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Ukraine-Krieg : Diskriminierung auf der Flucht

Auf der Flucht: Ausländer, die in der Ukraine leben, warten in der Nähe der Grenze auf den Bus nach Polen. Bild: AP

Sind Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe an der Ausreise aus der Ukraine gehindert worden? Berichte und Videos legen das nahe.

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          Sie war in Kiew, als der Krieg begann. Über Umwege gelangte die junge Frau, die aus Sierra Leone stammt, mit Freunden nach Lemberg. Von dort gingen sie zu Fuß zur polnischen Grenze, wo es zwei Schlangen gegeben habe: eine für Weiße, eine für „alle anderen“. Stundenlang war­teten sie in der Kälte, dann klappte sie zusammen, lag zwei Tage lang in einem Krankenhaus und schaffte es schließlich in einen Bus nach Polen. Als an der Grenze durch­gesagt wurde, dass „alle Schwarzen“ aussteigen müssten, weigerte sie sich – und kam endlich in Premissel (Przemyśl) in Polen an.

          Othmara Glas
          Volontärin

          So beschreibt der CNN-Journalist Bijan Hosseini die Erfahrungen seiner Adoptivschwester. Und das ist kein Einzelfall. Was Personen mit dunkler Hautfarbe aus der Ukraine berichten, klingt erschreckend. Videos in den sozialen Me­dien unter den Hashtags #Africans­inUkraine oder #IndiansinUkraine zeigen erschütternde Szenen. Mitarbeiter ukrainischer und polnischer Behörden sollen Personen mit dunkler Hautfarbe an der Flucht aus dem Kriegsland gehindert, sie aus vollen Zügen geschubst und an der Grenze zurückgehalten haben.

          Mehr als 660.000 Personen sind nach UN-Angaben seit dem russischen An­griff vor einer Woche aus der Ukraine geflohen, gut die Hälfte davon soll in Polen angekommen sein. Auch Moldau, die Slowakei, Rumänien und Ungarn nehmen Flüchtlinge auf. Die Regierung in Warschau hat angeordnet, alle Personen, die aus der Ukraine kommen, ins Land zu lassen – auch ohne vollständige Do­ku­mente. Das schließt Inder, Marokkaner, Nigerianer und Ägypter ein, die in der Ukraine studieren.

          „Sie sind sich selbst überlassen“

          Anders als viele Ukrainer haben sie selten Verwandte oder Freunde in Polen. „Sie sind sich selbst überlassen“, sagt Joanna Stolarek. Die Leiterin der Heinrich-Böll-Stiftung in Warschau erlebt ei­ne große Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen aus der Ukraine – egal ­wel­cher Hautfarbe. Nach ihren Worten werden alle in Zügen oder Bussen mit­ge­nommen. „Es werden Smartphones gesammelt und sogar eigene Wohnungsbörsen für afrikanische und indische Studierende eingerichtet.“ Dennoch: Rassismus ist ein Problem in Polen. „Die Be­richte, dass Polen schwarze Menschen nicht ins Land lasse, stimmen aber nicht“, sagt Stolarek.

          Dass es in Einzelfällen Probleme gebe, schließt sie nicht aus. „Polen muss sein Image aufpolieren, ein menschliches Gesicht zeigen.“ Sie denkt dabei auch an die „Pushbacks“ an der polnisch-belarussischen Grenze. Es ist unklar, wie viele ausländische Studenten es in der Ukraine gibt: Die UN-Bildungsorganisation UNESCO gibt etwas mehr als 61.000 an; laut Bildungsministerium der Ukraine sind es etwa 80.000 aus mehr als 150 Ländern. Den größten Anteil haben mit gut einem Viertel Studenten aus Indien. Die nigerianische Regierung geht von rund 4000 Nigerianern im Land aus, auch davon sind die große Mehrheit Studenten.

          Schon die Sowjetunion ermöglichte jungen Menschen aus „sozialistischen Bruderstaaten“ ein Studium dort. Heute ist die Ukraine als Studienland beliebt, weil Studiengänge auf Englisch angeboten werden und Studien- und Lebenshaltungskosten niedriger sind als in anderen europäischen Ländern. Laut den Konten auf Twitter, Instagram und TikTok studieren besonders viele Medizin.

          Auch diese Studenten fliehen nun vor Raketenbeschuss und Bombenangriffen. Häufig werden sie dabei diskriminiert. Eine junge Nigerianerin berichtet auf „Zeit Online“, dass sie in Kiew zunächst aus einem Zug nach Lemberg geschubst worden sei. Eine „weiße Frau“ habe sie dann hineingezogen. Als in Lemberg die Sirenen ertönten und sie Schutz suchte, habe ein Ladenbesitzer sie nicht hineingelassen. Ein Nigerianer, der es schon nach Polen geschafft hatte, berichtete der Zeitung „Welt“, ihm sei im Zug ­gesagt worden, dass er dort nichts zu suchen habe, weil er kein Ukrainer sei.

          Amal Abass vom Berliner Verein Each One Teach One (EOTO) berichtet ebenfalls, dass schwarze Personen auf der Flucht diskriminiert würden. EOTO ­unterstützt schwarze und afrikanische Personen in Deutschland und ist zurzeit auch an der polnisch-ukrainischen ­Grenze im Einsatz – das Team bietet juristische Unterstützung und verteilt SIM-Karten und Powerbanks. „Davon haben wir aber nicht genug“, sagt Abass. Es fehle auch an Nahrungsmitteln und psychologischer Betreuung. Am Mittwoch habe sich ein weiterer Konvoi auf den Weg dorthin gemacht.

          Einige überleben die Flucht aus der Ukraine laut Abass nicht. „Es sind schon Menschen an der Grenze erfroren.“ Sie fordert, dass die Europäische Union die „Massenzustrom-Richtlinie“ umsetzt. Dann könnten Flüchtlinge unkompliziert eine Aufenthaltserlaubnis be­kom­men. Gespräche dazu sollen an diesem Donnerstag stattfinden. „Viel zu spät“, sagt Abass. Auch kritisiert sie, dass die Deutsche Bahn nur ukrainische Staats­an­gehörige unentgeltlich befördert.

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