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Verkauf des Brentanohauses : Verschwärmte Nächte

Hinter dem Brentanohaus wird der „Goethewein“ angebaut, von dem der Dichterfürst „ganz fürchterlich viel“ trinken konnte, wie Antonia Brentano feststellte. Bild: Gerd Kittel

Das Brentanohaus am Rhein war die Keimzelle der Romantik. Hier gingen Goethe, Achim von Arnim und die Brüder Grimm ein und aus. Bis heute ist das Haus fast unverändert. Nun droht der Verlust des einzigartigen Kulturdenkmals.

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          Wer heute durch den Torbogen in den gepflasterten Innenhof mit den Oleanderbüschen und alten Bäumen tritt, der meint, durch eine Zeitschleuse zu gehen. So sehr hat man das Gefühl, in die Welt um 1800 versetzt zu sein. Selbst der romantische Weinlaubengang, durch den Goethe, wenn er bei den Brentanos in Winkel zu Gast war, hinab zum Rhein schlenderte, steht noch genauso da wie vor zweihundert Jahren. Dem Fünfundsechzigjährigen muss das auf noble Weise schlicht gehaltene Sommerhaus der Frankfurter Handelsfamilie wie eine Insel des Friedens erschienen sein.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Schon damals gab es das Paparazziwesen, und Goethe konnte kaum je irgendwo als Privatperson auftreten. Er schwieg oft, einfach deshalb, weil er fürchtete, man wolle „all seine Worte gleich auffassen, um sie drucken zu lassen“, wie sich seine Gastgeberin erinnerte. In jenen Septembertagen des Jahres 1814 war Goethe deshalb selig, wenn er im weißen Schlafrock, die Hände auf dem Rücken verschränkt, einfach nur ungestört durch den langen Laubengang wandeln konnte.

          Zum Verkauf gezwungen

          1804 hatten die Brentanos das Anwesen am Rhein erworben. In der Gegend zwischen Mainz und Rüdesheim, Herzland deutscher Geschichte mit dem altertümlichen Namen Rheingau, wird seit der Römerzeit Wein angebaut. Rebstöcke ziehen sich überall entlang der Hügel und Berge, und der süße Duft des gärenden Mosts liegt heute wie damals in der Luft. Inzwischen kommt man über die Autobahn, früher reiste man, sobald sich der Sommer ankündigte, per Schiff von Frankfurt und Wiesbaden an. Zu Gast bei den Brentanos waren Politiker und Poeten wie Achim von Arnim, die Brüder Grimm, der Freiherr vom Stein, Karoline von Günderrode und viele, viele andere.

          Das Brentanohaus befand sich immer in Familienbesitz, bis heute. Das erklärt die besondere Aura, die von diesem Ort ausgeht. Wenn man sich anmeldet, führt die Baronin ihre Gäste durch die historischen Räume. Und als ob die Salontradition niemals aufgehört hätte, finden hier Soireen, Lesungen und Musikabende statt. Die historischen Räume, die seit der Goethe-Zeit kaum verändert wurden, präsentieren sich in liebevoll konserviertem Glanz. Das ist der Sorgfalt der Familie geschuldet, und deshalb könnte es damit bald vorbei sein.

          Denn die Besitzer wollen das Anwesen samt Weinberg verkaufen. Aus eigener Kraft können es Udo und Angela von Brentano nicht mehr bewirtschaften, wollen den Erinnerungsort aber unbedingt bewahren und haben ihn deshalb dem Land Hessen zum Kauf angeboten: für knapp eine Million Euro, verteilt auf fünfunddreißig Jahre - das sind 30000 Euro im Jahr.

          Angebote aus China und Russland

          Seit mehr als zwei Jahren wird nun verhandelt und diskutiert, zwischen der Landesregierung und Denkmalschützern, Staatssekretären und dem Freien Deutschen Hochstift, dem seit 1933 ein Großteil der Einrichtung des Brentanohauses gehört und das durch seine Romantiksammlung ein besonderes Interesse am Erhalt der Kulturstätte hat. Doch der dreiundsechzigjährige Baron will nicht länger warten. Die Gaststätte im Haus hat keinen Pächter mehr, und das Gebäude zeigt sich nicht im allerbesten Zustand. Die Kinder des Barons, der mit seiner Frau in einem kleinen Nebengebäude wohnt, sehen sich außerstande, das Erbe anzutreten.

          Jetzt hat Udo von Brentano dem Land ein Ultimatum gestellt. Bis zum 30.September muss eine Entscheidung fallen, sonst bietet er das Anwesen samt rund fünfzehntausend Quadratmetern Weinberg auf dem freien Markt an. Interessenten gebe es bereits, sagt Udo von Brentano, aus China und aus Russland. Er würde gern auf sie verzichten und sei bereit, finanzielle Einbußen hinzunehmen - „wenn nur das Haus in seiner historischen Gestalt erhalten wird“.

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