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Haus und Wohnung : Wie man sich effektiv gegen Einbrüche schützt

Nicht reinlassen: Die Sicherung der Außenhaut ist das Wichtigste Bild: Gregor Schlaeger / VISUM

Nach einem Einbruch ist nichts mehr, wie es war. Die psychische Belastung ist oft schlimmer als der materielle Schaden. Der Schutz der körperlichen Unversehrtheit ist von unbezahlbarem Wert. Wie also Haus und Wohnung schützen?

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          Der Anruf kommt am frühen Vormittag. Ob wir doch nicht in Urlaub gefahren seien, die Haustür stehe offen, spricht die Nachbarin am Telefon. Das klingt nicht gut. Sie geht hinein und versucht es mit einem Scherz: „Fernsehen könnt ihr nicht mehr.“ Nichts berühren, die 110 wählen. Die Polizei durchkämmt das Haus, sichert Spuren und findet tröstende Worte: Es ist kein Chaos angerichtet. Es folgt die Frage, wer die Tür sichert. Kann man weder Türbauer noch Freunde mit handwerklichen Fähigkeiten auftreiben, rückt die Feuerwehr an. Der vierte Fall an diesem Morgen sei dies, lässt die Polizei wissen. Lange Wochenenden sind Langfingers Liebling. 149.500 Haus- und Wohnungseinbrüche in Deutschland zählt die Kriminalstatistik 2013, Tendenz steigend, in der nächsten werden wir auftauchen. Erschüttert, verletzt, ohne Antwort. „Wer bestiehlt denn Kinder?“, fragen die jüngsten der Familie, deren Spardosen natürlich weg sind.

          Holger Appel
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Die geplagten Versicherer können einem auch leid tun. Der HDI schickt ein Schreiben, man möge die gestohlenen Gegenstände auflisten und Belege beifügen. Das ist einfacher gesagt als getan. Den Überblick in durchwühlten Schränken zu gewinnen dauert, viel später noch entdeckt man weitere Dinge, die fehlen. Merke: Zur Beweisführung sind Rechnungen das einzig Wahre. Alles andere führt zu Diskussionen um den beizumessenden Wert. Wichtig sind Fotos von Schmuckstücken. Manche Diebe sind für Überraschungen gut. Im vorliegenden Fall wird entwendet: Philips-Fernseher, Apple Mac Book Air, Sony Playstation 4 mitsamt Spielen, Breitling-Uhr mit blauem Ziffernblatt, weiße Perlenkette, und so weiter. Aber auch: Adidas-Fußballschuhe, Anzüge von Boss. Das Diebesgut sei teilweise untypisch, vermerkt die Polizei, meist nehmen Einbrecher nur mit, was sich leicht tragen und schnell versilbern lässt: Handy, iPod, Digitalkamera, Laptop, solche Dinge. Wahrscheinlich waren die Diebe länger im Haus. Gewöhnliche Brüche dauern nur wenige Minuten.

          Des Einbrechers größter Feind: Der Pilzzapfen hält dicht
          Des Einbrechers größter Feind: Der Pilzzapfen hält dicht : Bild: ?

          Zum Abtransport der Beute nehmen Diebe schwarze Taschen mit, hier eine Penske-Mercedes-Sporttasche und einen Schulranzen von Eastpak. Wer glaubt, er könne Einbrecher mit einem Geldschein oder einer scheinbar achtlos abgelegten Uhr ablenken, irrt. „Es kann passieren, dass diese Dinge liegenbleiben“, sagt die Polizei. Die Diebe suchen in Schränken, räumen Bücher aus dem Regal und hängen Bilder ab - es könnte ein Tresor dahinter sein. Großes Interesse wecken abgeschlossene Schubladen. Um ungestört arbeiten zu können, lassen die Einbrecher Rollläden herunter, ziehen Gardinen zu und schließen Rollos an Dachfenstern.

          Effektiver Schutz durch Dreifachverglasung

          Wie sind die Kerle reingekommen? Fast alle Einbrüche finden über Fenster und Terrassen-/Balkontüren statt. Nur zwei Prozent über die Eingangstür. Mit einem Schraubenzieher (lässt sich unauffällig tragen) oder einem Kuhfuß (entfaltet stärkere Hebelwirkung) wird am Rahmen angesetzt und aufgestemmt. Mal wird das Schloss aus dem Rahmen gebrochen, mal die ganze Tür ausgehebelt, mal die Scheibe mit einem Kanaldeckel eingeworfen. Licht und Lärm stören, aber den geübten Gangster schreckt das kaum. Bewegungsmelder mit Scheinwerfer im Garten? Wird weggedreht oder abgeschlagen. Haken am Schacht fürs Kellerfenster? Wird mit einem Hammerschlag zerstört. Alarmsirene in erreichbarer Höhe? Karton drüber und ausgeschäumt. Warum reagieren Nachbarn nicht? Weil gern in der Dämmerung eingebrochen wird, da glaubt die Krach vernehmende Nachbarschaft, der Hausherr versuche sich mal wieder als Heimwerker. Nachts haben sowieso alle rundherum die Rollläden unten. Prima, wer nicht gesehen wird, der sieht auch nichts. Es geht auch ganz dreist: Mit dem gemieteten Lastwagen vom Möbelhaus lässt sich auffällig unauffällig der komplette Hausstand abtransportieren. Und wer hält schon eine Dachdeckerfirma auf, die mit Montagewagen vorfährt und das Dachfenster ausbaut? Die Polizei registriert neuerdings viele Einbrüche in Kindergärten. Dort ist nichts zu holen, aber üben lässt sich daran trefflich.

          Mechanische Sicherung der Außenhaut ist das Wichtigste“, sagt Thomas Tauber von der Polizeilichen Beratungsstelle Westhessen. Türen und Fenster müssen möglichst lang Widerstand leisten, dann lässt der Einbrecher in der Regel ab. Manche aber sind hartnäckig: „Wir sehen Türen, da sind 30 bis 40 Ansätze mit dem Hebelwerkzeug dran.“ Viele Menschen denken an die Sicherung von Keller und Erdgeschoss und vernachlässigen den ersten Stock. Aber Einbrüche, bei denen die Verbrecher auf Garagen steigen, an Dachrinnen hochklettern oder Kinder auf den Balkon heben, nehmen zu.

          Somfy trickst genial mit Licht und Läden
          Somfy trickst genial mit Licht und Läden : Bild: Somfy

          Eine Hürde ist die richtige Scheibe. „Dreifachverglasung, eventuell mit Durchwurfhemmung, ist nicht nur Wärme- und Schallschutz, sondern auch Einbruchschutz“, sagt Matthias Henrich vom gleichnamigen Glasbau in Hofheim am Taunus. Es gebe Einbrecher, die versuchten, solche Scheiben einzuschlagen, doch die meisten scheuten die Verletzungsgefahr - DNA-Spuren sind für die Polizei ein Trumpf. Gleichwohl versuchen Täter, Löcher ins Glas zu schneiden und den Griff umzulegen oder ihn auszuhebeln, weshalb die Fachleute abschließbare Tür- und Fenstergriffe empfehlen - Schlüssel abziehen nicht vergessen. Fenster und Fenstertüren sollten mit möglichst vielen Pilzzapfen gesichert sein, an modernen Terrassentüren rasten bis zu 11 Stück ein. In der Regel sind Fenster ab Baujahr 1990 austauschfähig. Eingangstüren sollten seitlich, oben und unten verriegeln. Als erstrebenswert gilt DIN EN 1627 und Widerstandsklasse RC 2. „Da kommt der Otto-Normal-Einbrecher nicht rein“, sagt Glasbauer Henrich. Und Polizist Tauber ergänzt: „Man sollte regelmäßig kontrollieren, ob die Bolzen vollständig einrasten. Bienen, Staub oder Fett verhindern das bisweilen. Dann ist die Verriegelung anfällig.“ Dachfenster sind ein Fall für sich. Sie sind konstruktiv bedingt schlechter gesichert, allerdings muss der Einbrecher nach außen hebeln und hat auf der Schräge schlechten Stand, was er wenig mag.

          Falschalarm sollte vermieden werden

          In jedem Fall lohnt es sich, auf den Fachbetrieb zu hören. Die Polizeilichen Beratungsstellen stehen ebenso zur Seite, ihre Mitarbeiter begutachten nach Terminvereinbarung das Haus. Dann kommt die Sprache auch auf Gitter. Ihre Stäbe sollten höchstens 12 Zentimeter auseinanderliegen und einen handelsüblichen Wagenheber aushalten. Niemand sollte glauben, durch kleine Löcher komme keiner durch. „Wir haben junge Täter. Es ist unvorstellbar, durch welche Öffnungen Kinder passen“, warnt die Polizei. Rollläden sind Fluch und Segen. Sie erschweren den Einbruch, weil sich elektrisch betätigte Läden kaum oder speziell verriegelte nicht hochschieben lassen. Andererseits verraten tagsüber geschlossene Rollläden leer stehende Häuser oder Wohnungen. Der geschulte Freitagabendkrimi-Hobbykommissar denkt, Diebe hörten Taxifunk ab oder spionierten Passagierlisten von Fluggesellschaften aus. Das ist nach Erkenntnissen der Polizei selten der Fall. Meist fahren die Banden durch die Straßen und entdecken ihre Beute spontan. Hier kommen einfache Gegenstände aus der Abteilung Tricksen, Tarnen, Täuschen ins Spiel. Zum Beispiel Fake-TV. Das Gerät kostet 25 Euro und simuliert über LED einen laufenden Fernseher. Im Obergeschoss eingesetzt, lässt die kleine Kiste Zweifel aufkommen.

          Abus schließt schlau und smart
          Abus schließt schlau und smart : Bild: Abus

          Professionell gehen den zusätzlichen Schutz Unternehmen wie Abus oder Somfy an. Letzteres ist bekannt für seine Rollladensteuerung. Die kann Somfy über seine relativ günstige Tahoma-Steuereinheit (ohne Alarm oder ergänzt um die Protexial Gefahrenwarnanlage) anschließen und damit Anwesenheit simulieren. Rollläden fahren morgens hoch und abends runter, auf Wunsch auch via Smartphone-App. Zudem kann das System Deckenleuchten ansteuern und in verschiedenen Räumen Licht an- und ausschalten. Bewegungsmelder außen am Haus schließen die Rollläden, sobald sich jemand nähert. Wer Bewegungsmelder im Inneren einsetzt und ein Haustier hat, sollte darauf achten, dass sie tierimmun sind. Der Melder erkennt, ob Mensch oder Tier seine Strahlen kreuzt. Meistens. Hunde gelten als klar erkennbar, Katzen hingegen werden zum Tiger, wenn sie auf Möbel springen. Auch hier gilt wieder: Der Fachmann weiß, welches Gerät wo eingesetzt werden kann. Falschalarm gilt es zu vermeiden, er ist der Tod jeder Anlage. Erstens schauen die Nachbarn fortan weg, zweitens berechnet die Polizei je Einsatz ohne Einbrecher 125 Euro. Übrigens können Privatleute ihre Alarmanlage nicht direkt an die Polizei koppeln, das ist nur Banken oder Juwelieren erlaubt. Private Wachdienste fordern etwa 30 Euro Monatspauschale zuzüglich Einsatzgebühr. Aber auch die fahren mit angezogener Handbremse los, wenn „bei Müllers schon wieder Alarm ausgelöst wurde“.

          Körperliche Unversehrtheit ist unbezahlbar

          Profis wie Abus können aus dem Haus Fort Knox machen, aber schon unterhalb dessen lässt sich mit Magnetkontakt, Glasbruchmelder, Kamera, Sirene und Blitzer viel erreichen. Das Topsystem heißt Ultivest, es arbeitet mit aufwendiger Funktechnik und hat als Clou ein elektronisches Türschloss. Das Control-Key genannte Stück sitzt in der Haustür, ein Chip ersetzt den Schlüssel. Wer die Tür ordnungsgemäß öffnet, schaltet zwangsläufig die Alarmanlage ab. Falls einmal einer seinen Chip vergessen hat oder die Putzfrau nur auf Verlangen Zutritt haben soll, kann der Eigentümer über eine App auf seinem Smartphone die Tür für einige Sekunden fernentriegeln. Rundumschutz hat freilich seinen Preis, Spitzenanlagen wie diese können für ein Einfamilienhaus leicht 8000 Euro kosten.

          Mit Sicherheit: Bublitz lässt mit seinem Alarm staunen
          Mit Sicherheit: Bublitz lässt mit seinem Alarm staunen : Bild: Bublitz

          In jedem Fall scheuen Hausbesitzer in der Nachrüstung Verkabelungen, nur im Neubau lassen sich Melder in Fensterrahmen und Wand unsichtbar integrieren. Deshalb arbeiten die meisten Anlagen mit über Funk verbundenen Meldern, was der Tüftler und Unternehmer Werner Bublitz für immer noch zu aufwendig und zudem für unsicher hält. Mit einem Störsender ließen sich die Anlagen ausschalten, meint er. Sein Einbrecherschreck ist ein nüchterner Kasten, der nur eine Steckdose braucht und irgendwo stehen kann. Das Gerät reagiert auf Veränderung von Druck und Resonanzfrequenz im Haus, wie sie typisch beim Aufhebeln entsteht. Einzige Bedingung: Alle Räume müssen über die Luft verbunden sein. Türen schmeißen sollte man freilich sein lassen. Das System klingt nach Hexenwerk, hat aber bei einer Vorführung zuverlässig funktioniert. Wir werden es einem längeren Test unterziehen und berichten.

          Die Polizei unterstreicht indes: Alarmanlagen sind nur Zusatzschutz, der abschreckt, aber in der Regel erst wirkt, wenn schon eingebrochen ist. Die meisten Einbrecher, die drei Minuten Zeit haben, nehmen auch unter heulender Sirene mit, was sie kriegen können. Zu glauben, so erwische man Diebe, scheint auch Illusion zu sein. Wird Alarm ausgelöst, sind sie fast immer weg, bis die Polizei eintrifft. Deshalb hat der mechanische Schutz der Außenhaut höchste Priorität. Wer nicht reinkommt, kann nichts klauen. Und was tun, wenn der schlimmste Fall eintritt und man zu hause ist, während die Einbrecher eindringen? Polizist Tauber hat eine klare Anweisung: Keine Konfrontation suchen. Licht anschalten, Lärm machen, sich gegebenenfalls einschließen und die 110 wählen. Die Jagd auf Verbrecher gehört in die Hand der Staatsmacht. Wertgegenstände sind ersetzbar, körperliche Unversehrtheit unbezahlbar. Das sind mehr als hehre Worte. Die verletzte Seele ist schon schlimm genug. Geräusche klingen plötzlich anders, jedes Knacken ist verdächtig; viele Opfer liegen nachts wach, manche ziehen gar aus ihren Häusern aus. Doch die Angst zieht meistens mit. Die Zeit muss die Wunde heilen. „Ich hoffe sehr, dass Sie und Ihre Familie den Einbruch und das damit verbundene Eindringen in ihre Privatsphäre gut verarbeitet haben. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das nicht immer einfach ist“, schickte kürzlich der Kommissar vom Tattag eine Mail. Wie gut, wenn es solche Freunde und Helfer gibt.

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