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Netzfrequenz hilft Fahndern : Verraten durch das Stromnetz

  • -Aktualisiert am

Ein Bild von einem Ton: Die Polizei fahndet nach Verbrechern, die Nachrichtendienste nach Whistleblowern. Bild: Ullstein

Schwankungen im Stromnetz geben Zeit und Ort jeder Tonaufnahme preis. Die Polizei macht sich diese Methode zunutze, um Erpresser und Mörder dingfest zu machen. Nachrichtendienste enttarnen damit Whistleblower.

          Bei Tonaufnahmen werden immer Umgebungsgeräusche mit aufgenommen. Und zu diesen Umgebungsgeräuschen zählt ein für den Menschen nicht hörbares Summen. Es wird durch das Stromnetz verursacht. Anhand dieses Summens können IT-Forensiker ermitteln, wann und wo die Tonaufnahme entstanden ist. Die Polizei macht sich diese Methode zunutze, um Erpresser und Mörder dingfest zu machen. Nachrichtendienste enttarnen damit Whistleblower.

          Es begann mit einem Mordfall und einem gleich zu Beginn der Ermittlungen feststehenden Täter. Die Polizei fand eine Tonaufnahme auf dem Smartphone der toten Frau, die mit den Worten endete: „Ich bringe dich um“. Als Sprecher ergab ein Stimmenvergleich den Nachbarn der Frau. Für die Kriminalpolizisten war der Fall klar, die Indizienlage eindeutig. Doch den IT-Forensikern genügte das nicht. Sie fanden zunächst heraus, dass die Tonaufnahme bereits einige Monate alt war. Das war Anlass für weitere Ermittlungen, und an deren Ende stand das Ergebnis, dass der Ehemann der Mörder war. Er hatte die Aufzeichnung aufwendig bearbeitet, um den Verdacht auf den Nachbarn zu lenken.

          Frequenzschwankungen sind wie Fingerabdrücke

          „Der Schwankungsverlauf der elektrischen Netzfrequenz gab den Ausschlag für die Lösung dieses Kriminalfalls“, erläutert der Computerwissenschaftler und IT-Forensiker Niklas Fechner von der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Dadurch konnte die Aufnahmezeit der Morddrohung genau bestimmt werden. Die elektrische Netzfrequenz überträgt sich nämlich durch ein Summen in jede Tonaufnahme. In Westeuropa ist diese Frequenz auf 50 Hertz festgelegt worden. „Das Besondere dieser Frequenz ist aber, dass sie sich ständig geringfügig verändert“, erläutert Fechner. Bei einer Aufnahme von nur fünf oder zehn Sekunden können die Forensiker die minimalen Schwankungen von 50,001 Hertz auf 49,9999 Hertz und wieder auf zum Beispiel 50,002 Hertz genau verfolgen. Diese einzigartigen Schwankungen sind wie ein Fingerabdruck.

          Um diesen Fingerabdruck zu erstellen, wird die Aufnahme auf den 50-Hertz-Bereich konzentriert, „heruntergesampelt“. Anschließend wird die Datei mit einem sogenannten Bandpassfilter bearbeitet, so dass nur das Summen der Netzfrequenz übrig bleibt. „Damit haben wir einen klaren Verlauf der Netzfrequenz vorliegen“, berichtet Fechner. Dieser Frequenzverlauf wird mit den tatsächlichen Netzschwankungen in der Vergangenheit abgeglichen. Dafür gibt es entsprechende Datenbanken, die von den Energieversorgern, aber auch zum Beispiel vom Bundeskriminalamt betrieben werden. Seit dem Jahr 2005 gibt es solche Frequenzdatenbanken auch in Deutschland, und sie stellen sekündliche Abbildungen der Frequenz zur Verfügung.

          Vermummen und verzerren reicht nicht mehr

          In dem geschilderten Mordfall ließ sich die Aufnahmezeit genau bestimmen, und der Aufnahmeort lässt sich über einen Abgleich der regional unterschiedlichen Frequenzschwankungen ebenfalls eingrenzen. Das hat der Polizei schon in manchem Erpressungsfall entscheidende Hinweise geliefert.

          Aber nicht nur nach Erpressern und Mördern fahnden die Sicherheitsbehörden. Die Nachrichtendienste wenden sie an, um Whistleblower zu enttarnen. Das stellt Journalisten vor neue Herausforderungen, um ihre Informanten zu schützen. Bisher zeigten zum Beispiel Fernsehjournalisten ihre Informanten vermummt und verhüllt auf dem Bildschirm, die Stimmen wurden verzerrt. Doch das reicht nicht mehr. Denn mit dem geschilderten Verfahren können Whistleblower unschwer enttarnt werden. Der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA hat in einem Fall sogar flächendeckend das Material von Überwachungskameras in den Bundesländern Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg ausgewertet, um einem Whistleblower auf die Spur zukommen. Nach fünf Tagen war der Mann enttarnt.

          Schauspieler stellen Interviews nach

          „In solchen Fällen muss die Identität von mehreren tausend Menschen ermittelt werden“, berichtet ein früherer Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes. Für jede ermittelte Person wird ein Profil erstellt, mit dem abgeklärt wird, ob sie an die fraglichen Informationen gekommen sein kann. Dafür werden die maßgeblich vom Bundeskriminalamt in den siebziger Jahren entwickelten Methoden der Rasterfahndung eingesetzt. Für Journalisten bedeutet das: Whistleblower dürfen nicht mehr vor eine Kamera, wenn ihre Identität geheim und geschützt bleiben soll. Interviewszenen müssen von Schauspielern nachgestellt werden. Alles andere ist zu riskant.

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