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Holocaust und Holodomor : Zweierlei Genoziderinnerung

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Am zentralen Mahnmal für den Holodomor in Kiew zündeten Trauernde am 26. November 2011 Kerzen an. Bild: picture-alliance

Das Wort „Holodomor“ hat seiner Wurzel nach nichts mit dem Holocaust zu tun, aber in der ukrainischen Geschichtspolitik werden die stalinistischen Massentötungen durch Aushungern mit der nationalsozialistischen Judenvernichtung in Verbindung gebracht. Aufmerksamkeit weckt das auch in Israel.

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          Angriffe auf die landwirtschaftliche Infrastruktur der Ukraine und das Aushungern der Bevölkerung gehören offensichtlich zu den Taktiken Russlands im gegenwärtigen Krieg. Die Ukrainer erinnert dies unweigerlich an die Schrecken des Holodomors, der massenhaften „Tötung durch Hunger“, die das stalinistische Regime Anfang der Dreißigerjahre durch die Beschlagnahme von Ernten und den systematischen Entzug von Lebensmitteln ins Werk setzte. In der antistalinistischen Literatur wurde dieser Massenmord zeitweise „Stalins Holocaust“ genannt, so 1988 im deutschen Untertitel von Robert Conquests Buch „The Harvest of Sorrow. Collectivization and the Terror Famine“. Bald nach dem Ende der Sowjetunion setzte sich aber der Name „Holodomor“ durch; das ukrainische Wort „holod“ heißt Hunger.

          Längst ist die Erinnerung an den Holodomor eine Hauptsäule der nationalen ukrainischen Gedenkkultur, auch wenn es nach 1991 noch einige Zeit dauerte, bis die jahrzehntelange Tabuisierung dieses Verbrechens endgültig aufgebrochen wurde. Die Verstaatlichung des Gedenkens an den Holodomor hat sich aber als teilweise hinderlich für eine eingehende Beschäftigung mit der Schoa in der Ukraine erwiesen. Diese These vertritt der Historiker Georgiy Kasianov, Autor des Buches „Memory Crash“, in einem Aufsatz („Holodomor and the Holocaust in Ukraine as Cultural Memory: Comparison, Competition, Interaction“, in: Journal of Genocide Research, Bd. 24, 2022, Heft 2 / Routledge).

          Tausende von Publikationen

          Erst 1998 wurde unter dem Präsidenten Leonid Kutschma ein nationaler Gedenktag für die Opfer des Holodomors eingeführt. Unter seinem Nachfolger Wiktor Juschtschenko wurde 2006 der Holodomor per Gesetz zum Genozid am ukrainischen Volk erklärt. Danach wuchs die Zahl der Publikationen über den Hunger-Genozid rasant; bis 2013 wurden schon 13 000 ge­zählt. 2008 wurde in Kiew das Nationale Museum des Holodomor-Genozids eingerichtet, dessen Besuch Pflichtprogramm für Staatsgäste ist. Bis 2017 wurden in der Ukraine 7000 Denkmäler und Gedenkstätten für die Opfer des Holodomors errichtet. Der Veränderung der Landschaft entspricht ein Bewusstseinswandel in der Bevölkerung, wie Umfragen belegen: 2006 waren 60 Prozent der Befragten der An­sicht, dass der Holodomor als Völkermord einzustufen sei, 2019 schon 82 Prozent.

          Rund eineinhalb Millionen Juden wurden auf dem heutigen Staatsgebiet der Ukraine von den Deutschen und einheimischen Kollaborateuren ermordet. Mit der Erinnerung an den Holocaust hielt sich der ukrainische Staat lange zurück. Zwar gedachte 1991 die Regierung am fünfzigsten Jahrestag des Massakers von Babyn Jar in einer Erklärung der „Massenvernichtung sowjetischer Bürger, vor allem Juden, durch faschistische deutsche Invasoren“. Aber zur Errichtung von Holocaustmuseen in Charkiw (1996), Odessa (2009) und Dnipropetrowsk (2012) kam es nur dank privater Initiativen. Erst unter Präsident Juschtschenko wurde der Begriff Holocaust gebräuchlich, und die Geschichte der Judenvernichtung fand allmählich Eingang in schulische und universitäre Lehrprogramme. Der internationale Holocaust-Gedenktag wurde in der Ukraine zum ersten Mal 2012 begangen.

          In einer Ausstellung in Kiew wurde 2008 dieses Foto gezeigt: Ein Getreidespeicher wird im Jahr 1934 mit Waffengewalt bewacht.
          In einer Ausstellung in Kiew wurde 2008 dieses Foto gezeigt: Ein Getreidespeicher wird im Jahr 1934 mit Waffengewalt bewacht. : Bild: picture-alliance

          Der Internationalen Allianz zum Holocaustgedenken ist das Land bislang allerdings nicht beigetreten, obwohl es schon 2005 Verhandlungen darüber aufnahm. Zwar entschuldigte sich im Dezember 2015 Präsident Petro Poroschenko vor der Knesset dafür, dass ukrainische Ultranationalisten an der Ermordung von Juden beteiligt waren. Aber das Erstarken nationalistischer und rechtspopulistischer Tendenzen nach der Krim-Annexion 2014, das in der Ukraine auch von antisemitischen Vorfällen begleitet war, hat nach Ansicht von Kasianov die Lage verkompliziert: Die notwendige Einbeziehung des Holocausts in das nationale Geschichtsnarrativ der Ukraine bleibe vorerst ein Desiderat.

          Das Nebeneinander von Erzählungen über den Holodomor und den Holocaust hat im ukrainischen Geschichtsdiskurs bisweilen Reibungen mit sich gebracht, die Kasianov zufolge sogar zu einem gewissen Konkurrenzverhältnis geführt haben. Bis heute dauert die ukrainische Diskussion über die Opferzahl des Hunger-Genozids an. Nationalistische Kreise beziffern sie mit 7 bis 10 Millionen Menschen. Ihnen werfen Historiker wie Stanislav Kulchytsky vor, lediglich eine Zahl etablieren zu wollen, welche diejenige der im Holocaust ermordeten Juden übertreffen solle.

          Mit Skepsis verfolgt man den ukrainischen Umgang mit dem Holodomor auch in Israel. Dort erinnern die ukrainischen Zeremonien am Holodomor-Gedenktag manch einen auffallend an die des israelischen Gedenktags für die Schoa. Sogar von absichtlicher Übernahme des israelischen Vorbilds sprach im Dezember 2021 der aus Kiew gebürtige israelische Historiker Shimon Briman gegenüber der linksliberalen Zeitung „Haaretz“. Der Zeitungsbericht, der auch die ukrainische Debatte über die Opferzahlen berührte, vermerkte, dass Israel nicht zu den mittlerweile achtzehn Staaten gehört, die den Holodomor als Genozid anerkennen. Deutschland übrigens auch nicht.

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