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Katastrophe auf der Wolga : Schiff gesunken - mehr als hundert Tote

  • Aktualisiert am

Bild: reuters

Bei der schweren Schiffskatastrophe auf dem russischen Fluss Wolga sind mehr als hundert Menschen ums Leben gekommen. Unter den Toten sind etwa 30 Kinder. Das Ausflugsschiff „Bulgaria“ hatte zu viele Passagiere an Bord.

          Bei der schweren Schiffskatastrophe auf dem russischen Fluss Wolga sind nach Angaben von Bergungskräften etwa 110 Menschen der insgesamt fast 200 Menschen an Bord ums Leben gekommen. Unter den Toten seien auch etwa 30 Kinder. Bislang hätten die Rettungstaucher 42 Todesopfer geborgen, darunter 28 Frauen, zehn Männer und drei Kinder. Das teilten Rettungsmannschaften nach Angaben der Agentur Interfax am Montag mit. Das auf der Wolga gesunkene russische Ausflugsschiff „Bulgaria“ war nach Regierungsangaben überladen. Außerdem hat es nach offiziellen Angaben illegal Passagiere transportiert. Die Betreiber der „Bulgaria“ hätten keine Lizenz zur Personenbeförderung gehabt. Präsident Dmitri Medwedew betonte, das Unglück wäre bei einer Einhaltung der Sicherheitsvorschriften nicht passiert. Das mehr als 50 Jahre alte Schiff war am Sonntagnachmittag bei einem schweren Unwetter drei Kilometer vom Ufer entfernt gesunken.

          „Es gibt praktisch keine Chance, noch Überlebende zu finden“, sagte die Sprecherin des Katastrophenschutzministeriums, Irina Andrianowa, dem Radiosender Moskauer Echo. Der Präsident der Teilrepublik Tatarstan, Rustam Minnichanow, sagte, dass an Bord des am Sonntag bei Unwetter gesunkenen Ausflugsschiffs „Bulgaria“ 196 Menschen gewesen seien. Dabei war das Schiff nach Angaben von Behörden nur für maximal etwa 140 Passagiere zugelassen. Demnach gab es Reisende, die nicht auf der Passagierliste standen. Die Zahl der Geretteten wurde mit etwa 80 Menschen angegeben. Unter den Toten seien besonders viele Kinder, die sich vor dem Untergang der „Bulgaria“ in einem Raum zum Feiern versammelt hatten, sagten Überlebende im russischen Staatsfernsehen.

          Trauer und Wut

          Viele der Überlebenden weinten in der Teilrepublik Tatarstan vor Trauer und Wut und gaben den Schiffseigentümern die Schuld an der Tragödie. Etwa 100 Taucher setzten die Bergung der Leichen fort. Eine Vielzahl der Toten war am Morgen im Inneren des Schiffswracks gefunden worden - in den Kajüten, im Restaurant und in der Bar der „Bulgaria“. Tatarstan ordnete für Dienstag einen Tag der Trauer an.

          Trauer, Schock und Erleichterung: Überlebende und Angehörige in Kasan

          Der tatarische Präsident Rustam Minnichanow sicherte den Überlebenden und Hinterbliebenen Aufklärung und Hilfe zu. Kremlchef Dmitri Medwedew äußerte sich bestürzt und sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus. Die Staatsanwaltschaft sprach nach ersten Erkenntnissen von schweren technischen Mängeln an der „Bulgaria“. Demnach soll das Schiff schon beim Ablegen in dem Ort Bolgar zur rechten Seite geneigt gewesen sein und zu tief im Fluss gelegen haben. Zudem sei der Hauptmotor auf der linken Seite technisch mangelhaft gewesen. Nach Darstellung der Ermittler sank die „Bulgaria“ auch deshalb innerhalb weniger Minuten, weil die Fensterluken geöffnet waren.

          Zu viele Passagiere an Bord

          Nach ersten Erkenntnissen gehen Ermittler davon aus, dass der Kapitän zu viele Passagiere an Bord genommen und die Wettervorhersagen missachtet hatte. Die „Bulgaria“ war bei Sjukejewo etwa 80 Kilometer von Tatarstans Hauptstadt Kasan aus noch ungeklärter Ursache binnen weniger Minuten untergegangen. Ein Passagier erzählte nach seiner Rettung, es habe geregnet und gestürmt. Augenzeugenberichten zufolge neigte sich die „Bulgaria“ bei einem Wendemanöver nach Steuerbord und wurde von einer Welle überspült, sagte Igor Panischin vom regionalen Katastrophenschutzministerium der Nachrichtenagentur RIA Nowosti.

          Andere Überlebende sagten dem Fernsehsender Rossia24, an Bord des Schiffes habe es keinerlei Sicherheitshinweise etwa zum Aufbewahrungsort der Rettungswesten gegeben. Nach Angaben des russischen Tourismusverbandes war das Schiff seit Jahren nicht gewartet worden. Zudem habe die „Bulgaria“ über keine Trennwände im Inneren verfügt und sei deshalb recht fragil gewesen, sagte ein Tourismusexperte. „Im Falle eines Unfalls sinken diese Schiffe innerhalb von Minuten“, sagte Dmitri Woropajew, Chef der Samara Travel Company, der Nachrichtenagentur RIA Nowosti. Zivilschutzminister Sergej Schoigu verlangte, das Wrack der „Bulgaria“ für weitere Untersuchungen zu bergen.

          Andere Schiffe eilten nicht zur Hilfe

          Unterdessen wurden auch Vorwürfe gegen Kapitäne anderer Wolgaschiffe laut. Überlebende berichteten dem Nachrichtensender Westi 24, mehrere andere Schiffe seien der „Bulgaria“ nicht zu Hilfe gekommen. „Zwei Schiffe haben nicht angehalten, obwohl wir gewunken haben“, sagte ein etwa 40-jähriger Mann dem Sender. Die Schiffsführer müssten bestraft werden, sagte Minnichanows. Ein nachfolgendes Ausflugsschiff - die „Arabella“ - hatte fast 80 Überlebende sowie eine ertrunkene Frau an Bord gezogen und in Kasan an Land gebracht.

          Das Schiff des Reiseanbieters „AgroRetschTur“ war um 1955 in der damaligen Tschechoslowakei gebaut worden. Die mehr als 3500 Kilometer lange Wolga ist der größte Strom Europas und gilt als die wichtigste Wasserstraße Russlands. Wolga-Kreuzfahrten sind auch bei Touristen im Westen beliebt.

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