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: Vom Eise befreit sind Pol und Mensch

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Im vergangenen September war die Nordwestpassage, die schnellste Seeverbindung zwischen Europa und Asien, zum ersten Mal seit Beginn der Satellitenaufzeichnungen eisfrei - und somit schiffbar. Die Eisfläche rund um den Nordpol ist auf drei Millionen Quadratkilometer geschrumpft.

          Von Cord Riechelmann

          Im vergangenen September war die Nordwestpassage, die schnellste Seeverbindung zwischen Europa und Asien, zum ersten Mal seit Beginn der Satellitenaufzeichnungen eisfrei - und somit schiffbar. Die Eisfläche rund um den Nordpol ist auf drei Millionen Quadratkilometer geschrumpft. Falls die Temperaturen weiter so steigen, könnte die Arktis schon im Jahr 2040 eisfrei sein. Damit scheint sich ein Voraustraum zu erfüllen, den Utopisten wie der französische Frühsozialist Charles Fourier gehegt haben: Fourier stellte Anfang des 19. Jahrhunderts den Rückzug des Eises von den Polen als eine Errungenschaft der neuen menschlichen Gesellschaft in Aussicht, einer Gesellschaft, die Arbeit nicht mehr ausbeuterisch gestalten würde. Aber in Fouriers Träumen sollte nicht nur das Eis an den Polen verschwinden, sondern auch die irdische Nacht aus ihrem Dunkel befreit und, von vier Monden beschienen, zum ewigen Tag werden.

          Mit riesigen Spiegeln, das war Fouriers Vision, sollte die Sonnenwärme so umgeleitet werden, dass sie das Eis auflöst. Der Heizkraft von Öfen allein traute der Franzose damals noch nicht zu, die polaren Eismassen warm zu verflüssigen - auf lange Sicht hatte er damit allerdings unrecht, denn er hat wohl nicht mit deren Kohlendioxidausstoß gerechnet.

          Für seine Zukunftsbilder ist Fourier von selbsternannten Realisten von ganz rechts bis ganz links bis in unsere Tage als Phantast verspottet und beschimpft worden. Doch schaut man sie sich heute an, dann erzeugen sie überhaupt nichts von der Beklommenheit, mit der jetzt zur Kenntnis genommen wird, dass sie wahr werden, dass also die Pole schmelzen. Für Fourier waren die taghell erleuchtete Erde und die abgeschmolzenen Polkappen ein Glück: die Erlösung der Natur durch die Befreiung des Menschen. Dahinter steckt die besonders von Paulus im Römerbrief entworfene Vorstellung, dass die Natur genauso wie der Mensch unter der Vergängnis der Schöpfung leidet. Wörtlich heißt es in Römer 8, 22: "Denn wir wissen, dass alles Geschaffene insgesamt seufzt und sich schmerzlich ängstigt bis jetzt."

          Und die Wände aus Eis, riesige weiße Phantome, die aus dem kalten Nebel im Nordmeer plötzlich vor den Seefahrern auftauchten, seufzten nicht nur: Sie krächzten, schrieen und krachten, wenn sie auseinanderbrachen oder sich gegeneinanderschoben, und ließen den sowieso schon vor Kälte erstarrten Mann oben im Ausguck erschauern: Die Unwegbarkeit der Nordwestpassage, die Atlantik mit Pazifik verbindet, war schon zu Fouriers Zeiten - er starb 1837 in Paris - aus solch plastischen Beschreibungen bekannt. Im Jahr 1918 hatte der britische Kapitän John Ross seine erste Expedition in Richtung Nordpol auf der Suche nach der Passage unternommen und war gescheitert. Man warf ihm, der immerhin Teile Grönlands entdeckt hatte, mangelnden Mut vor und verweigerte ihm von staatlicher Seite jede weitere Unterstützung. Ross hat dann etwas später noch einmal auf eigene Kosten versucht, die Passage zu finden, wieder ohne Ergebnis, aber immerhin kam er zurück. Was man vom Kapitän Ihrer Majestät John Franklin nicht sagen kann.

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