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Afghanistan : Deutscher Soldat bei Sprengstoff-Attentat getötet

Bild: reuters

Bei einem Anschlag auf eine Patrouille der Isaf-Truppe nahe der Stadt Kundus ist ein deutscher Soldat getötet worden, ein weiterer wurde verwundet - ebenso ein afghanischer Sprachmittler. „Dieser Anschlag trifft uns alle in Herz“, sagte Verteidigungsminister de Maizière.

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          Erstmals in seiner Amtszeit musste Verteidigungsminister de Maizière am Mittwoch berichten, dass ein Bundeswehrsoldat beim Einsatz in Afghanistan gefallen ist. Er sprach von einem „feigen, anonymen Sprengstoffanschlag, der einen jungen Mann buchstäblich aus dem Leben gerissen hat“. „Dieser Anschlag berührt uns alle, er trifft uns alle ins Herz,“ sagte de Maizière. Gleichzeitig machte er deutlich, dass sich an der Strategie nichts ändern werde. „Wir machen Fortschritte in Afghanistan. Wir haben die richtige Strategie, und diese Strategie werden wir auch weiter durchsetzen.“

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Am Mittwochmorgen (10:04 Ortszeit) war ein deutscher Soldat der internationalen Isaf-Truppe durch einen Sprengstoffangriff auf eine Patrouille getötet worden. Ein weiterer Soldat sowie ein afghanischer Übersetzer wurden verwundet. Die beiden Männer wurden in das Feldlazarett nach Kundus gebracht worden. Sie wurden offenbar nur leicht verletzt.

          Mehrere Sprengsätze

          Der getötete Soldat gehörte zu einer Patrouille des in Kundus stationierten Infanteriebataillons, die nach den Worten des Generalinspekteurs, Volker Wieker, im Norden des Distrikts Chardara routinemäßig „die Bewegungsfreiheit sichern“ sollte. Der Soldat fuhr in einem „Fuchs“-Transportpanzer auf einer Straße 14 Kilometer nordwestlich von Kundus, bei der Nato als „LOC Cherry“ bezeichnet, als die Patrouille angegriffen wurde. Durch die improvisierten Bomben, offenbar zwei nacheinander explodierende sogenannte IEDs, wurde auch ein geschütztes Fahrzeug vom Typ „Dingo“ sowie ein „Fennek“-Aufklärungsfahrzeug beschädigt.

          Gefährlicher Einsatz in Afghanistan

          Angaben zu dem Dienstgrad oder dem Truppenstandort der Opfer wollte Wieker aus Rücksicht auf die Angehörigen zunächst nicht machen. Nach dem Anschlag seien zusätzliche Kräfte an den Ort des Anschlags geschickt worden, sagte Wieker. Dabei sei es zu einer „Eskalation“ gekommen, als ein Fahrzeug schnell auf die Soldaten zufuhr. Es habe erst durch die Abgabe von Warnschüssen gestoppt werden können.

          Die „LOC Cherry“ führt nach Taloqan, wo vor einer Woche während einer gewalttätigen Demonstration gegen die dortige Isaf-Einrichtung mehrere afghanische Zivilisten getötet worden waren, einige von ihnen offenbar auch durch deutsche Soldaten.

          Der Distrikt Chardara war lange Zeit eine Hochburg der aufständischen Taliban. Im vergangenen Jahr hatten Soldaten der internationalen Isaf-Truppe, vor allem Amerikaner und Deutsche, gemeinsam mit afghanischen Soldaten und Polizisten die Taliban aus einem großen Teil dieses Distrikts vertrieben. Anschließend wurden sogleich Infrastrukturprojekte in Angriff genommen wie der Bau von Straßen, Wasserversorgung und Stromnetzen.

          So sollte die Bevölkerung davon überzeugt werden, dass es für sie eine konkrete Verbesserung bedeutet, wenn sie mit den afghanischen Regierungskräften und der Isaf statt mit den Taliban zusammenarbeitet. Ähnlich ging die Isaf mit deutschen Kräften in der weiter südlich gelegenen Provinz Baghlan vor, wie Kundus wegen der afghanischen Hauptverbindungsstraße („Ring Road“) von strategischer Bedeutung.

          Tatsächlich haben die Aufständischen in beiden Provinzen, Kundus und Baghlan, in diesem Frühjahr keine konzertierten militärischen Hinterhalte gelegt, wie sie in den vergangenen beiden Jahren bei den deutschen Isaf-Kräften einen hohen Blutzoll gekostet hatten. Daher gibt es schon Überlegungen im deutsch geführten Regionalkommando Nord, diese Gebiete durch afghanische Sicherheitskräfte „halten“ zu lassen und einen Operationsschwerpunkt im Westen des Regionalkommandos zu legen, wo es ebenfalls bedrohte neuralgische Punkte der „Ring Road“ gibt.

          „Bewegungen der Taliban“

          Allerdings zeugt nicht nur der Anschlag vom Mittwoch davon, dass Aufständische auch in vermeintlich beruhigten Gegenden weiter aktiv sind, jedoch mit anderen Methoden. Schon Anfang Mai war eine Patrouille bei Kundus mit einer Serie von IEDs angegriffen worden. Ob die jüngsten Vorfälle von Mazar-i-Scharif und Taloqan, als Mobs ein Haus der zivilen UN-Mission Unama beziehungsweise einen deutschen Isaf-Außenposten angegriffen hatte, auf gezielte Aufwiegelungsaktionen von Taliban zurückgehen, ist ungewiss. Das sei keineswegs auszuschließen, doch gebe es dafür noch keine Belege, heißt es bei Militärs.

          Der Gouverneur des Distrikts Char Darah, Hadschi Abdul Momen, sagte der Nachrichtenagentur dpa. Er habe die Deutschen zuvor vor Angriffen gewarnt, weil er kürzlich Bewegungen der Taliban in Chardarah registriert habe.

          „Tod und Verwundung sind ständige Begleiter“

          Durch Kampfhandlungen - Gefechte und Bombenanschläge - sind seit 2002 in Afghanistan 31 deutsche Soldaten gefallen. Zuletzt waren Mitte Februar bei einem Anschlag in einem Bundeswehrstützpunkt in der afghanischen Provinz Baghlan drei deutsche Soldaten getötet und sechs weitere verletzt worden. Der Angreifer, der eigentlich das Lager schützen sollte, hatte auf die Soldaten geschossen und einen 21 Jahre alten Hauptgefreiten, einen 22 Jahre alten Stabsgefreiten und einen 30 Jahre alten Hauptfeldwebel vom Panzergrenadierbataillon 112 im bayerischen Regen getötet.

          Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverband, Ulrich Kirsch, erklärte, der jüngste Vorfall mache deutlich, dass Tod und Verwundung „ständige Begleiter“ der Soldaten im Einsatz seien. Dazu gehöre „auch die Pflicht, im Gefecht Gegner zu bekämpfen und auch töten zu müssen“.

          FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle und die verteidigungspolitische Fraktionssprecherin Elke Hoff sprachen von einem „feigen Anschlag“. Auch die Fraktionschefs der Grünen, Renate Künast und Jürgen Trittin, verurteilten die „abscheuliche Tat“. Leider beweise der Vorfall abermals, „in welch schwierigem Einsatz sich die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr befinden, bei dem sie Leib und Leben jeden Tag aufs Spiel setzen“.

          Linksfraktionschef Gregor Gysi erklärte, der Anschlag führe noch einmal vor Augen, dass der Krieg die Lage in Afghanistan um keinen Deut verbessert habe. „Im Gegenteil: Es ist höchste Zeit, diesen Krieg zu beenden und die Bundeswehr unverzüglich aus Afghanistan abzuziehen.“

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