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Unterrichtsausfall : Das Spiel mit der Statistik

  • Aktualisiert am

Und wo ist der Lehrer? Bild: dpa

Millionen Eltern ärgern sich, wenn immer wieder der Schulunterricht ihrer Kinder ausfällt. Bildungsverbände und Ministerien schieben sich gegenseitig den schwarzen Peter zu und stellen die vorgelegten Statistiken in Frage.

          3 Min.

          In Brandenburg gab es in diesem Winter mehrere hundert Zeugnisse mit Leerstellen: An etwa 20 Schulen blieben Fächer wie Physik oder Biologie ohne Noten - wegen hoher Unterrichtsausfälle. Ein Extremfall, dessen Wiederholung der Potsdamer Bildungsminister Günter Baaske (SPD) mit mehr Lehrerstellen verhindern will. Aber auch im benachbarten Berlin ist die Debatte über ausgefallene oder ohne echten Fachunterricht vertretene Schulstunden im Gange. Dort ärgern sich Eltern und Verbände über angeblich schöngerechnete Statistiken.

          Der Bundesvorsitzende des Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, verlangt von den Kultus- und Bildungsministerien der Länder mehr Ehrlichkeit: Es genüge nicht, nur die etwa durch Erkrankung eines Lehrers ersatzlos gestrichenen Stunden statistisch zu erfassen, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. „Die Ministerien wollen nur wissen: Wie oft wurden die Kinder heimgeschickt, wann war gar kein Lehrer in der Klasse?“, kritisiert Meidinger. „Als Elternteil interessiert mich aber doch auch, ob eine Mathematikstunde gar nicht wirklich erteilt wurde, weil ein Kunstlehrer als Ersatz vor der Klasse stand, ob also gar kein Fachunterricht stattfand.“

          Bei Schulstunden, die nicht fachgemäß gegeben wurden, werde Unterrichtsausfall „tausendfach“ verdeckt, so der Verbandschef. In Deutschland entfielen pro Woche knapp eine Million Stunden - gut 8 Prozent des Unterrichts. Meidinger betont, dass seine Zahlen auf fundierten Schätzungen beruhen, „die aber erheblich näher an der Realität sind als jede Statistik eines Ministeriums“.

          Ab wann ist es denn Unterrichtsausfall?

          Die Länder hängen das Thema tiefer, und sie geben andere Statistiken heraus, wie eine dpa-Umfrage jetzt ergab. Überwiegend wird die Unterrichtsversorgung als einigermaßen gut bezeichnet - es werde viel für eine ausreichende Bereitstellung von Lehrern und auch für deren Gesundheitszustand getan. Die von den Bildungsbehörden genannten Ausfall-Quoten lagen - falls aktuell ermittelt - meist zwischen 2 und 3 Prozent, Thüringen und Sachsen waren knapp darüber.

          Mit klaren Worten positioniert sich der Sprecher des Mainzer Bildungsministeriums, Wolf-Jürgen Karle: „Die Hochrechnungen zum Unterrichtsausfall waren noch nie nachvollziehbar, weil noch nie - zumindest in den vergangenen 20 Jahren, die ich überblicke - jemand diese Angaben mit konkret erhobenen statistischen Daten untermauern konnte.“ Unklar sei auch immer der Maßstab, „der bei solchen einfach mal in die Welt gesetzten Zahlen herangezogen wird“.

          „Ist es vielleicht schon Unterrichtsausfall, wenn nicht der vorgesehene Fachlehrer in der Klasse anwesend ist, aber trotzdem Unterricht in dem Fach stattfindet?“, fragt Karle mit ironischem Unterton. „Oder ist es Unterrichtsausfall, wenn der Fachlehrer fehlt, aber stattdessen Unterricht in einem anderen Fach oder Projektarbeit stattfindet?“ Aus Sicht der Ministerien seien die Statistik-Zweifel unberechtigt: „Die Daten kommen direkt aus den Schulen und werden von der Schulaufsicht und vom Statistischen Landesamt zusammengefasst.“

          Telefon-Hotline für Eltern

          Ursache für Stundenausfall sei „der Mangel an Fachlehrernachwuchs“, sagt Karle, „zum anderen fällt Unterricht aus wegen Erkrankungen, Weiterbildungen von Lehrkräften, Klassenfahrten oder ähnlichen Auslösern.“ Selbst bei einem Vertretungslehrer-Pool oder mehr Geld zur Einstellung von Aushilfskräften lasse sich Unterrichtsausfall nie ganz vermeiden.

          Der Vorsitzende des Landeselternausschusses Berlin, Norman Heise, sieht beschwichtigende Aussagen seiner Bildungsbehörde („2,1 Prozent der wöchentlich zu erteilenden Unterrichtsstunden ausgefallen“) kritisch: „Eltern können in der Realität diese Zahlen nicht nachvollziehen. Ob getrickst wird, möchten wir nicht unterstellen. Wir beobachten jedoch, dass die Kriterien zur Erfassung von Ausfall und Vertretung nicht alle Formen von Ausfall und Vertretung berücksichtigen.“ Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft bezweifelt, dass die offiziellen Zahlen realistisch sind, und fordert eine zehnprozentige „Vertretungsreserve“ für Berlins Schulen.

          In Niedersachsen gibt es zur Befriedung eine Telefon-Hotline für Eltern. Sie sei „für das Kultusministerium eine Art Seismograf, um entsprechend reagieren zu können. Da hier schon seit vielen Monaten nur sehr vereinzelt Anrufe auflaufen, gehen wir nicht davon aus, dass momentan Unterricht in großem Stil ausfällt“, sagte eine Sprecherin.

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