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Zeppelin NT : Der fliegende Entschleuniger

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Opulente Raum- und Sichtverhältnisse: Jeder Passagier hat einen Platz am Fenster Bilderstrecke
Opulente Raum- und Sichtverhältnisse: Jeder Passagier hat einen Platz am Fenster :

Deshalb muss der Pilot etwa bei Überführungsflügen manchmal auch erst abwarten, bis der dazugehörige Lastwagen mit seinem ausfahrbaren Ankermast am Airport auftaucht, um das Luftschiff nach der Landung für einen längeren Aufenthalt sicher andocken zu können. Die Faszination des langsamen, nahezu lautlosen Fliegens mache diese Besonderheiten aber mehr als wett, betont Günther. Dass ein Zeppelin kein Racer ist, macht seine Geschwindigkeit deutlich. 36 bis 38 Knoten, also etwa 65 Kilometer je Stunde „schnell“ ist der Zeppelin NT im Reiseflug. Aber Speed ist überhaupt kein Thema - eher so etwas wie die Wiederentdeckung der Langsamkeit. Der Geschäftsführer von Zeppelin Luftschifftechnik und Deutscher Zeppelin Reederei in Friedrichshafen, Thomas Brandt, sieht in der Begeisterung für das Luftschiff in der heutigen, schnellebigen Zeit auch einen Trend, das Leben und das Reisen zu entschleunigen.

Gleichzeitig sei der Zeppelin ein ungeheurer Sympathieträger, und das nicht nur am Bodensee. Diese Region wurde durch Ferdinand Graf von Zeppelin als Geburtsstätte für die Giganten am Himmel berühmt. Doch von Tradition kann niemand leben. Deshalb ist Thomas Brandt hocherfreut, dass er 2011 einen Großauftrag aus Nordamerika erhalten hat, der seinen Beschäftigten ihre wirtschaftliche Grundlage in den nächsten Jahren sichert. Drei Zeppelin NT gehen an den amerikanischen Reifengiganten Goodyear, der seit vielen Jahren Luftschiffe zu Werbezwecken einsetzt und diese früher auch selbst produzierte. Das waren Prallluftschiffe, die über kein festes Innengerüst wie ein Zeppelin verfügen. Die Stabilität wird bei ihnen allein durch die mit Helium gefüllte Hülle gewährleistet. Deshalb sind bei diesen sogenannten Blimps die Motoren auch direkt an der Pilotenkabine angebracht.

Dadurch sind sie allerdings lauter für die Passagiere, schwerfälliger zu steuern und benötigen eine größere Bodencrew bei Start und Landung als ein Zeppelin NT. Thomas Brandt betont, dass es viel Überzeugungsarbeit über fünf Jahre hinweg benötigte, bis dieser Exportauftrag erzielt wurde. Alle drei Zeppeline NT werden in Einzelteilen in die Staaten geliefert und dort endmontiert. Das habe zwei Vorteile: Der bis zu zwei Millionen Euro teure Transport per Spezialschiff entfalle, zudem hätten die nationalbewussten Amerikaner bei Goodyear dadurch auch eher das Gefühl, dass es „ihr“ Luftschiff sei, als wenn es fertig aus Europa gekommen wäre. Etwa 44 Millionen Euro umfasst der Auftrag für die drei Zeppeline, die dazugehörige Logistik und die Ausbildung der Goodyear-Piloten. Das erste Luftschiff soll 2014 abheben.

Anders als bei den deutschen Zeppelinen, die nur nach Sicht geflogen werden dürfen, sollen ihre amerikanischen Pendants auch bei Instrumentenflugbedingungen einsetzbar sein. Das bedeutet, dass sie ähnlich wie Passagierflugzeuge sogar in Wolken und bei schlechter Sicht unterwegs sein können. Nur Schneefall macht eine Resie unmöglich. Denn die Flocken bleiben auf der Hülle liegen, sie würden den Zeppelin deutlich schwerer machen und ihn nach unten drücken. Eine moderne Fly-by-wire-Technik wie in Passagierflugzeugen, bei der es keine mechanische Verbindung mehr zu den Rudern gibt, sondern Elektromotoren die Steuerimpulse übertragen, ist ein weiterer Trumpf, den der Zeppelin NT im Vergleich zu den technisch veralteten Prallluftschiffen der amerikanischen Hersteller ausspielen kann.

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