungen über Sexskandale.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Viele Briten werten es als Durchbruch, dass über derartige Fälle nunmehr breit und mit Vorrang berichtet wird – und dass sie damit dem Dunkel entzogen sind. Schon seit geraumer Zeit beschäftigt die Nation der Fall des Fernsehmoderators Jimmy Savile, der sich laut anhaltender – posthumer – Untersuchungen in seiner fast fünfzig Jahre umspannenden Karriere an die tausend Mal an jungen Frauen, an Mädchen und an Jungen vergangen haben soll. Nachgerade einen Schock hinterließ das Geständnis des Rocksängers Ian Watkins, ein nur ein Jahr altes Baby sexuell missbraucht zu haben; er wurde im Dezember zu 35 Jahren Haft verurteilt. Zuletzt empörte die Öffentlichkeit die Lage in den Erziehungseinrichtungen. 130 Schulen, darunter zahlreiche private Kaderschmieden, haben in den vergangenen Jahrzehnten sexuellen Missbrauch an Schülern registriert. 64 Lehrer wurden wegen Vergehen an Jungen verurteilt, dreißig Internatsangestellte wegen des Besitzes von Kinderpornographie.

          Zum Kampf entschlossen

          Die stetig wachsende Sensibilität für das Thema, die im Königreich schon Gegenstand der Satiriker geworden ist, führt auch zur Skandalisierung kleinerer Fehltritte. Dies erfährt gerade Lord Rennard, der bis Anfang dieser Woche für die Liberaldemokraten im Oberhaus saß. Seit bald einem Jahr verteidigt er sich gegen Vorwürfe mehrerer Parteifreundinnen, sich ihnen unsittlich genähert zu haben. In dieser Woche wurde Rennards Parteimitgliedschaft suspendiert, was zur Folge hat, dass er die Liberaldemokraten im Oberhaus bis auf weiteres nicht repräsentieren darf.

          Doch Lord Rennard, der als Architekt vieler liberaldemokratischer Wahlerfolge gilt, hat sich zum Kampf entschlossen – gegen die eigene Partei, aber offenbar auch gegen einen aus seiner Sicht hysterischen Moralismus. In einer langen persönlichen Erklärung warf er Anfang der Woche implizit die Frage auf, wer in seinem Fall das wahre Opfer ist: die Frauen, die sich von unbeholfenen Annäherungsversuchen bedrängt fühlen, oder der Mann, der deswegen von einem „lynch mob“ zum nationalen Unhold erklärt wird. Er erwägt jetzt rechtliche Schritte, um seinen Fall öffentlich verhandeln zu können.

          Zuvor war eine Parteikommission unter dem Vorsitz eines Richters zur selben Schlussfolgerung gekommen, die im Sommer schon dazu geführt hatte, dass die Polizei ihre Ermittlungen einstellte: dass Lord Rennard keine strafrechtlich relevante Belästigung nachzuweisen ist. Gefunden wurden stattdessen „glaubwürdige Indizien“ dafür, dass er „den persönlichen Raum und die Autonomie“ mehrerer Frauen verletzt habe. Zu den Annäherungsversuchen, die bekanntgeworden sind, zählen zwei Einladungen auf sein Hotelzimmer und verschiedene unerwünschte Körperkontakte, vom Hand-aufs-Knie-legen bis zum „Füßeln“.

          Parteiausschluss möglich

          Die Kommission forderte den Lord auf, sich bei den Frauen zu entschuldigen, womit die Sache womöglich erledigt gewesen wäre. Doch Rennard sieht dies nicht ein. „Sollte ich jemals jemanden verletzt oder in eine peinliche Situation gebracht haben, so wäre dies nie meine Absicht gewesen, und natürlich bedaure ich, dass sie sich verletzt oder peinlich berührt gefühlt haben könnten“, formulierte er gewunden. In umso klareren Worten fuhr er dann fort: „Aber ich werde mich nicht für das entschuldigen, was mir die vier Frauen vorwerfen. Ich finde nicht, dass Menschen gezwungen werden sollten, etwas zu sagen, von dem sie wissen, dass sie es nicht sagen sollten, weil sie es nicht meinen.“ Auf Rennards Weigerung, sich zu entschuldigen, reagierten die Liberaldemokraten mit der Suspendierung seiner Mitgliedschaft. Nun wird geprüft, ob sein Verhalten parteischädigend war – in dem Fall könnte ihm ein Parteiausschluss drohen.

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