https://www.faz.net/-gpc-9eudg

Die von Ihnen angeforderte Seite kann leider nicht ausgeliefert werden. Das tut uns leid. Interessiert Sie eine andere Geschichte von der aktuellen FAZ.NET-Homepage?

TV-Kritik: „Maischberger“ : Gebremster Aufklärungswille

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger diskutiert mit ihren Gästen über die Studie zu Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Bild: WDR/Melanie Grande

Sandra Maischberger unternahm den Versuch, über die kürzlich vorgestellte Studie zu Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche zu reden. Die Erkenntnisse blieben bescheiden.

          Bis die Studie über Missbrauch in der katholischen Kirche in Auftrag gegeben worden ist, waren seit Bekanntwerden zahlreicher Fälle fast fünf Jahre vergangen. Ein erster Studienauftrag an den Kriminologen Christian Pfeiffer wurde ihm Anfang 2013 wieder entzogen. Schon damals war absehbar, dass der Auftraggeber, die deutsche Bischofskonferenz, nicht dazu bereit war, einen umfassenden Einblick in die Akten der Bistümer zu gewähren.

          In ihrer Einleitung schreiben die Forscher: „Das Forschungsprojekt hatte keinen Zugriff auf Originalakten der katholischen Kirche. Alle Archive und Dateien der Diözesen wurden nach Vorgabe des Forschungskonsortiums von Personal aus den Diözesen oder von diesen beauftragten Rechtsanwaltskanzleien durchgesehen.“ Das Handicap ist offensichtlich. Der Aufklärungswille des Auftraggebers war gebremst. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, um den Eindruck zu gewinnen, dass der Täterschutz Vorrang gegenüber dem Aufklärungswillen behalten hat. Die Bestürzung der Bischöfe und Kardinäle bei der Vorstellung der Studienergebnisse ist daher nur begrenzt glaubhaft. Sie war anlass- und rollenkongruent, mehr nicht.

          Kein Kessel Buntes

          Wie kann man über so ein Thema reden? Jedenfalls nicht, als handelte es sich um einen Kessel Buntes. Matthias Katsch, der maßgeblich im Jahr 2010 dazu beigetragen hat, Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg in Berlin aufzudecken, bekundet am Ende der Sendung von Sandra Maischberger, froh darüber zu sein, nicht über den selbst erlittenen Missbrauch reden zu müssen. Das übernahmen der Musiker Wolfgang Niedecken, der Opfer eines sadistischen Paters an einem katholischen Internat wurde, und Claudia Mönius, die als Ministrantin über fünf Jahre von einem katholischen Pfarrer sexuell missbraucht worden ist.

          Niedeckens Qual fand ihr Ende, als sein Vater die Striemen von Stockschlägen auf dem Rücken seines Kindes entdeckte. Der tiefgläubige Mann nahm den Jungen vom Internat und erreichte, dass der verantwortliche Pater versetzt wurde. Es kam zu keiner Strafanzeige. Er verbot seinem Sohn, darüber zu reden. Claudia Mönius erlebte infolge schwieriger Familienverhältnisse die Kirche als ihre Familie. Sie beschreibt ihr kindliches Empfinden und das durch Missbrauch erlittene Trauma sehr glaubhaft.

          Die in der Studie genannten Zahlen stehen unter Vorbehalt. Danach haben 1670 Kleriker zwischen 1946 und 2014 sich an 3677 Minderjährigen vergangen. Zahlen aus anderen Ländern wie etwa Irland, den Niederlanden und den Vereinigten Staaten sprechen dafür, dass die Dunkelziffer in Deutschland erheblich höher sein dürfte. Matthias Katsch rechnet mit bis zu 100.000 Fällen sexuellen Missbrauchs in Einrichtungen der katholischen Kirche in Deutschland seit dem Jahr 1945.

          Strafrecht und Seelsorge im Zwist

          Mit Scham und einer Bitte um Verzeihung darauf zu reagieren, reicht weder seelsorgerlich noch strafrechtlich. Stephan Ackermann, Bischof von Trier, ist Missbrauchsbeauftragter der deutschen Bischofskonferenz. Die Bezeichnung seines Amtes beleuchtet nicht nur ein sprachliches Dilemma. Man nimmt ihm seine Erschütterung ab. Trotzdem bleibt ihre Bekundung eine rhetorische Pflichtübung. Sie ist zur Routine geworden, so wie es gilt, „Aufgabenpakete abzuarbeiten“, was auch immer in ihnen steckt. Die Kirche brauchte fast fünf Jahre bis zur Entscheidung, den Auftrag für die Studie zu erteilen. Es war irgendwann nicht mehr haltbar, bedrückt von bedauerlichen Einzelfällen zu reden. Matthias Katsch sieht in solcher Rhetorik ein Täterschutzprogramm am Werk.

          Christiane Florin, Redakteurin beim Deutschlandfunk, berichtet von vernichteten oder manipulierten Akten. Sie bemängelt dadurch bedingte Handicaps der Studie. Eine halbwegs valide Zahl besage, dass es in fünf Prozent katholischer Gemeinden zu Missbrauchsfällen gekommen sei. Die ersten Reaktionen der katholischen Kirche bezeugten eine fast einmütige Abwehr von Vorwürfen. Man schrieb sie dem Aktivismus von erklärten Kirchenhassern zu und beklagte pogromartige Stimmungsmache. Schuldbewusstsein sähe anders aus.

          Das Fegefeuer kennt keine Intervallschaltung

          Bischof Ackermann verteidigt die Restriktionen des Forschungsauftrags. Sie dienten dem Datenschutz und dem Schutz von Persönlichkeitsrechten der kirchlichen Mitarbeiter. Die Ausflucht, dass Staatsanwaltschaften sich nicht die Mühe machten, alle Akten seit 1945 durchzusehen, verfehlt einen entscheidenden Aspekt. Warum sollen Staatsanwälte Vorwürfen nachgehen, die strafrechtlich verjährt sind? Das Interesse an dienstlich durch Seelsorger begangenen Sünden kennt kirchlich keine Verjährungsfrist. Das Fegefeuer hat keine Intervallschaltung. Die amerikanischen Diözesen sind zupackender und gewähren den Strafverfolgern umfassende Akteneinsicht, wie Katsch mitteilt. Zu recht kritisiert er Ackermanns Versuch, sich auf den Schutz der Betroffenen zu berufen. Das sei übergriffig.

          Christiane Florin hält fest, niemand habe sich schuldig bekannt. Vorwürfe bleiben diffus. Kirchenrechtliche Ahndungen seien Versetzungen an andere Dienststellen, schlimmstenfalls das Verbot, die Eucharistie zu feiern und die Entfernung aus dem Klerus.

          Grenzen des Kirchenrechts

          Das Kirchenrecht ist für die Ahndung von Missbrauchsvorwürfen ungeeignet. Eine Reform, mit der die Kirche Kleriker der weltlichen Strafgerichtsbarkeit überantwortet, ist nicht in Sicht. Ob die deutschen Diözesen ihre eigene Leitlinie befolgen und alle bekannt werdenden Missbrauchsvorwürfe zur Anzeige bringen, bezweifelt Matthias Katsch. Er hält es für sinnvoller, einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss einzurichten, vor dem auch die Kirchen umfassend Rechenschaft ablegen müssen. Er kritisiert den Vorbehalt Bischof Ackermanns, Missbrauchsfälle aus Rücksicht auf Opfer nicht zur Anzeige zu bringen, das diene bloß dem Schutz der Täter. Frau Mönius bringt die Rhetorik des Bischofs auf die Palme. Wo bleibe das Herz, wo die Betroffenheit, die Kirche mache ihre wunderschöne Religion kaputt.

          Perestroika im Vatikan

          Frau Florin lenkt den Blick auf das Erzbistum München und Freising. Dort werden Ergebnisse einer Studie unter Verschluss gehalten, die womöglich den emeritierten Papst Benedikt betreffen. Sein Nachfolger Franziskus plädiert für null Toleranz, aber auch aus seiner Amtszeit als argentinischer Primas gibt es Vorwürfe, dass er Missbrauchsvorwürfen nicht nachgegangen sei. Der Heilige Vater erinnert Frau Florin an Michail Gorbatschow, der mit seiner Perestroika nicht weit gekommen sei.

          Zum Schluss landet die Debatte bei spekulativer Psychologie. Ermöglicht die katholische Kirche durch ihre Sexualmoral und das priesterliche Eheverbot eine negative Elitenauswahl, zu der sich Männer mit unterdrückter Sexualität hingezogen fühlen? Leistet sie dadurch Vorschub für sexuellen Missbrauch? Dann wäre sie eine kriminelle Vereinigung. So weit will auch Frau Florin nicht gehen.

          Bischof Ackermann windet sich vor einer klaren Aussage. Wer seine Sexualität unterdrücke, dürfe nicht zum Priester geweiht werden. Welcher Diagnostik bedient er sich? Für Matthias Katsch ergeben das Beichtgeheimnis, dunkler Machtwillen und unterdrückte Sexualität eine toxische Mischung. Gegen fortgesetzten Missbrauch unter dem Dach der Kirche setzt er auf bessere Gesetze. Die kirchliche Gerichtsbarkeit solle auch Laien beteiligen. Missbrauchsopfer solle die Kirche finanziell großzügig entschädigen aus Einsicht, dass der erlittene Schaden seelisch nicht wiedergutzumachen sei.

          Damit geht eine Diskussion zu Ende, die wie eine Achterbahn rauf und runter jagte, im düsteren Tunnel auch lüsterne Blicke auf Einzelheiten warf, die keiner wissen will, ihren Ausgang aber nahm von einer Studie, an deren Ergebnissen ihre Verfasser selber Zweifel anmelden. Es wäre sinnvoll gewesen, Christian Pfeiffer und ein Mitglied der Forschergruppe einzuladen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Großbritannien und Iran : Zwei Tanker und eine Retourkutsche

          Kritiker werfen der Regierung in London vor, sie sei vom Machtkampf um die Nachfolge Mays abgelenkt. Tut sie zu wenig für die Sicherheit der britischen Schiffe im Persischen Golf?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.