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Wilfried Erdmann : Allein auf weiter See

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Angeborene Lockerheit, fehlende nautische Kenntnisse: Die Karibikinsel St. Vincent fand der junge Erdmann nach seinem Atlantiktörn trotzdem schön Bild: Erdmann

Er brach als erster Deutscher zu einer Einhandweltumsegelung auf. Jetzt veröffentlicht Wilfried Erdmann seine Memoiren. Vorab veröffentlichen wir ein Kapitel über seine erste Atlantiküberquerung im Jahr 1966 in gekürzter Form.

          Allein über den Ozean. Die Umsetzung dieser vier Worte wurde am 27. Oktober 1966 von Las Palmas/Gran Canaria aus angegangen. Am frühen Nachmittag, die Sonne war gerade durch den Zenit, im Hafen Mittagspause, holte ich den Anker ein. Ich wählte absichtlich die Mittagspause als Abfahrtszeit, um nicht eventuell von einem Behördenboot aufgehalten zu werden und Fragen und Bemerkungen zu vermeiden: Wohin? Amerika? Amerika! Kontrolle! Keine Notausrüstung. Keinen Funk. Keinen Segelschein. Not possible!

          Laut Logbuch ließ ich Gran Canaria mit einem leichten Nordost an Steuerbord liegen. Als die Südküste sichtbar wurde, begrüßte uns der Ozean mit einer Dünung, die „Kathena“ unrhythmisch rollen ließ. Das Großsegel und die Schoten der Genua schlugen und knallten. Erst mit der Dunkelheit versank die Insel achteraus, und das bisschen Wind drehte auf Süd. Mit dieser Segelstellung musste ich die Nacht durch an der Pinne sitzen. Das war für den Anfang nicht, was ich erträumte, aber unausweichlich. Mit einer Flasche Limo setzte ich mich ins Cockpit und ließ „Kathena“ abwechselnd dümpeln, schlagen, stillstehen und laufen. Ich saß mal rechts, mal links von der Ruderpinne. Stürzte aufs Deck, um Segel überzuholen oder eine Bullentalje zu setzen. Und dachte: Geht das schon wieder los mit Schwachwind. Den hatte ich zur Genüge zwischen Gibraltar und den Kanaren erduldet. Die Nacht wurde lang und länger.

          Gegen sechs Uhr in der Früh saß ich immer noch an der Pinne. Klamm und verkrampft, hungrig und müde. Ich stieg aufs Kajütdach und sah den Teide auf Teneriffa in Nordwest. Damit war klar, es lagen für die Mühe zu wenige Meilen achteraus. Dennoch harrte ich aus, steuerte und freute mich, dass ich allein auf weiter See war.

          Mit dem Durchgang der Sonne zu Mittag löste der drehende Wind mich an der Pinne ab. Mittelleicht und aus Ost bedeutete: Ich kann die Passatsegel setzen. Damit würde die Steuerung ohne mein Zutun fertig. Hui, das war schön. In mir entstand eine große Ruhe. 66 Meilen waren das Resultat der ersten 24 Stunden. Mein erstes Etmal seit Las Palmas, denn auf See rechnet man in Etmalen (bei mir: zurückgelegte Distanz von Mittag zu Mittag).

          Wilfried Erdmanns erste „Kathena“, ein Holzboot von 7,60 Meter Länge

          Technisch herrschte bei mir ein Zustand wie bei Kolumbus. Keine Zeit mangels Uhr und Radioempfänger. Nur Sextant, nautische Tafeln und Seekarten (hatte Kolumbus natürlich nicht) standen mir bis zu den Antillen zur Verfügung. Und ein Schlepplog (das hatte Kolumbus sicher an Bord, nur in anderer Form).

          Um anzukommen, wollte ich: meinen gesteuerten wahren Kurs täglich in die Seekarte eintragen; das Etmal mit Hilfe der Logge plus geschätzter Strömung hinzufügen; etwa Mitte des Atlantiks direkt auf den Breitengrad von Barbados gehen; bei gekoppelter Nähe vor Barbados mehrmals täglich in den Mast klettern und Ausguck nach der Insel halten; dann auch nachts konsequent Wache gehen, da die Insel zwei Leuchtfeuer auswies; in Inselnähe nach Seevögeln Ausschau halten. Diese Auflistung klebte ich ans Schott gleich neben die Weltkarte, damit ich sie auf keinen Fall aus den Augen verlieren würde.

          Meine erste Eintragung ins Atlantik-Logbuch: Rein segeltechnisch passiert nichts Besonderes. Mit Öljacke in die Koje zum Schlafen. Danach nackt an Deck. Heiß. Der fehlende Wind lässt mich schwitzen und „Kathena rollen. Teneriffa und Gran Canaria noch sichtbar. Abends kehrt Stille an Bord ein. Kein Wind. Kein Schiff. Keine schlagenden Segel. Flaute macht sich breit.

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