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Holocaust : Nachwirkungen eines Prozesses

Bild: afp

Vor 50 Jahren, am 11. April 1961, begann in Jerusalem das Verfahren gegen den gegen den Organisator des nationalsozialistischen Massenmordes an den Juden. Es prägt das Land bis heute. In Jerusalem und Berlin erinnern Ausstellungen an den Prozess.

          3 Min.

          Sogar im Internet ist Adolf Eichmann jetzt präsent. Vierhundert Stunden Filmmaterial aus dem Prozess gegen den Organisator des nationalsozialistischen Massenmordes an den Juden sind seit Freitag bei Youtube abrufbar.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Avner Schalev will mit den Filmaufnahmen die jüngere Generation erreichen, für die der Holocaust weit weg liegt. „Sie sollen die Zeugenaussagen der Überlebenden selbst hören und sehen können“, sagt der Leiter der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, die die Aufnahmen ins Internet gestellt hatte, kurz bevor sich am 11. April der Beginn des Verfahrens gegen den Leiter des „Referats für Judenangelegenheiten“ im Reichssicherheitshauptamt zum fünfzigsten Mal jährt. Eichmann hatte die Deportation der Juden in die Konzentrations- und Vernichtungslager organisiert; er wurde 1962 in Israel hingerichtet.

          „Tiefer Einfluss auf die israelische Gesellschaft“

          In der israelischen Öffentlichkeit kann man Eichmann schon seit Monaten nur schwer entgehen. Noch größere Aufmerksamkeit als das Gedenken an den Prozessbeginn fand vergangenes Jahr der Jahrestag der spektakulären Entführung Eichmanns am 11. Mai 1960 durch israelische Agenten in Argentinien.

          Einige der noch lebenden Beteiligten wie der spätere Minister Rafi Eitan und selbst die Tochter des Anklägers Gideon Hausner können sich seit Monaten vor Interviewanfragen kaum noch retten. Zuletzt verging in Israel kaum eine Woche, ohne dass zu einer Konferenz eingeladen wurde, die Entführung und Verfahren gegen den SS-Sturmbannführer zum Thema hatte. Oft wurden sie zu einer Art Klassentreffen betagter Männer, die als Geheimdienstler, Polizisten oder Juristen damals dabei waren und heute oft weit über achtzig Jahre alt sind.

          Tom Segev hält es für natürlich, dass Israelis auch nach einem halben Jahrhundert das Interesse nicht verloren haben. „Der Eichmann-Prozess hat bis heute einen sehr tiefen Einfluss auf die israelische Gesellschaft. Er hat den Holocaust in die israelische Identität gebracht, der bis dahin ein Tabu war“, sagt der israelische Journalist und Autor. In seinem Buch „Die siebte Million“ hatte Segev sich kritisch mit der israelische Gründergeneration auseinandergesetzt, der der Aufbau eines eigenen Staats wichtiger gewesen sei als die Rettung von Juden.

          Ben Gurion brauchte das Verfahren

          Der erste israelische Ministerpräsident David Ben Gurion begriff Eichmanns Festnahme offenbar schnell als Chance, um aller Welt zu zeigen, dass der Staat Israel die Antwort auf den Judenmord ist. Das geht aus Geheimdokumenten hervor, die das israelische Staatsarchiv vor wenigen Tagen im Internet zugänglich machte. Statt Eichmann von Geheimdienstmitarbeitern töten zu lassen, ließ ihn Ben Gurion in Israel vor Gericht stellen. „Es gibt eine junge Generation, die etwas (über den Holocaust) gehört hat, aber ihn nicht durchlebte“, sagte der Ministerpräsident.

          Ben Gurion brauchte das Verfahren nach Ansicht von Tom Segev aber auch für seine Annäherung an Deutschland, die damals heftig kritisiert wurde. „Er wollte beweisen, dass Israel den Holocaust nicht vergessen hat und er Opfern und Überlebenden nicht gleichgültig gegenübersteht, wie ihm das vorgehalten wurde“, meint Segev. So griff er laut einem Geheimdokument sogar in das Eröffnungsplädoyer des Anklägers Hausner ein und verlangte, dass dieser statt Deutschland „Nazi-Deutschland“ sagte, um seine Bemühungen um die Aufnahme diplomatischer Beziehungen nicht zu erschweren.

          Gabriel Bach sieht die Wirkung des Prozesses nicht nur auf Israel begrenzt. Der damalige stellvertretende Ankläger und spätere Richter am Obersten Gericht hält das Verfahren auch juristisch für einen Meilenstein. Diejenigen, die Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben, wüssten seitdem, dass sie überall mit Strafverfolgung zu rechnen hätten, sagt Bach. In Israel ist das jedoch in jüngster Zeit auch Anlass zur Sorge: Einige Politiker und Militärs zögern nach dem Gaza-Krieg vor zwei Jahren, ins Ausland zu reisen. Sie fürchten, dort wegen angeblicher Kriegsverbrechen vor Gericht gestellt zu werden.

          Für viele junge Israelis sind es heute Reisen nach Polen, die einen stärkeren Eindruck hinterlassen als die Bilder und Mitschnitte des Eichmann-Prozesses. Jedes Jahr fahren Tausende Schüler und junge Soldaten in den ostmitteleuropäischen Staat und besuchen dort die Stätten der deutschen Konzentrationslager. Während Eichmanns Heimat Deutschland für viele Israelis ein beliebtes Reiseziel geworden ist, geben immer mehr von ihnen Polen eine Mitschuld am Holocaust. Laut Umfragen machen knapp 30 Prozent der befragten Israelis mittlerweile Polen genauso für den Judenmord verantwortlich wie Deutsche.

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