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Zeppelin NT : Der fliegende Entschleuniger

  • -Aktualisiert am

Fliegen ist schöner im Zeppelin. Impressionen von unserer Reise, festgehalten von Reuters-Fotograf John Schults Bild: REUTERS

Wer mit einem Zeppelin NT fährt, darf es nie eilig haben. Er ist langsam und etwas schwerfällig. Aber er versetzt alle Sinne seiner Passagiere in Verzückung.

          5 Min.

          Das an-Bord-Gehen geschieht immer paarweise. Wer hier als Single in der kleinen Warteschlange auf dem Gelände des Flughafens Friedrichshafen steht, bekommt eben einen Partner zugewiesen - zumindest fürs Einsteigen. Denn um das fragile Gleichgewicht des Zeppelins nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen, dürfen auf je zwei aussteigende Gäste immer nur je zwei Passagiere in die Kabine klettern. Dann heißt es anschnallen und erst einmal durchatmen. Anders als in den eng bestuhlten Kabinen moderner Passagierflugzeuge finden sich hier an Bord opulente Raum- und Sichtverhältnisse. Jeder der zwölf Passagiere hat einen Platz am Fenster, und diese sind keine kleinen Bullaugen, sondern riesige Scheiben, durch die fast ein Rundumblick möglich ist.

          Aber das Allerbeste: Hat der Zeppelin NT nach dem Abheben und einem kurzen steilen Steigflug seine Reiseflughöhe von 1000 Fuß über Grund, also etwa 330 Meter erreicht, darf sich jeder Fluggast frei in der Kabine hin und her bewegen. Fast schon eine Art Separée befindet sich im Heck der Passagierkabine: Eine Sitzfläche für zwei Personen mit Panoramascheibe lässt einen atemberaubenden Blick auf das Heck des Luftschiffs oder direkt in die Tiefe zu. Kein Wunder, dass in dem kurzen Einführungsfilm vor dem Flug ein früherer Kommandant davon schwärmt, dass das Luftschiff die schönste Art des Reisens sei. Wer einmal Zeppelin geflogen ist, wird ihm beipflichten. Schließlich ist die Sicht unvergleichlich, die drei Propellermotoren sind kaum zu hören, und in welchem Luftfahrzeug ist es sonst erlaubt, unterwegs das Fenster aufzumachen?

          Überall starten und landen

          Eile und Hektik fallen von den Passagieren ab, jeder der Fluggäste steht an einem Fenster und beobachtet fasziniert die Landschaft, die wie in einem Film langsam unter dem Luftschiff vorbeizeiht. Der Pilot auf diesem Flug, Oliver Jäger, kommt ursprünglich aus der Hubschrauberfliegerei. Denn Zeppelinfliegen kann man nicht wie beim Segel-, Motor- oder Helikopterflug von der Pike auf erlernen, sondern man muss als Pilot quasi umsteigen. Deshalb bildet die Zeppelin-Reederei in Friedrichshafen auch Luftschiff-Führer aus. Diese müssen aber bereits eine Berufspilotenlizenz mitbringen, entweder für Flugzeuge oder Hubschrauber. Derzeit sind sechs Piloten fest angestellt. Sie steuern einen in Friedrichshafen stationierten Zeppelin NT, wobei das NT für Neue Technologie steht, und ein Schwesterschiff, das normalerweise im Ausland operiert.

          Bei geeignetem Wetter wird an sieben Tagen in der Woche geflogen. Zusätzliche Piloten werden normalerweise dann ausgebildet, wenn ein Zeppelin NT verkauft oder verleast wird und für diesen neue Flugzeugführer geschult werden. Helikopterpiloten tun sich nach Auskunft von Fritz Günther, Chefpilot bei der Zeppelin Luftschifftechnik, etwas leichter mit der Umschulung auf das Luftschiff, weil sie mit dem Hovern, also stationärem Schweben über einem Punkt oder sogar Rückwärtsfliegen, bereits vom Hubschrauber her vertraut sind. Das kennen Piloten von Flugzeugen in dieser Form nicht. Allerdings hat der 75 Meter lange und fast 18 Meter hohe Zeppelin ohnehin seine eigenen fliegerischen Besonderheiten. Er ist weniger wendig als andere Fluggeräte, weshalb man sehr vorausschauend fliegen muss. Der Zeppelin NT kann quasi überall starten und landen. Aber er kann nicht ohne speziellen Ankermast über Nacht auf einem fremden Flugplatz stationiert bleiben.

          Opulente Raum- und Sichtverhältnisse: Jeder Passagier hat einen Platz am Fenster Bilderstrecke
          Opulente Raum- und Sichtverhältnisse: Jeder Passagier hat einen Platz am Fenster :

          Deshalb muss der Pilot etwa bei Überführungsflügen manchmal auch erst abwarten, bis der dazugehörige Lastwagen mit seinem ausfahrbaren Ankermast am Airport auftaucht, um das Luftschiff nach der Landung für einen längeren Aufenthalt sicher andocken zu können. Die Faszination des langsamen, nahezu lautlosen Fliegens mache diese Besonderheiten aber mehr als wett, betont Günther. Dass ein Zeppelin kein Racer ist, macht seine Geschwindigkeit deutlich. 36 bis 38 Knoten, also etwa 65 Kilometer je Stunde „schnell“ ist der Zeppelin NT im Reiseflug. Aber Speed ist überhaupt kein Thema - eher so etwas wie die Wiederentdeckung der Langsamkeit. Der Geschäftsführer von Zeppelin Luftschifftechnik und Deutscher Zeppelin Reederei in Friedrichshafen, Thomas Brandt, sieht in der Begeisterung für das Luftschiff in der heutigen, schnellebigen Zeit auch einen Trend, das Leben und das Reisen zu entschleunigen.

          Gleichzeitig sei der Zeppelin ein ungeheurer Sympathieträger, und das nicht nur am Bodensee. Diese Region wurde durch Ferdinand Graf von Zeppelin als Geburtsstätte für die Giganten am Himmel berühmt. Doch von Tradition kann niemand leben. Deshalb ist Thomas Brandt hocherfreut, dass er 2011 einen Großauftrag aus Nordamerika erhalten hat, der seinen Beschäftigten ihre wirtschaftliche Grundlage in den nächsten Jahren sichert. Drei Zeppelin NT gehen an den amerikanischen Reifengiganten Goodyear, der seit vielen Jahren Luftschiffe zu Werbezwecken einsetzt und diese früher auch selbst produzierte. Das waren Prallluftschiffe, die über kein festes Innengerüst wie ein Zeppelin verfügen. Die Stabilität wird bei ihnen allein durch die mit Helium gefüllte Hülle gewährleistet. Deshalb sind bei diesen sogenannten Blimps die Motoren auch direkt an der Pilotenkabine angebracht.

          Dadurch sind sie allerdings lauter für die Passagiere, schwerfälliger zu steuern und benötigen eine größere Bodencrew bei Start und Landung als ein Zeppelin NT. Thomas Brandt betont, dass es viel Überzeugungsarbeit über fünf Jahre hinweg benötigte, bis dieser Exportauftrag erzielt wurde. Alle drei Zeppeline NT werden in Einzelteilen in die Staaten geliefert und dort endmontiert. Das habe zwei Vorteile: Der bis zu zwei Millionen Euro teure Transport per Spezialschiff entfalle, zudem hätten die nationalbewussten Amerikaner bei Goodyear dadurch auch eher das Gefühl, dass es „ihr“ Luftschiff sei, als wenn es fertig aus Europa gekommen wäre. Etwa 44 Millionen Euro umfasst der Auftrag für die drei Zeppeline, die dazugehörige Logistik und die Ausbildung der Goodyear-Piloten. Das erste Luftschiff soll 2014 abheben.

          Anders als bei den deutschen Zeppelinen, die nur nach Sicht geflogen werden dürfen, sollen ihre amerikanischen Pendants auch bei Instrumentenflugbedingungen einsetzbar sein. Das bedeutet, dass sie ähnlich wie Passagierflugzeuge sogar in Wolken und bei schlechter Sicht unterwegs sein können. Nur Schneefall macht eine Resie unmöglich. Denn die Flocken bleiben auf der Hülle liegen, sie würden den Zeppelin deutlich schwerer machen und ihn nach unten drücken. Eine moderne Fly-by-wire-Technik wie in Passagierflugzeugen, bei der es keine mechanische Verbindung mehr zu den Rudern gibt, sondern Elektromotoren die Steuerimpulse übertragen, ist ein weiterer Trumpf, den der Zeppelin NT im Vergleich zu den technisch veralteten Prallluftschiffen der amerikanischen Hersteller ausspielen kann.

          Dazu kommt eine eigens entwickelte, revolutionäre Schubsteuerung: Mit deren Hilfe erhöhen zwei Propeller am Heck die Manövrierbarkeit. Zwar wird der Zeppelin NT bei Reisegeschwindigkeit ähnlich wie ein Flugzeug durch Seiten- und Höhenruder gesteuert. Diese lassen aber bei Geschwindigkeiten unter 25 Knoten, etwa 45 Kilometer je Stunde, deutlich in ihrer Wirkung nach. Durch Schwenken eines Propellers nach unten kann die Nickbewegung des Luftschiffs verstärkt oder verringert werden, ein zweiter Propeller im Heck wirkt ähnlich wie der Heckrotor eines Helikopters in lateraler Richtung. Diese beiden Luftschrauben kompensieren im Langsamflug die nachlassende Wirkung der Ruderflächen und werden ebenso wie diese durch einen Sidestick vom Piloten angesteuert.

          Goodyear wird die drei neuen Zeppeline vor allem für Werbezwecke einsetzen, der Passagiertransport steht bei den Amerikanern nicht im Vordergrund. Durch den Exportauftrag nach Amerika, so hofft man in Friedrichshafen, werden auch andere Kunden auf den 1997 zum Erstflug gestarteten und seit 2001 regulär im Dienst stehenden Zeppelin NT aufmerksam. Allerdings kann man es sich auch bei den hierzulande eingesetzten Zeppelinen nicht erlauben, lediglich auf den Passagiertransport zu setzen. Drei Standbeine machen das Einsatzprofil eines Zeppelin NT laut Firmenchef Brandt aus: Passagiertransport, Forschung und Werbung.

          Mit dem Zeppelin NT wurden nicht nur Forschungsflüge im Bereich Umweltschutz unternommen, im südafrikanischen Botswana kam ein Luftschiff vom Bodensee auch erfolgreich bei der Suche nach neuen Lagerstätten für Edelmetalle zum Einsatz. Dieser wird auch durch seine lange Flugdauer möglich. Ein Zeppelin ist zwar nicht schnell, aber er kann bis zu 24 Stunden ununterbrochen in der Luft bleiben. Das ist bei Forschungsmissionen ebenso wie etwa bei der Überwachung von Grenzen von Vorteil.

          Zudem ist er sehr leise, was speziell bei Einsätzen über dichtbesiedelten Gebieten wichtig ist. Und bei den Zeppelinen für Goodyear werde zukünftig auch eine moderne LED-Leuchttechnik installiert, um die Werbung auf der Aussenhülle flexibler gestalten zu können. Dieser Mix aus allen drei Einsatzzwecken, so betont Brandt, mache den Zeppelin NT für potentielle Kunden interessant. Den zwölf Passagieren bei diesem herbstlichen Flug entlang des Bodensees vor imposanter Alpenkulisse ist die Wirtschaftlichkeit eines Zeppelins hingegen völlig egal. Sie strahlen alle nach dem Aussteigen und sind begeistert von dieser entschleunigten, aber umso sinnlicheren Form der Luftfahrt.

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